Kowalski trifft Schmidt: Lieber Pole als glücklich, Foto: rbb
rbb
Bild: rbb

- Lieber Pole als glücklich - Adoptionen in Polen

Sie sind krank, keine Säuglinge mehr oder haben Geschwister: Mehrere tausend Kinder, die es in Polen schwer haben, Adoptiveltern zu finden.  Die meisten stammen aus Familien, denen das Sorgerecht entzogen wurde. Bisher fanden jedes Jahr um die 300 dieser Kinder neue Familien im Ausland. Jetzt soll das nur noch in wenigen Ausnahmefällen möglich sein."Polen verliere zu viele kleine Mitbürger" hat die Ministerin für Soziales festgestellt und alle Adoptionszentren bis auf eins geschlossen.

Sonntagnachmittag in Gorzow, gleich hinter der deutsch-polnischen Grenze. Der obligatorische Familienausflug ist für Katarzyna und Jacek Mataczyna eine logistische Herausforderung.

Jacek & Katarzyna
Jacek: Warte, wir zählen sie mal ...  Ein, zwei, drei ...
Katarzyna: Ania schaukelt auch
Jacek: vier fünf, sechs ...
Katarzyna: Piotrek ist im Sandkasten.
Jacek: Alle unsere elf Kinder verstecken sich hier, zwischen den Bäumen   

Jacek Mataczyna
"Unsere Kinder sind fröhlich und bereiten uns viel Freude. Aber sie haben eine schwierige familiäre Vorgeschichte."

Sucht, Gewalt, Vernachlässigung - aus unterschiedlichen Gründen wurde ihren biologischen Eltern das Sorgerecht entzogen. Katarzyna ist Lehrerin, Jacek arbeitet  als Schach-Trainer, Teilzeit, damit er sich um die elf Kinder kümmern kann. Seit fast 10 Jahren leiten die Eheleute ein Familien-Kinderheim: eine Art große Pflegefamilie. Die beiden ältesten Jungs - heute Teenager - haben sie adoptiert. Allen Kindern bieten sie einen Hauch normales Leben an.

Katarzyna Mataczyna
"Die Kinder binden sich schnell an uns. Wir sind quasi Familie für sie, sie nennen uns Tante und Onkel. Wir sind für sie echte Bezugspersonen, nicht wie Betreuer im Kinderheim, die schichtweise kommen und gehen. Wir unternehmen was zusammen, sie haben Aufgaben, wie in einem normalen Zuhause, helfen beim Kochen oder Abwaschen."

Bei Mataczynas sollen die Kinder nur so lange bleiben, bis Adoptiveltern gefunden werden. Doch das ist nicht einfach. Oft dauert es Jahre, bis das Sorgerecht entzogen ist und das Kind zur Adoption freigegeben wird. Auch dann warten manche vergeblich auf eine neue Familie. Viele bleiben bis zur Volljährigkeit im Heim und sind danach auf sich selbst gestellt.

Auch für die Geschwister Pawel und Gosia stehen die Chancen nicht gut.

Pawel
"Was ich als Erwachsener werden will? Fußballspieler! Ich trainiere schon!"

Gosia
"Und ich will  in die Schule gehen! Nach dem Sommer!"

Ihr Handicap: sie sind zu zweit und Pawel ist schon zehn. Gleich zwei Probleme für polnische Paare, die am liebsten einen Säugling adoptieren.

Katarzyna Mataczyna
"Die Kinder sehnen sich nach einer richtigen Mama und einem Papa - nur für sich. Nur die geben ihnen die absolute Sicherheit. Unser Vertrag mit den Behörden kann immer aufgelöst werden.

Jacek: Die Familie ist für immer.
Katarzyna: Familie bleibt.   

Warschau: hier befanden sich bisher die drei für Auslandsadoptionen zuständigen Zentren. Bis Ende Januar galt: falls sich für ein Kind keine neuen Eltern in Polen finden, darf parallel auch im Ausland gesucht werden. Eine Adoption: egal wo, hatte höchste Priorität. Das älteste Zentrum gehört dem "Verein der Kinderfreunde". Für über 3000 Kinder haben Izabela Rutkowska und ihr Team neue Eltern gefunden - vor allem in den USA, Italien und Frankreich."

Izabela Rutkowska
"Eine Auslandsadoption ist die letzte Chance für zwei, drei oder mehr Kinder, die als Geschwister nicht getrennt werden sollen, genauso wie für ältere Kinder über zehn, oder kranke Kinder. In Polen will sie kaum jemand haben."

Bisher wurden sie ins Ausland vermittelt.

Izabela Rutkowska
"Das ist unser Lukasz: der liebt Fußball und lebt jetzt in Italien. Und das ist unser Mariusz, für den wir lange 9 Jahre nach einer Familie suchten. Jetzt ist er auch in Italien."

Die letzten Erfolge wohl. Das Zentrum vom "Verein der Kindefreunde", sowie ein zweites Zentrum, werden nun geschlossen. Zwar gingen nur 10 %  aller Adoptionen ins Ausland, doch auch das ist der PiS-Regierung zu viel. Der offizielle Grund des Ministerium für Soziales und Familie: Sorge um die "kleinen Bürger".

Einblendung
Pro Jahr wird 280-300 Kindern durch die Auslandsadoption die Möglichkeit genommen im Vaterland aufzuwachsen.

Heißt es auf der Internetseite. Und:

Einblendung
Das Familienministerium wird alles tun, dass polnische Bürger nicht ins Ausland verschickt werden.

Izabela Rutkowska
"Es geht nicht um das Wohl der Kinder, es geht um gute Umfragewerte, um zu zeigen, wie die polnische Regierung für die polnischen Kinder sorgt."

Für die wenigen Ausnahmefälle von Auslandsadoptionen ist ab jetzt ein einziges Zentrum zuständig. Das katholische der Diözese Warschau. Seit 20 Jahren ist hier Zofia Dlutek die Chefin. Im Gegensatz zu den beiden anderen Zentren sucht dieses gezielt nach katholischen Eltern. Bisher waren sie die Anlaufstelle für tiefgläubige Paare. Doch selbst hier gab es Spielräume.

Zofia Dlutek
"Atheisten ...  Wenn sie ein schwerkrankes Kind adoptieren wollen, für das wir keine christliche Familie finden, dann sagen wir ja. Denn am wichtigsten ist, dass es eine Familie hat. Und die Gottesmutter findet ihre Schäfchen schon."

Auch hier trifft  das neue Adoptionsrecht  auf wenig Verständnis.

Zofia Dlutek
"Die Familie ist ein Grundrecht des Kindes und deshalb wage ich es, auch im Ausland nach Eltern zu suchen, die unsere Kinder einfach lieben werden."

Zurück in Gorzow. Viele Pflegekinder der Mataczynas waren schon zur Auslandsadoption qualifiziert. Jetzt muss das Verfahren komplett neu aufgerollt werden. Die Eheleute sind empört.

Jacek Mataczyna
"Auslandsadoption als etwas Böses zu bezeichnen, als Kinderhandel sogar, oder dass man dadurch der Nation den Nachwuchs raubt, der mal unsere Gesellschaft bilden würde - das ist ein Mythos, eine Erfindung, einfach etwas, was es nicht gibt. Und ich frage mich - wenn so viele Erwachsene auswandern, dann reden wir nicht über den Verlust von Bürgern?"

Der Weg ins Ausland ist diesen Kindern so gut wie versperrt. Und ihre Chance polnische Eltern zu finden geht ebenfalls gegen Null. Wenn sie volljährig sind, werden sie hier ausziehen müssen.

Autorin Agnieszka Hreczuk

weitere Themen der Sendung

Kowalski trifft Schmidt: Kaschubischer Balkan-Folk aus Stettin, Quelle: rbb
rbb

Kaschubischer Balkan-Folk aus Stettin

In Polen gilt Stettin als Ort ohne eigenes Gesicht und Identität. Erst Künstler wie Mateusz Czarnowski haben die kulturelle Vielfalt der nach dem Zweiten Weltkrieg dort bunt zusammengewürfelten neuen Bevölkerung als Potential entdeckt. Der Musiker und Komponist ist Frontmann der bekannten Musikband Bubliczki. In ihrer Musik vereinen sie polnischen Folk mit Balkanenergie, Klezmer und Romamusik, das Ganze mit kaschubischen Texten. So kulturell vielfältig wie ihre Musik, sei auch Szczecin, sagt Czarnowski.

Kowalski trifft Schmidt: Vergesst nicht unseren Kampf, Foto: rbb
rbb

Vergesst nicht unseren Kampf

Im Gedächtnis der Stadt ist es nicht präsent, das Bild der rotweißen Fahne auf der Siegessäule in Berlin, gehisst am 2. Mai 1945 von polnischen Soldaten. An der Seite der Roten Armee hatten tausende polnische Soldaten und Soldatinnen für die Befreiung Berlins gekämpft. Neun von ihnen sind nach Berlin gekommen und haben den beiden Filmemachern Kamil Majchrzak und Christian Carlsen ihre Geschichten erzählt.

Kowalski trifft Schmidt: Satire statt Ohnmacht, Foto: rbb
rbb

Regierungskritik auf Youtube - Satire statt Ohnmacht

Klaudia Jachira hat eine ganz eigene Antwort auf die Entmachtung der Verfassungsgerichts durch die polnische Regierung gefunden: Youtube-Videos, in denen sie unverblümt die Regierungspolitik kommentiert. Nicht allen Polen gefällt das - Drohungen und Beschimpfungen sind an der Tagesordnung - aber die Breslauer Schauspielerin lässt sich davon nicht beeindrucken. Die derbsten Hasskommentare hat Klaudia Jachira zu einem Lied umgeschrieben.