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- Yogatherapie für Geflüchtete

Bettina Schuler unterrichtet seit 2014 Yoga für Geflüchtete. Sie tut es ehrenamtlich, sie ist hochmotiviert, weil sie genau weiß, wie sehr und wie direkt sie damit helfen kann. Es sind nicht nur die Übungen alleine, sondern auch die Gemeinschaft und die Eigeninitiative, die hier zu schnellen und guten Ergebnissen führen. Arwa Idrees aus Syrien erzählt uns, wie die Freundschaft zu Bettina und das Yoga "ihr Leben gerettet haben". Traumasensitives Yoga - in diesem Begriff findet sich der Ansatz, aus dem heraus die Gruppe "Citizen2be" Yoga als Therapie praktiziert.

Eine ganz normale Yoga-Stunde? Nicht ganz. Die Initiative Citizen2be bietet Yoga speziell für geflüchtete Frauen aus Syrien.

Bettina Schuler
"Klar, es gibt immer wieder Leute, die mir sagen: Yoga für Geflüchtete - was ist das für eine Prenzlauer Berg-Idee?! Aber ich glaube, spätestens wenn man es einmal gesehen hat, was das mit dem Frauen macht und wie die Frauen da drüber sprechen, haben die Leute auch verstanden wieso ich es mache."

Bettina Schuler ist Autorin, Journalistin und Yoga Lehrerin. 2014 hat sie damit angefangen, ehrenamtlich Yoga-Unterricht für Frauen in Flüchtlingsheimen in Berlin zu geben.

Bettina Schuler
"Es war so, dass ich im Fernsehen, wie wahrscheinlich die meisten von uns, die Boote gesehen habe, die immer angekommen sind und ich habe mich einfach dazu entschieden, etwas zu tun. Dann habe ich überlegt: was kann ich? Ich kann schreiben, ich kann also Deutsch unterrichten - ich bin aber unglaublich ungeduldig, deswegen habe ich es nicht gemacht. Dann habe ich überlegt, was kann ich noch? Ich kann Yoga-Unterricht geben. Dann habe ich montags angerufen und mittwochs meine erste Stunde gegeben. Und Arwa war meine erste Schülerin.

Arwa Idrees
"Zuerst wollte ich mein Zimmer nicht verlassen, ich wollte keinen Kontakt zu anderen Menschen. Dann traf ich Bettina und sie hat vieles in meinem Leben verändert, ich fing an, raus zu gehen und mich jede Woche auf ihren Kurs zu freuen. Sie gibt mir viel Kraft, ein gutes Gefühl, Zuversicht."

Arwa lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Berlin, sie  versucht, hier ein neues Leben aufzubauen. Es fällt schwer die lange Flucht aus Syrien zu vergessen, die schreckliche Überfahrt in einem lecken Boot, ohne Essen und Toilette.

Arwa Idrees
"Jede Minute, jede Sekunde dachten wir, wir würden sterben. Tagsüber verbrannte uns die Sonne, die Nächte waren sehr, sehr kalt. Als ich Europa erreichte, habe ich ein Jahr gebraucht, um mich davon zu erholen, um wieder ein normales Leben zu führen. Die Flucht war sehr schwer, aber ich habe es für meine Kinder getan, und wenn ich müsste, würde ich es wieder tun."

Arwa Idrees
"Beim Yoga kann ich alle negativen Emotionen loslassen. Ich kann positiv denken und Energie sammeln für viele Tage. Durch das Yoga habe ich so viel gelernt. Zunächst, mich selbst zu akzeptieren, und auch gut und entspannt mit Anderen umzugehen. Andere Menschen zu lieben und die schlechten Dinge zu vergessen, die mir widerfahren sind."

Bettina hat Frauen aufgefangen, als sie es am meisten brauchten. Ganz unverhofft ist daraus eine Freundschaft entstanden.

Bettina Schuler
"Darum ging es mir. Die Frauen wieder aufzurichten. Weil man gesehen hat, dass sie nach der Flucht so klein sind, so in sich ..  Und dass sie wieder gerade stehen - im Leben stehen."

Mit der Integration im neuen Land kommen aber auch ganz neue Prozesse in Gang.

Bettina Schuler
"Viele Frauen, die aus Syrien geflüchtet sind, trennen sich von ihren Männern. Zum einen, weil in Syrien es so ist, wenn man sich trennt, bleiben die Kindern automatisch beim Mann - und das ist natürlich der entscheidende Faktor, wieso die Frauen sich nicht trennen und mit dem Mann bleiben. Da verspreche ich mir halt, dass sie durch den Raum vielleicht in Kontakt kommen mit anderen alleinerziehenden Müttern und da sich Tipps geben können. Ich glaube, die meisten wissen nicht, dass es hier zum Beispiel dafür Unterstützung gibt, dass das kein Stigma mehr ist."

Gihan Daoud
"Wir haben sehr viel Stress in Deutschland, wir sind neu hier: neue Sprache und neues Leben. Wenn wir uns beim Yoga treffen, machen wir die Übungen und reden, und wir finden uns als syrische Frauen wieder, hier in Berlin."

Bettina Schuler
"Wenn einem die Heimat weggenommen wird, wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen. So habe ich es mir auch für die Frauen vorgestellt und habe mir gedacht: wenn die keinen Boden unter den Füßen haben, dann müssen sie sich wenigstens selber in sich zuhause fühlen. Wenn man schon schwebt, dann muss man wenigstens gerade in sich stehen - das war die Idee, die ich hatte. Mindestens in sich wieder Heimat finden, wenn sie keine eigene Heimat mehr haben und hier noch nicht zu Hause sind - was einfach dauert ..."

Autorin Joanna Ratajczak

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