'Die gute Änderung' in polnischen Medien (Quelle: rbb)
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- "Die gute Änderung" in polnischen Medien

Seit die rechtskonservative PiS in Polen regiert, haben über 200 regierungskritische Journalisten ihren Job verloren. "Die gute Änderung" heißt das im Staatsjargon. Auch der Moderator und Vizevorsitzende des Journalistenverbandes, Jan Ordyński, stand auf der "Schwarzen Liste". Um weiter publizieren zu können, hat er das Portal OKO.press mitgegründet. OKO.press beobachtet und hinterfragt die Politik der PiS.

Wut und Hilflosigkeit empfindet Jan Ordyński, wenn er bei seinem früheren Arbeitgeber vorbeifährt. Hier beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat er 20 Jahre lang als  Moderator und Chefredakteur gearbeitet, immer in verantwortlicher Position und  vielfach ausgezeichnet. Letztes Jahr musste er, wie viele andere, gehen. Unter dem von der PiS neu installierten Intendanten, Jacek Kurski, wurden sämtliche Redakteure auf Regierungstreue überprüft.  

Jan Ordyński
"Ich komme irgendwie klar, mache jetzt weniger journalistische Sachen, kann sinnvoll davon leben. Aber ich bin nicht begeistert weder von meiner Situation noch davon, was um mich herum passiert. Wir haben nur noch wenig zu lachen."

Nicht dass ihm die Arbeit ausgehen würde: Jan Ordyński schreibt Bücher und ist gern gesehener Gesprächspartner in Talk-Shows von privaten Sendern. Zum Beispiel dem Internetfernsehen Onet. Als Vize-Chef des Journalistenverbandes veröffentlicht er die Namen der gefeuerten und degradierten Kollegen. Über 200 Medienmacher stehen mittlerweile auf der Liste. Und es kommen immer noch neue dazu.

Jan Ordyński
"Die jungen Kollegen, die 20-  bis 30-Jährigen, hat es am stärksten getroffen. Sie waren finanziell davon abhängig,  stehen am Anfang ihrer Karriere, haben Familie, kleine Kinder, müssen Kredite bedienen. Und jetzt bricht für sie alles zusammen. Nicht wegen einer Naturkatastrophe, zum Beispiel einem Erdbeben oder einem Tornado,  nach der man komplett von vorne anfangen muss. Nein: aus politischen Gründen! Das ist völlig absurd."

Aber nicht ganz neu. Es hat Tradition beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk – Telewizja Polska und Polskie Radio - mit jedem Regierungswechsel den Intendantenposten mit einem Parteimitglied zu besetzen. Und die oberste Führungsriege auszutauschen. Auch Jan Ordyński  wurde  schon einmal entlassen. Als die PiS 2006 zum ersten Mal an die Macht kam. Mit dem Regierungswechsel zur PO wurde er wieder eingestellt.  Das Spiel ist alt – aber es hat eine neue Dimension bekommen.

Jan Ordyński
"Ich behaupte nicht, dass wir in den letzten 20 Jahren alles richtig gemacht haben, dass alles perfekt war und wir keine Fehler gemacht haben. Aber nicht in dem Maße. Wirklich! Das öffentlich-rechtliche Fernsehen und das Radio waren bisher nie ein reines Propagandaorgan der Regierenden. Es gab diese oder jene Verzerrung. Okay! Aber es war keine reine Propagandamaschine. Und vor allem war die Propaganda nie so unintelligent - nach der Holzhammermethode, könnte man sagen."

Als Gegengewicht zur staatlichen Propaganda hat Jan Ordyński zusammen mit jungen Journalisten im Juni 2016 ein neues Internetportal gegründet. OKO.Press heißt es – und hat polnische Politiker im Blick. Die Redaktion ist momentan noch in einer Zweizimmerwohnung untergebracht. 20 Journalisten analysieren und recherchieren die postfaktischen Äußerungen der Politiker. Finanziert wird OKO.Press von Spenden.

Stanislaw Skarżyński ist der stellvertretende Chefredakteur des investigativen Internetportals.

Stanisław Skarżyński
OKO.Press
"Die Wahrheit hat aufgehört bei uns zu existieren. Vor allem in solchen Bereichen wie Verfassungsrecht, Menschenrechte und internationales Recht. Das ist eine ernsthafte Gefahr. Das sind keine Banalitäten. Das ist  viel mehr als zum Beispiel ein paar Statistiken zu beschönigen. Das sind nicht nur Behauptungen, dass alles viel besser sei als es in Wirklichkeit ist. Diese Politiker schaffen eine neue, eine alternative Wirklichkeit, so dass  wir mit unseren Recherchen kaum hinterher kommen."

Ein Recherchebeispiel von OKO-Journalisten: Außenminister Waszczykowski hat behauptet, dass keine echte Wahl von Donald Tusk zum EU-Ratspräsidenten stattgefunden habe, sie also nicht rechtens sei. OKO-Journalisten belegen, dass der Minister die EU-Regularien ganz offensichtlich nicht kennt.      

Stanisław Skarżyński
OKO. Press
"Witold Waszczykowski gehört zu den Spitzenpolitikern, die sich nicht darum scheren, was sie sagen. Sie reden wie es ihnen gerade in den Kram passt. (…)Die neue Macht ist besonders rücksichtslos und arrogant."

OKO.Press gehört mittlerweile zum meist zitierten Internetportal in Polen und plant schon bald in größere Räume umzuziehen. Arbeit gibt es genug, aber sie wird schwieriger. Im Ranking von Reporter ohne Grenzen ist Polen um 36 Plätze nach unten gerutscht, seitdem die PiS an der Regierung ist.

Autorin Wioletta Weiss

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