Luther in Polen (Quelle: rbb)
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- Luther in Polen

Als die westpolnische Stadt Piła noch Schneidemühl hieß, waren drei Viertel der gut 50.000 Bewohner evangelisch. Die wenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geblieben sind, übten ihren Glauben im Stillen aus, um nicht als Deutsche beschimpft zu werden. Seit 20 Jahren gibt es in der Stadt wieder eine offizielle evangelische Gemeinde. Ihr junger Pfarrer Tomek lebt seinen Glauben gerne auch als Bassist der christlichen Rockband N.O.C. aus.

WIE EIN SCHATTEN GEHT ER MIT SEINER PAPIERROLLE
UM AUFBRUCH IN EINE NEUE EPOCHE ZU SEIN
VON WORT ZU WORT
VOM AUSDRUCK ZUM SATZ
VON THESE ZU THESE
AN DIE TÜR GENAGELT

"95" heißt das neu Stück von N.O.C. - in Anlehnung an die 95 Thesen von Martin Luther. Bassist der Rockband ist der Pfarrer der evangelischen Gemeinde von Piła .

Tomek Wola
Evangelischer Pfarrer
"Martin Luther war ein sehr mutiger Mensch. Er wollte etwas verändern. Und er war sogar bereit für seine Idee zu sterben. Dafür, dass die Menschen ihre Haltung zur Kirche ändern. Und dafür, dass sie eben Gott anders suchen. Nicht in der damals herrschenden Tradition. Einer Tradition, die sich von dem entfernt hatte, was in der Bibel steht."

Pila eine Stadt in Nordwesten Polens mit 75.000 Einwohnern. 90 Prozent davon sind katholisch. Doch die Stadt steht zu ihrer protestantischen Minderheit. Auf Betreiben von Pfarrer Tomek  wurde  rechtzeitig zum Reformationsjubiläum ein Kreisverkehr zum  "Rondell der Reformation" erklärt.

Bis dahin war es ein langer Weg. Als das damals deutsche Schneidemühl nach dem Zweiten Weltkrieg zu Piła wurde, gerieten Protestanten in Misskredit – weil sie meist Deutsche waren. Nur wenige von ihnen durften in Polen bleiben, wie die Geschwister Erwin Hinz und Edeltraud Kroll. Sie  haben als Kinder erlebt, wie die Dorfkirche geplündert wurde. Und wie ihre Familie den Glauben nur im Verborgenen ausüben konnte.

Erwin Hinz
"Kinder haben die Orgel auseinandergenommen und sind mit den Orgelpfeifen durchs Dorf gerannt und haben darauf geblasen."

Edeltraud Kroll
"Ich war dabei, als die Kinder auf der Straße mit den Orgelpfeifen rumliefen. Einer, der nicht ganz richtig im Kopf war, hat angefangen mit einer Orgelpfeife zu schießen, wir sind weg gerannt."

Erwin Hinz
"Wir hörten damals deutsches Radio, was verboten war. Aber den Gottesdienst haben wir immer zusammen angehört. Wir haben uns hier im Haus versammelt, die ganze Familie, auch die Tanten kamen zu uns."

Tomek Wola
"Es gab damals zu wenige Geistliche. 30 % der polnischen evangelischen Pfarrer waren im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen in Konzentrationslager gesteckt und dort umgebracht worden. Wer den Krieg überlebte, hatte keine Lust in die ehemals deutschen Gemeinden zu gehen und sich um deutsche Protestanten zu kümmern."

Im Laufe der Jahrzehnte nahmen die Vorbehalte gegen Protestanten ab. Auch weil einige polnische Protestanten in die Stadt gezogen waren. Wie Danuta Polak. In ihrer damaligen Wohnung wurden Anfang der 90er Jahre wieder die ersten evangelischen Gottesdienste in Piła gefeiert. Der Pfarrer kam extra aus Posen angereist.

Danuta Polak
"Im Grunde wusste jeder im Haus, dass wir Protestanten sind und es hat keinen gestört. Im Gegenteil: Wenn wir gesungen haben, kamen die Nachbarn und haben uns ganz nett erzählt, dass sie unseren Gesängen gelauscht haben. Die Balkontüren standen ja offen. Als meine Tochter geheiratet hat,  haben uns die Leute aus dem ganzen Haus gratuliert."

Seit 1999 hat Pila wieder eine offizielle evangelische Gemeinde. Einige der alten Liegenschaften gingen an die Gemeinde zurück, wie dieses Haus hier, dessen Mieteinnahmen in die Gemeindekasse fließen. Oder das rote Gebäude, in dem Pfarrer Tomek mit seiner Frau und den Kindern wohnt. Während seines Theologiestudiums besuchte Tomek Wola  die USA. Dort lernte er eine ganz andere Art von Kirche kennen. Mit offenen, den Gemeindemitgliedern zugewandten Priestern. Sie sind sein Vorbild geworden. Knapp 100 Mitglieder zählt die evangelische Gemeinde von Pila. Vor 6 Jahren hat Tomek Wola die neue Kirche eingeweiht.

Tomek Wola
Evangelischer Pfarrer
"Ich denke wir gehen locker miteinander um. Ich bemühe mich, kein typischer Pfarrer zu sein,  ich bin der Pfarrer und Tomek. So wie ich privat bin, bin ich auch im Chor, in der Band, eigentlich immer. Manche nennen mich Herr Pfarrer, andere duzen mich. Es ist mir sehr wichtig, keine Barrieren zwischen uns aufzubauen."

In den letzten Jahren sind viele Mitglieder dazu gekommen, die meisten von ihnen sind vom katholischen zum evangelischen Glauben übergetreten.

Renata Poklękowska
"Man fühlt sich in der evangelischen Kirche nicht so eingeschränkt, wie in der katholischen. Dort sind die Regeln so steif, vieles ist verboten. Hier sind die Menschen ganz anders.

Kinga Zwiernik
"Die Predigt ist hier nicht so zwanghaft, alles wird einem erklärt und vor allem schlafe ich dabei nicht ein."

Rafał Tomczyk
"Weil meine Frau geschieden ist, durften wir in der katholischen Kirche nicht mehr zur Kommunion und zur Beichte gehen. Davor hatte ich mich sehr in der Kirche engagiert. Eine Leere ist in mir entstanden, und Trauer. Eine Trauer darüber, dass das alles so unnormal ist. Wir sind doch schließlich eine ganz normale Familie."

Gerade mal 75.000 Protestanten gibt es im katholischen Polen. In Pila machen sie sich bemerkbar. Mit ihrer Band und Songs, die auch ein großes Publikum erreichen.

Tomek Wola
Evangelischer Pfarrer
"Wir wollen unsere positive Botschaft an die Menschen weitergeben. Wenn sie nach einem Konzert zu uns kommen und fragen, was hast du da gesungen, warum hast du das gesungen, setzen wir uns in Ruhe hin und reden über das Thema. Und vielleicht gibt es ihnen zu denken."

Autorin Katharina Zabrzynski

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