Zwei Schulbücher liegen auf einem Tisch (Quelle: rbb)
rbb
Bild: rbb

- Viadrina-Preis für gemeinsames Schulbuch

Die Deutsch-Polnische Schulbuchkommission erhält "für die Erarbeitung einer gemeinsamen Schulbuchreihe zur deutschen und polnischen Geschichte" den diesjährigen Viadrina-Preis. Das erste von den geplanten vier Büchern steht den Schulen zur Verfügung. Wir besuchen das deutsch-polnische "Gabriele von Bülow-Gymnasium" in Berlin.

Schon einmal von den Jagiellonen oder den Piasten gehört? An der Berliner Europaschule Gabriele-von-Bülow wissen die Schüler, was das ist, hier wird nicht nur polnisch gelernt, sondern auch polnische Geschichte unterrichtet, heute mit einem ganz neuen Buch. Es ist auf Deutsch und auf Polnisch geschrieben und alleine deshalb schon etwas ganz Besonderes.

Alexander Maternus
"In diesem deutsch-polnisch Buch haben ja auch beide, polnische und deutsche Wissenschaftler oder Autoren daran gearbeitet, das ist gut, weil dann werden beide Perspektiven vertreten in dem Buch und dann kann man damit auch arbeiten, weil es nicht so einseitig von Deutschen geschrieben wurde."

Incila Bröcker
" ... und ich finde es schön, weil es dann nicht so einheitlich ist, sondern das ist so ein Mix aus verschiedenen Kulturen und verschiedenen Erfahrungen, wo man sich austauschen kann."

Jagiellonen und Piasten sind die Namen polnischer Herrscherdynastien. Was haben "die" mit den Kreuzrittern zu tun? Das Buch vermittelt unterschiedliche Sichtweisen und die Schüler sollen zu eigenen kritischen Urteilen kommen, auch wenn das nicht immer ganz einfach ist.

Ewelina Nitsche
"Ich finde, das ist ein ganz tolles Projekt, dass man sagt: Zusammen. Das ist ja die gleiche Anzahl von deutschen und polnischen Historikerin, dass die ein Buch erarbeiten und beide Seiten einverstanden sind. Also, das finde ich für die junge Generation ganz wichtig, dass sie mit einem objektiven Geschichtsbild, sozusagen, aufwächst."

Vorurteile abbauen, Ressentiments und Nationalismen. Am Zentrum für Historische Forschung in Pankow arbeiten die beiden Wissenschaftler Robert Traba und Igor Kąkolewski, sie gehören zur deutsch-polnischen Schulbuchkommission, die das Geschichtsbuch auf den Weg gebracht hat.

Prof. Dr. Robert Traba
"Die Dominanz Westeuropas hat dazu gebracht, dass eigentlich die osteuropäischen Akzente der Entwicklung Europas sind verschwunden, sind unbekannt, und wir eigentlich kennen uns dadurch nicht."

Seit 1972 gibt es die Idee eines gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichtsbuches, 2008 wird aus der Idee dann ein Projekt. Sich für die Geschichte Polens zu öffnen, aufeinander zuzugehen, das ist den Wissenschaftlern wichtig zu vermitteln.

Prof. Dr. Robert Traba
"Wir kennen viele Fakten nicht aus der Geschichte dieses Ost- oder Mitteleuropas, die sind wichtig. Und ich würde anderes Beispiel nennen -  du gestattest es -  nämlich: polnisch - litauischer Staat: das ist so eine ... Union, die ja so wichtige Rolle spielte: die Jagiellonen-Politik, die Entwicklung Modernität dieses Staates, ist kaum bekannt. Und die, z.B. finden die Schüler in diesem Schulbuch."

Zur deutschen Seite der Schulbuchkommission gehört der Wissenschaftler Michael Müller. Er ist Professor für osteuropäische Geschichte und lehrt an der Universität in Halle-Wittenberg. Was können deutsche Schüler von der polnischen Geschichte lernen?

Prof. Dr. Michael G. Müller
"Sie sollen erst einmal lernen, dass ihre Geschichte in Deutschland auf so unendlich vielfältige Weise verflochten ist mit der polnischen. Man kann auch die deutsche nationale Geschichte nicht verstehen, nicht erzählen, wenn man nicht weiß, wie sie verflochten war, natürlich nicht nur mit der polnischen, sondern auch mit der französichen und der europäischen Geschichte insgesamt. Und in dem die Schüler jetzt damit konfrontiert werden, mit dem, was die Erfahrungen der Polen sind und was die Erfahrungen anderer Nachbarn sind, dann verstehen sie ihre eigene Geschichte besser."

Auch das Museum des 2. Weltkriegs in Danzig versucht einen ganzheitlichen Blick auf die Geschichte. Doch der Regierung PiS ist das zu universell und zu wenig patriotisch. Wie wird die Arbeit am Schulbuch weitergehen, 2020 soll der letzte Band erscheinen?

Prof. Dr. Robert Traba
"Wir arbeiten so weiter, dass ist unser Prinzip und das ist  der Sinn des Schulbuches und werden wir anders nicht arbeiten."

Prof. Dr. Igor Kąkolewski
Historiker
"Und es gibt keine Versuche auch unsere Arbeit zu beeinflussen, das muss man ganz ehrlich sagen. Es gab nicht und es gibt auch nicht heutzutage."

Prof. Dr. Robert Traba
"Und hoffentlich bleibt es so."

Die Verständigung stärken zwischen beiden Gesellschaften, der polnischen und der deutschen. Auch im Unterricht liegt der Fokus auf einer gemeinsamen  europäischen Geschichte.

Olivia Suckow
"Für mich ist es auch ganz wichtig, dass es keine Grenzen zwischen den Ländern gibt und dass man ohne Passkontrolle auch verreisen kann"

Ewelina Nitsche
"Man sollte dieses Grundgefühl einfach stärken, dass das unsere Nachbarn sind und dass gute Beziehungen zu den Nachbarn wichtig sind."

Autorin Martina Hiller von Gaertringen

weitere Themen der Sendung

Frau macht eine Gymnastikübung (Quelle: rbb)
rbb

Slawische Gymnastik

In Posen treffen wir Frauen, die Kurse für "Slawische Gymnastik" machen, eine uralte Praxis. Eine von ihnen, Joanna, ist Physiotherapeutin und Heilpraktikerin; sie liebt es, alte und moderne Methoden zu verbinden. Die slawische Gymnastik ist für sie eine ideale Verbindung, besonders für Frauen.

Wolf (Quelle: rbb)
rbb

Wolfs-Migranten

"Als ich das erste Mal zwei wilde Wölfe im Wald gesehen habe, das war einmalig. Diese Tiere sind so beeindruckend."Andreas Haufe lächelt. Er nennt sich ehrenamtlicher Wolfsbetreuer. "Wölfe sind ja Nomaden, die müssen herum ziehen, um sich zu ernähren. Und sie kommen aus Polen bis hierher." Dafür wurde eigens ein sogenannter Korridor eingerichtet, im Grenzgebiet zwischen Polen und Deutschland. Doch nicht jeder freut sich über die frei ziehenden wölfischen Migranten.

Der Freizeitpark Kulturinsel Einsiedel (Quelle: rbb)
rbb

Echt oder Legende? Kulturinsel Einsiedel

Der Freizeitpark Kulturinsel Einsiedel an der polnischen Grenze bei Görlitz ist ein Ort voller Mythen und Sagen. Denn neben den vielen Geistern und Waldelfen, soll  hier vor mehr als 1000 Jahren das fast verschollene Volk der Turiseder gelebt haben. Hier auf heute deutsch-polnischem Grund, an beiden Neiße-Ufern, war das mittelalterliche Volk zu Hause.