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- New Polish in Berlin

55.000 Polen waren 2016 in Berlin gemeldet - das ist die größte EU-Zuwanderungsgruppe in Berlin. In der Regel sind sie gut ausgebildet und stark motiviert. Viele wollen für immer hier bleiben, nicht zuletzt wegen der aktuellen polnischen Politik. Doch auch sie bekommen in der deutschen Hauptstadt nichts geschenkt. Wohnungssuche, Sprache und Anerkennung der Abschlüsse sind ein Problem. Zusanna Kołupajło ist eine der neuen Polinnen in Berlin. Sie lernt Deutsch, und kommt mit diversen Jobs grade so über die Runden.

Zusanna Kołupajło ist vor zwei Jahren nach Berlin gekommen. In Posen hat sie Polonistik studiert, sie spricht deutsch und englisch. Zuerst jobbte sie in einem Modegeschäft als Verkäuferin. Später verfasste sie Werbetexte auf Polnisch. Für wenig Geld.

Zusanna Kołupajło
"Es hat sich dann herausgestellt, dass ich weniger verdiene als andere Mitarbeiter, weil ich eben aus Polen bin oder sagen wir mal aus Osteuropa. Niemand hat es mir offen gesagt, erst in Gesprächen mit Kollegen hörte ich das heraus. Mein Verdacht hat sich dann bestätigt."

Zusanna Kołupajło  ist nur eine der vielen neuen Polen in Berlin. Andere, die mehr Hilfe brauchen, landen in der Beratungsstelle des polnischen Sozialrates in Kreuzberg. Witold Kamiński führt den gemeinnützigen Verein sein 35 Jahren. Immer mehr junge gut qualifizierte Polen kommen zu ihm.

Witold Kamiński
Polnischer Sozialrat
"Diese jungen Menschen kommen hierher, haben kein Geld, keine Möglichkeit sich umzuschauen. Sie nehmen jeden Job an, arbeiten auf Baustellen, gehen putzen. Und bleiben dort stecken. Ihre Kompetenzen gehen verloren. Und das ist zum Nachteil unserer Gesellschaft. Ich versuche deutschen Politikern zu erklären, dass die jungen Menschen einen „Koffer voller Geld„ dabei haben. Das ist ihre Ausbildung, die der deutsche Staat nicht bezahlen musste. Aber der deutsche Staat sollte in sie investieren, damit die Gesellschaft, das heißt wir alle - von ihnen profitieren können."

Deswegen fordert er ein Start-Up-Stipendium, das abbezahlt werden müsste. Ein halbes Jahr Unterstützung, um Deutsch zu lernen und um sich in Berlin orientieren zu können. Rund 5000 Polen jährlich lassen sich hier beraten. Manchmal müssen vier Berater einem Menschen helfen, wie in diesem Fall. Der Mann hat keine Krankenversicherung, blickt in seinen Papieren nicht durch und kann sich mit deutschen Behörden nicht verständigen. Die Mitarbeiter der Beratungsstelle wollen bei seiner Krankenkasse intervenieren. Gleich nebenan arbeitet ein junges Team an einem ganz anderen Projekt. Sie bringen Polen, die schon länger in Berlin leben, mit Flüchtlingen zusammen. Die polnischen Berliner helfen den Flüchtlingen zum Beispiel bei der Wohnungssuche.

Witold Kamiński
"Ich sehe es als eine Möglichkeit, den Menschen die Hand zu reichen. Es ist der erste Schritt, damit sie sich hier wie zu Hause fühlen. Nicht wie Fremde und nicht wie Feinde. Für meine Landsleute, die noch nicht so lange hier sind, ist es oft überhaupt der erste Schritt, sich an der Gesellschaft zu beteiligen."

Zusanna Kołupajło hat sich in Berlin eingelebt. Das polnische Cafe Bona in Neukölln ist ihr Stammlokal. Es gehört vier jungen polnischen Architekten, die ihren gering bezahlten Job an den Nagel gehängt haben. Sie wollten selbstbestimmt leben.

Łukasz
"Das ist die Stadt der Freiheit. Man kann hier machen, was man will. Man kann hier leben wie man will und sich seine Träume erfüllen. In dieser Stadt kann man sich entwickeln."

Natalia
"Als ich zum ersten Mal nach Berlin kam, hatte ich das Gefühl, dass ich sein kann wie ich bin, machen kann, was ich will. Und keiner steckt mich in irgendeine Schublade. Und sagt; Oh! du siehst heute aber aus ...  Ich sehe Menschen im Badeanzug auf der Straße, wow! Hier kann man wirklich leben."

Zusanna Kołupajło
"Ich wache auf und kann frei atmen. Endlich muss ich nicht darüber nachdenken, was ich heute ändern und wofür ich heute kämpfen muss. Also einerseits hatte ich den Willen hier in der wunderbaren offenen, freien Stadt zu leben. Andererseits kam ich nach Berlin, um nicht in Polen sein zu müssen. Das war mir auch wichtig. Weil es mir dort zu eng geworden ist. Menschen, die der strengen konservativen Norm nicht entsprechen, haben in Polen ein schwieriges Leben."

Zusanna Kołupajło kann sich nicht mehr vorstellen nach Polen zurückzuziehen. Ähnlich wie die meisten neuen Polen in Berlin.

Autorin Wioletta Weiss

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