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- Junge Polen: Politik statt Urlaub

Politikverdrossene Jugend? Ja, aber nur wenn es um Parteiarbeit geht. Sechs junge Aktivisten aus Posen haben diesen Sommer Tausende Menschen auf die Straße gebracht. Ihre Proteste gegen die Abschaffung einer unabhängigen Justiz haben sie per Facebook und Twitter organisiert. Anstatt in Urlaub zu fahren, mobilisieren Franciszek Sterczewski und seine Mitkämpfer die Massen.

Jędrzej und Franek gehören keiner Partei oder Organisation an und hatten - genau wie ihre Freunde - nie etwas mit Politik zu tun. Bis es ihnen gelang im Sommer mit Hilfe von Facebook Tausende Posener Bürger auf die Straße zu bringen: Gegen die Justizreform der PiS! Erst als Präsident Duda Ende Juli sein Veto gegen Teile der umstrittenen Reform einlegte, wurde es wieder ruhiger in Posen. Was hat Franek und seine Freunde dazu gebracht, sich politisch zu engagieren?

Franciszek Sterczewski
"Das war reflexartig. Ich musste etwas tun, um nicht zu Hause zu sitzen und mich nur zu ärgern. Ich wollte mich mit Leuten zusammen tun, um mich stärker zu fühlen."

Jędrzej Kucznerowicz
"Ich habe mit  meinen Bekannten, sie sind ebenfalls Juristen, gesprochen. Sie waren resigniert, sagten, dass wir sowieso nichts ändern könnten. Unsere Regierung hat uns schon daran gewöhnt, dass sie uns mit ihren Reformen platt walzt. Und nach den Gesprächen war mir klar, wenn keiner es macht, muss ich es machen."

Franciszek Sterczewski  ist freier Kulturschaffender. Noch nie zuvor hatte er vor einer größeren Menschenmenge gesprochen.

Adriana Rozwadowska
"Wie hast du dich gefühlt, als du vor den 15.000 Menschen gestanden hast und für sie verantwortlich warst?"

Franciszek Sterczewski
"Ich musste mich total zusammenreißen, weil ich normalerweise stottere und Probleme habe auf den Punkt zu kommen. Ich war hoch konzentriert, damit nichts außer Kontrolle gerät."

Zu Beginn jeder Demo werden die Regeln vorgelesen: keine Parteiabzeichen, keine Buh-Rufe, keine aggressiven Schreie, nur positive Parolen.

Franciszek Sterczewski
"Unsere Regeln haben einfach angefangen zu gelten, weil die Menschen so gefühlt haben. Weil sie erkannt haben, dass es auch ihre Grundsätze sind. Von Tag zu Tag wurde ich immer selbstbewusster. Das Ganze hat mich beflügelt. Ich bin immer noch irgendwie geschockt, dass so etwas Schönes möglich ist."

Alle Parteien sind ihnen suspekt. Nicht nur die regierende PiS , auch die zerstrittene Opposition.

Jędrzej Kucznerowicz
"Ich sehe niemanden auf der politischen Bühne, dem ich ehrlich meine Stimme geben könnte. Aber wir haben noch zwei Jahre Zeit bis zu den nächsten Wahlen. Die Situation kann sich noch klären."

Auf ihrer Bühne dürfen nur normale Bürger sprechen. Auch Fachleute, aber keine Politiker.

Adriana Rozwadowska
"Was glaubst du, gibt es diese Energie der Juli-Demonistrationen noch? Und wird sie sich im Herbst wieder zeigen oder hat sie sich verflüchtigt?"

Jędrzej Kucznerowicz
"Weißt du, ich bin positiv überrascht von den Bürgertreffs, die wir jetzt regelmäßig in Form von Picknicks organisieren. Ich bin überrascht, dass unter der Woche so viele Menschen kommen. Es gibt kein besonderes politisches Ereignis, aber die Menschen werden aktiv und machen sich Gedanken über ihre Bürgerrechte."

Franciszek Sterczewski
"Wir warten jetzt den passenden Moment ab, um bald wieder richtig, mit 15.000 oder mehr, positiv und entschlossen zu protestieren."

Der richtige Moment soll bald kommen. Die PiS-Regierung hat schon eine neue "Reformen" angekündigt. Diesmal sind die Medien dran. Mit Hilfe vom Facebook wollen die jungen Posener dann wieder Tausende  Menschen auf die Straße bringen.

Autorinnen Wioletta Weiß & Adriana Rozwadowska

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