Der Lehrer Andrej sitzt mit Schülern an einem Tisch (Quelle: rbb)
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- Ein Lehrer in Senftenberg

Russischsprachig, deutschstämmig, aus Kirgisien: Andrej war 12, als er mit seiner Spätaussiedler-Familie in der Lausitz landete. Mit der Integration gab es keine Schwierigkeiten, mit dem späteren Studium in Potsdam und Petersburg auch nicht. Nun ist er Lehrer in Senftenberg. Zwei Kulturen, verschiede Welten, akademische Theorie und Berufsalltag: Andrej hat viel zu verbinden in seinem Leben.

Wortlose Kommunikation: verspielt und harmlos ist die Übung für den Ernstfall. Dieses "Expertenteam" lernt, wie man Mitschülern hilft, die von anderen Kindern gemobbt werden.

Andrej Rudt
"Es gibt einen Jungen in der vierten Klasse, der fühlt sich nicht wohl. Die gesamte Klasse hat ihm gesagt, so wie du dich verhältst in letzter Zeit, so geht es überhaupt nicht. Eigentlich möchten wir dich in unserer Klasse gar nicht haben."

Vincent
"Wir müssen ihm ja helfen, vernünftig zu werden."

Andrej Rudt
"Das heißt, du meinst, die Klasse sollte sich verändern, so wie der Junge auch?"

Lisa
"Da müssen wir mal darüber reden."

Andrej Rudt
"Meinst du mit dem Jungen, oder mit der Klasse?"

Lisa
"Na, mit der Klasse UND dem Jungen."

Die so genannte "Anti- Mobbing-Truppe" ist eins der Projekte, die Andrej Rudt als Schulsozialarbeiter betreut. Es ist der allererste Job des 33-jährigen frisch gebackenen Lehrers.

Andrej Rudt
Lehrer
"Die passen aufeinander auf und wenn sie sehen, dass der eine betroffen ist, er hat irgendwie ein komisches Gefühl, er hat eine ganz komische Mimik ... oder Gestik, ihm geht es nicht so gut, da gehe ich auf ihn zu und bringe ihn in die Gruppe, und da wird die Gruppe darüber entscheiden, wie wir dem helfen können."

Andrej ist in Kirgisien aufgewachsen, einer der zentral-asiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken. Seine Familie war zwar deutschstämmig, aber zuhause sprachen sie nur Russisch. An seine Grundschulzeit kann sich Andrej noch gut erinnern.

Andrej Rudt
Lehrer
"Meine Lehrer, die waren immer hinter uns und die waren immer diejenigen, die zuhause angerufen haben, "liebe Mutti, pass auf, Dein Kind läuft quer!". Man hatte als Junge oder als Kind überhaupt keine Chance, was dagegen zu machen. Die Eltern haben gesagt: so wird es gemacht. Die Schule hat es kontrolliert und wenn man es nicht eingehalten hat, dann hat man wieder Probleme gehabt."

12 Jahre alt zieht Andrej mit seinen Eltern nach Senftenberg: alles ist neu, das Land, die Sprache, der gesamte Schulalltag!

Andrej Rudt
Lehrer
"Als ich hergekommen bin, war es viel freier. Die Lehrer waren nicht diejenigen, die mich verpetzt haben, sage ich jetzt mal, oder zuhause angerufen haben. Meine Eltern wussten auf einmal gar nicht mehr, was in der Schule passiert. Wenn ich nichts berichtet habe, wussten sie nichts. Und wenn ich was erzählt habe, dann haben sie sich darüber gefreut."

"Gäste auf dem Heißluftballon" - mit seinen deutschen Kindern redet Andrej Russisch, Deutsch sprechen sie in der Kita und später in der Schule. Andrejs Frau Katharina kam als Kind aus Sibirien nach Deutschland. Nach seinem Lehrer-Studium in Potsdam und Sankt Petersburg ist Andrej in seine zweite Heimat - Senftenberg - zurückgekehrt.

Unter diesem alten Baum haben sich Andrej und Katarina vor 5 Jahren das "Ja-Wort" gegeben, ...  nach fast 20 jähriger Romanze. Sie kennen sich nämlich seit dem Spielplatz.

Katharina Rudt
Studentin
"Meine Mutter hatte gesagt: "Komm, ich habe eine Bekannte kennen gelernt, sie hat auch zwei Kinder, auch im selben Alter ..." da ist die Tür aufgegangen, das Schloss hat geknackt, er ist rein gegangen und da habe ich ihn das erste Mal gesehen, und habe mir gedacht, "Oh, was für ein hübscher Kerl!"

Andrej Rudt
"Danke!"

Mit den Kindern aus der Nachbarschaft: Andrej ist Sport- und Russischlehrer. Trotz der vielen russischsprachigen Familien, bietet keine Grundschule in Senftenberg Russisch als Fremdsprache an. Andrej will da helfen.

Andrej Rudt
Lehrer
"Dass ihre Sprachen "nicht zählen" wird natürlich von unserem Rahmenlehrplan vorgegeben. Weil wir andere Fremdsprachen lernen müssen, wie Französisch, Englisch, vielleicht auch Spanisch. Aber die anderen Sprachen natürlich sind genauso wichtig. Und ihre Sprachen, die Sprachen der Kinder, sind insbesondere wichtig. Als Lehrer kann man es schaffen, ihnen zu zeigen, dass die wichtig sind, indem man gewisse Projekte vorbereitet."

Integration durch Sport, oder Projekttage zu "Osteuropa" oder zu "Syrien" sind weitere Optionen. Das geht aber nur, wenn sich die Lehrer auf die Mehrarbeit einlassen.    

Andrej Rudt
Lehrer
"Wenn man aber als Lehrer bereit ist, Kontakt zu den Familien aufzunehmen, dann findet man das schnell heraus und da kann der Unterricht auch zusammen gebrochen werden, dass auch solche Kinder abgeholt werden können."

Zurück in die Grundschule. Bei einer sechsten Klasse betreut Andrej einen selbst verwalteten "Klassenrat".  Die Schüler lernen, Konflikte unter sich zu lösen.

Andrej Rudt
Lehrer
"Es ist nicht nur ein "Unterrichten" des Schülers, sondern es ist ...  ihn zu verändern. Und ihn zu verändern macht unheimlich viel Spaß."

Andrej Rudt
Lehrer
"Die kleinen Tischtennisbälle da drin, das sind eure Entscheidungen. Und dieses Glas soll das Wesentliche darstellen. Und die Tischtennisbälle da drin sind die wesentlichen Inhalte, die ihr im Klassenrat auch besprechen wollt."

Nils
"Wir hatten aufgeschrieben, dass die Lautstärke ...  dass wir uns da bessern wollen, und wie findet Ihr, hat es geklappt?"

Alex
"Ich finde es schön, mir ist aufgefallen, dass Steve kein einziges Mal ausgerastet ist."

Nils
"Du hast Dich sehr verbessert, Du hast dann auch neue Freunde gefunden, die sich mit dir unterhalten, ich finde, es hat sich schon verbessert. Es ist nicht mehr so schlimm."

Autorin Milena Hadatty

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