Festivalgelände und Schriftzug "DESINTERESSIERT?"
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- Junge Deutsche: Keine Lust auf "alte Säcke"

Till Müller gründet mitten im Abi-Stress eine eigene Jugendpartei, weil ihm die Mitglieder der etablierten Parteien zu alt sind. Studenten und Geflüchtete entwerfen zusammen Mode um mit ihrer Kollektion Integration sichtbar zu machen. "Die Jugend ist politisch interessiert, aber sie sehen sich nicht in den alteingesessenen Parteien", sagt Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger, der mit seinem Buch "Alte Säcke Politik" die etablierten Parteien provoziert.

Michael Kortenbrede
"Letzten Endes wird mir in der Politik auch zu viel gesprochen und zu wenig getan."

Wolfgang Gründinger
"Wir wissen, dass nur 2,5 Prozent der Mitglieder der SPD oder CDU unter 35 sind."

Till Müller
"Wieso soll ich dann eine Politik für junge Menschen machen, die eventuell älteren Menschen nicht gefällt, wenn ich von den älteren Menschen mehrheitlich gewählt werde?"

Michael Kortenbrede hat im letzten Jahr zusammen mit seiner Cousine das Modelabel "Bayti hier" deutsch: "Hier zuhause" gegründet.

Michael Kortenbrede
"Wir haben eben gesehen, dass es Populisten gibt, die Ängste verbreiten und wir selber haben diese Ängste nie gespürt und haben gedacht: Es muss doch eine Möglichkeit geben, den Leuten die Ängste zu nehmen und kann nicht so ein Projekt ein Ventil sein, um diese Ängste abzubauen."

Deutsche und Syrer entwerfen gemeinsam Mode. Die Idee dahinter: Geflüchtete sollen leichter in der deutschen Gesellschaft ankommen.

Ilham
"Ich bin Ilham, ich bin 28 Jahre alt, ich komme aus Syrien. Sieben Jahre habe ich als Näherin gearbeitet. Ich bin nach Deutschland gekommen und ich finde dieses Projekt so toll, weil ich wieder in meinem Beruf arbeiten kann, den ich sieben Jahre ausgeübt habe."

Das Projekt ist politisch. Aber in eine Partei einzutreten, kam für BWL Student Kortenbrede nicht in Frage.

Michael Kortenbrede
"Dieses Projekt ist ein viel schöneres, viel schnelleres smarteres Ventil als in die Politik einzutreten, wo mehr gesprochen als gehandelt wird." 

In politischen Parteien und Organisation gibt es nur fast keine jungen Leute unter 25. Wolfgang Gründinger ist Soziologe und erforscht die junge Generation.

Wolfgang Gründinger
"Es ist ein großer Mythos, dass die heutige junge Generation unpolitisch wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen. Die heutige Jugend ist sehr politisch. Ist sehr kosmopolitisch unterwegs – und engagiert sich sehr sehr stark – vor allem außerhalb der Parteien."

Der Soziologe kritisiert in seinem Buch die deutsche "Alte Säcke Politik": Gemacht von Parteien mit einem Altersdurchschnitt von über 60.

Wolfgang Gründinger
"Parteien sind sehr langwierige Unterfangen. Es dauert sehr lange und kostet sehr viel Zeit und Energie, bis man innerhalb der Partei tatsächlich etwas bewirken kann. Und noch dazu kommt: Parteien sind nicht gemacht für die Mobilität und Flexibilität der heutigen jungen Generation. Die ziehen sehr oft um von Studienort für's Praktikum und so weiter. Sie sind sehr international und das passt eben nicht mehr zu den Lebenswegen der Jungen.

Vor kurzem trafen sich die etwas anderen "Jung-Politiker" am Potsdamer Platz um ihre Ideen vorzustellen und um für Investoren zu werben. Einer der Teilnehmer will für einen Wandel in der Parteienlandschaft sorgen: Till Müller.

Till Müller
"Zum einen wird Bildungspolitik von Leuten gemacht, deren letzter Ausflug in die Schule sehr sehr lange her ist. Gleichzeitig wird Digitalisierung von Menschen gemacht, die nicht mal ein eigenes Facebook Profil haben. Wieso lassen wir nicht mal Leute ran, die damit aufgewachsen sind. Und es gibt Entwicklungen, die für unheimliche Probleme in der Zukunft sorgen werden. Die werden im Moment häufig einfach ausgespart, weil einfach nur bis zur nächsten Wahl gedacht wird. Wir sind halt die Generation, die mit den Entscheidungen oder den Folgen der Entscheidungen leben muss."

Mit Freunden zusammen hat der frischgebackene Abiturient im Frühjahr die JED, die Jugend und Entwicklungspartei Deutschlands, gegründet. Um Politik für junge Menschen zu machen.

Till Müller
"Die Wahlbeteiligung von jungen Menschen ist ja auch erschreckend gering. Wir glauben aber, dass es nicht an den jungen Menschen liegt, sondern dass es viel mehr an der Politik liegt, die sich nicht mehr für junge Menschen interessiert."

Einer der Gastredner ist Wolfgang Gründinger. Er beschreibt in seinem Vortrag die Auswirkungen des demographischen Wandels: Die Jugend ist in der Minderheit und an der Wahl-Urne nicht entscheidend. Ihr politisches Engagement wird nicht wahrgenommen.

Wolfgang Gründinger
"Ich wünschte mir, dass auch die Parteien sich mehr öffnen, gegenüber solchem jugendlichen versprengten Engagement, das ja oft unterhalb der Oberfläche verläuft. Und in anderen Kulturen und in anderen Räumen passiert, als bei den klassischen Parteien und das es hier viel mehr Austausch gibt und noch viel mehr gegenseitige Unterstützung gibt."

Autorin Simone Brannahl

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