Kowalski trifft Schmidt: Vergesst nicht unseren Kampf, Foto: rbb
rbb
Bild: rbb

- Vergesst nicht unseren Kampf

Im Gedächtnis der Stadt ist es nicht präsent, das Bild der rotweißen Fahne auf der Siegessäule in Berlin, gehisst am 2. Mai 1945 von polnischen Soldaten. An der Seite der Roten Armee hatten tausende polnische Soldaten und Soldatinnen für die Befreiung Berlins gekämpft. Neun von ihnen sind nach Berlin gekommen und haben den beiden Filmemachern Kamil Majchrzak und Christian Carlsen ihre Geschichten erzählt.

Rückkehr nach über 70 Jahren. Polnische Kriegsveteranen sind nach Berlin gekommen. In die Stadt, die sie an der Seite der Roten Armee vom Naziregime  befreit haben. Kamil Majchrzak von der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" hat die Reise mitorganisiert. Gemeinsam mit Christian Carlsen hat er aus der Begegnung mit den Kriegsveteranen einen Film gemacht: die Erinnerungen dieser hochbetagten Männer und Frauen sollen nicht verloren gehen.

Kamil Majchrzak
Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes
"Diese Menschen haben einen fürchterlichen Krieg erlebt, sie haben Deportationen, Folter und Konzentrationslager erlebt und nach sehr vielen Jahren kommen sie her und sehen: es ist eine neue Generation da in Deutschland und haben die Hoffnung, dass es in Europa friedlich zugehen soll."

Ihre Tour durch Berlin führt die Zeitzeugen zu ganz speziellen Orten: wo sie gekämpft haben, verwundet wurden. Die Stadt hat sich verändert. Das meiste ist kaum wiederzuerkennen. Was viele nicht wissen; zu den polnischen Streitkräften gehörten auch 14.000 Frauen. Hania Szelewicz war damals 18 Jahre alt.

Hania Szelewicz
2. Infanteriedivision Henryk Dąbrowski
"Artillerie - das sind 76mm-Geschütze. Hier stehe ich. Hier, schau!

Am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin Treptow werden die im 2. Weltkrieg gefallenen Soldaten der Roten Armee geehrt. Die Geschichte der polnischen Soldaten und Soldatinnen bleibt dabei im Dunkeln.

Adela Jaworowska
1. Selbständiges Frauenbataillon Emilia Plater
"Am 1. September 1939 überfielen die Deutschen Polen. Am 17. September, also nur 17 Tage später, drangen die Russen in Polen ein. Die Russen begannen uns nach Sibirien zu verschleppen. Wir lebten unter schrecklichen Bedingungen. In Baracken. Es gab kaum Licht und unvorstellbare Wanzen. Wir schliefen auf Pritschen."

Juni 1941 - Deutschland überfällt Russland, und aus Gefangenen werden Verbündete: die in Sibirien zwangsinternierten Polen kämpfen nun an der Seite der Roten Armee.   

Adela Jaworowska
"Die Russen erlaubten den Polen die Formierung einer polnischen Armee. Sie halfen uns, verteilten Uniformen und Waffen. Wir hatten dort ja nichts. Und das war unsere Chance."

Kamil  Majchrzak
Publizist
"Die erste Polnische Armee, die in der Sowjetunion gegründet wurde, gehört ja zum Gründungsmythos der Volksrepublik nach '45 und dadurch wurden sozusagen bestimmte, wurden diese Soldaten geehrt in der Volksrepublik, geehrt bis '89, haben Denkmäler bekommen, an sie wurde erinnert. Was dabei ausgeblendet worden ist: wie sie überhaupt in die Sowjetunion gekommen sind."

Heute steht es in den Schulbüchern – aber schon wieder wird ihre Geschichte politisch benutzt.

Kamil  Majchrzak
Nach '89 wiederum gibt es eine neue Strategie in der Geschichtspolitik, die wiederum andere Sachen ausblendet. Nun wird es in Frage gestellt, ob es Befreierinnen waren, sie werden zu Handlangern eines verbrecherischen Systems gemacht, dabei sind sie selber die ersten Opfer gewesen, die deportiert worden sind nach Sibirien, das blendet man wiederum heute aus und zeigt sie als ...  unterstellt ihnen bestimmte Motive, dass sie sozusagen die Rote Armee nach Polen gebracht haben."

Die rechtskonservative Regierung ist dabei die Geschichte neu zu schreiben. Zum ersten Mal hat die polnische Botschaft dieses Jahr in Berlin den 8. Mai nicht hier am "Denkmal des polnischen Soldaten und des deutschen Antifaschisten" gefeiert, sondern auf dem britischen Soldatenfriedhof. Die Helden von einst sind in Ungnade gefallen.

Christian Carlsen
Historiker
"Ich würde auch sagen, das ist die große Tragödie dabei, dass die Menschen, die für die Befreiung Europas vom Faschismus gekämpft haben, dafür gestorben sind, dass die heute als Verräter und Verbrecher diffamiert werden oder zumindest vergessen werden."

Um so wichtiger war es für die polnischen Veteranen, dass ihre Erinnerungen in einem Film festgehalten wurden.

Hania Szelewicz
Film "Vergesst nicht unseren Kampf"
"Ihr jungen Menschen, ihr jungen Menschen. Vergesst nicht, vergeudet nicht, was wir erkämpft haben. Tut das nicht. Bewahrt den Frieden auf der Welt. Das muss eure Devise sein."

Autorin Martina Hiller von Gaertringen

weitere Themen der Sendung

Kowalski trifft Schmidt: Kaschubischer Balkan-Folk aus Stettin, Quelle: rbb
rbb

Kaschubischer Balkan-Folk aus Stettin

In Polen gilt Stettin als Ort ohne eigenes Gesicht und Identität. Erst Künstler wie Mateusz Czarnowski haben die kulturelle Vielfalt der nach dem Zweiten Weltkrieg dort bunt zusammengewürfelten neuen Bevölkerung als Potential entdeckt. Der Musiker und Komponist ist Frontmann der bekannten Musikband Bubliczki. In ihrer Musik vereinen sie polnischen Folk mit Balkanenergie, Klezmer und Romamusik, das Ganze mit kaschubischen Texten. So kulturell vielfältig wie ihre Musik, sei auch Szczecin, sagt Czarnowski.

Kowalski trifft Schmidt: Lieber Pole als glücklich, Foto: rbb
rbb

Lieber Pole als glücklich - Adoptionen in Polen

Sie sind krank, keine Säuglinge mehr oder haben Geschwister: Mehrere tausend Kinder, die es in Polen schwer haben, Adoptiveltern zu finden.  Die meisten stammen aus Familien, denen das Sorgerecht entzogen wurde. Bisher fanden jedes Jahr um die 300 dieser Kinder neue Familien im Ausland. Jetzt soll das nur noch in wenigen Ausnahmefällen möglich sein."Polen verliere zu viele kleine Mitbürger" hat die Ministerin für Soziales festgestellt und alle Adoptionszentren bis auf eins geschlossen.

Kowalski trifft Schmidt: Satire statt Ohnmacht, Foto: rbb
rbb

Regierungskritik auf Youtube - Satire statt Ohnmacht

Klaudia Jachira hat eine ganz eigene Antwort auf die Entmachtung der Verfassungsgerichts durch die polnische Regierung gefunden: Youtube-Videos, in denen sie unverblümt die Regierungspolitik kommentiert. Nicht allen Polen gefällt das - Drohungen und Beschimpfungen sind an der Tagesordnung - aber die Breslauer Schauspielerin lässt sich davon nicht beeindrucken. Die derbsten Hasskommentare hat Klaudia Jachira zu einem Lied umgeschrieben.