Szene aus der Politsatire "Ucho prezesa" (Quelle: rbb)
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- Politische Satire in Polen

"Ucho prezesa" ("Das Ohr des Vorsitzenden") - ist eine populäre, bittere Politsatire auf die polnische konservative Regierung, die seit Anfang dieses Jahres auf YouTube und der Internetplattform ShowMax ausgestrahlt wird und Woche für Woche 5-7 Millionen Zuschauer lockt. Die von Robert Górski und seinen Kollegen vom "Kabaret Moralnego Niepokoju" (Kabarett der Moralischen Unruhe) gespielte Szenen zeigen Machtpoker, Intrigen und Opportunismus in der heutigen Politik Polens.

In diesem kleinen Studio, privat finanziert, entsteht die bissige Politsatire "Ucho prezesa" - "Das Ohr des Vorsitzenden", die kein polnischer Fernsehsender haben wollte.

Robert Górski
„Kabarett der Moralischen Unruhe“
Fernsehen wird immer von jemandem kontrolliert. Entweder haben die Fernsehmacher Angst vor den Politikern, weil sie ihr Geschäft stören könnten oder sie wollen selbst die Politik beeinflussen.

Im Mittelpunkt steht der Vorsitzende der PiS-Partei und der mächtigste Man im Lande, Jarosław Kaczyński. In jeder Folge wird sein Arbeitszimmer von einem seiner Minister besucht, um über aktuelle politische Themen zu reden.

Robert Górski
"Für uns, Satiriker ist jetzt eine wunderbare Zeit. Auf der politischen Bühne gibt es viele markante Persönlichkeiten. Die Fronten sind klar, ich habe also kein Problem immer weitere Folgen zu schreiben.

Ich denke mir die Konflikte nicht aus, die sind real, ich beschreibe sie nur und besetze mit den Schauspielern, die jeder kennt."

z.B. Jan Szyszko, der Umweltminister – er ist für ein Gesetz verantwortlich, das massenhafte Abholzung von Bäumen auf privaten Grundstücken erlaubt.

Jarosław Kaczyński im Gespräch mit Jan 
"Sie müssen sofort dieses dumme Gesetz zurückziehen!"

"Aber Sie sagen doch immer: man darf Fehler nicht eingestehen! Lieber schweigen und aussitzen"

"Jarosław Kaczyński bekommt auch Besuch aus dem Ausland."

Angela Merkel: „Guten Tag. Ich würd gerne den Parteivorsitzenden sprechen.“

Sekretärin Basia: „Oh Gott… Guten Morgen… This way...“

Angela Merkel: „Frieden! Auch zwischen uns...“

Jarosław Kaczyński: „Zgoda!“

Robert Górski
Kabarettist
"Gleich nach den ersten Folgen kamen zu uns Kommentare von ganz oben. Nicht von den Journalisten, sondern von den Politikern. Man hat uns also wahrgenommen…"

"Was schaut ihr da an?"

"Etwas im Internet."

Robert Górski
"Und gleich wurde Kaczyński nach seiner Meinung gefragt. Glücklicherweise für mich fand er die Serie lustig. Kritisiert hat er nur Details, z.B. was eine Katze trinkt: Milch oder Wasser.

Aber dank seiner positiven Äußerung waren die PiS-Anhänger nicht mehr kritisch mir gegenüber.

Na gut, wir sagen... alles ist ok… dass es uns gefällt… so stehen wir nicht als Spießer da…"

Robert Górski
"Ich höre unterschiedliche Meinungen. Einerseits wirkt die Figur von Kaczyński menschlicher … durch meine Rolle; das arbeitet für ihn und seine PIS. Auf der anderen Seite verliert die Regierungspartei nach Meinungsumfragen immer mehr Anhänger. Und auch das wird mit uns in Verbindung gebracht."

Abseits der offiziellen Medien entsteht an der Weichsel eine lebendige politische Kabarettszene. Machtspiele, Pannen, Intrigen und Opportunismus der Politiker, der regierenden und der Opposition - das ist bester Unterhaltungsstoff.

Fern vom Parlament, am anderen Weichselufer, brennt das satirische „Feuer im Bordell“ gegen das politische Establishment.

Maciej Łubieński
Kabarett „Das Feuer in Bordell“

"Nach 1989 war die politische Satire so gut wie verschwunden. Die Machthaber, die man lächerlich machen wollte, gab es nicht mehr. Nach 25 Jahren ist sie nun wieder da. Sie ist heute natürlich anders, es gibt zwar keine Zensur, aber es gibt die politische Einflussnahme, und wir sind bei dieser Wiedergeburt dabei."

„Das Feuer in Bordell“ mit seinem anarchistischen Humor ist im Moment eine der angesagten Bühnen in Polen.

Heraus Ihr Warschauer, rauf auf’s Parkett

Freiheit bekommt man nicht auf‘m Tablett!

Ich bin die Verfassung, gebt mir Schutz

Der Tyrann will mich ändern, wie es ihm nutzt …  

Maciej Łubieński
"Wir haben angefangen als die Bürgerplattform an der Macht war. Das neoliberale Bürgertum interessierte sich vornehmlich dafür, welchen Wein man zum Mittagessen trinken sollte: Gewürztraminer oder Riesling? Oder wohin soll man in die Sommerferien fahren, nach Griechenland oder nach Madeira. Aus der heutigen Perspektive war das eine unschuldige Welt.

Aber das, was heute in Polen und in der Welt überhaupt passiert, diese Invasion von Politik, diese neue Geschichtsschreibung, diese postfaktischen Wahrheiten! Da musste man zwangsläufig politischer werden."  

Heraus Ihr Warschauer, rauf auf’s Parkett

Freiheit bekommt man nicht auf‘m Tablett!

Ich bin die Verfassung, gebt mir Schutz

Der Tyrann will mich ändern, wie es ihm nutzt …  

Maciej Łubieński
"Ich glaube nicht, dass Satire einen großen Einfluss auf die Geschichte hat. Satire ist bloß ein Kommentar, nur ein Scherz. Ein Kommentar kann die Welt nicht verändern.

Oder vielleicht doch? Könnte sein, dass gerade die Satire die beste Methode ist, das raue politische Wetter in Polen etwas zu verändern? Oder zumindest den Gegenwind durchzustehen."

Autor Krzysztof Visconti

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