Eine Frau hält eine alte Fotoaufnahme in der Hand (Quelle: rbb)
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- Zwischen den Grenzen

"Je älter ich werde, desto mehr weiß ich meine Wurzeln und die polnische Kultur zu schätzen." Kamila Laures kam schon mit vier Jahren nach Deutschland. Ihre Eltern flohen 1980 nach NRW. "Nach drei Monaten habe ich angeblich Deutsch im Schlaf gesprochen", erzählt die 41 jährige Berlinerin. Sie arbeitet beim IT-Unternehmen SAP in Berlin Mitte und switcht dort täglich zwischen ihren zwei Identitäten.

Wie z.B. die beiden – Kamila Laures und Martin Wezowski sind in Polen geboren und arbeiten heute bei einem großen Softwareentwickler in Berlin. Was der Computer über Polen ausspuckt, interessiert sie besonders.

Kamila Laures
Director Media Relations
"Als ich klein war – und ich war sehr klein, als meine Eltern nach Deutschland gingen – ich war 4 Jahre alt. Ich hatte Glück, ich hatte Nachbarn, die Kinder in meinem Alter hatten und ich hab nach drei Monaten wohl deutsch im Schlaf gesprochen und meine Eltern haben mich nicht verstanden."

Martin Wezowski hingegen steckt mitten in der Pubertät, als seine Eltern Polen verlassen. Das und viele weitere Lebens-Stationen haben den heutigen Chef-Designer geprägt.

Martin Wezowski
Chief Designer
"Was meine Identität betrifft, könnte man denken, ich hätte zwei. Aber tatsächlich habe ich 14 Jahre in Polen verbracht, ich war ein junger Teenager, der das Land verließ. Dann habe ich 27 Jahre in Schweden gelebt und danach 2 Jahre in China verbracht, weil ich Asien liebe. Und jetzt bin ich seit fast 4 Jahren in Deutschland. Also für mich spielt das keine Rolle. Nationalität oder eine nationale Identität ist nicht mein Ding."

Trotzdem weiß Martin Wezowski die polnische Kultur zu schätzen, die der Chef Designer  auch in Berlin leben kann. In der Mittagspause zum Beispiel.

Neben einer Vorliebe für polnische Hausmannskost verbindet die beiden Arbeitskollegen eine ähnliche Geschichte: Ihre Familien sind aus Polen geflohen.

Martin Wezowski
"In Polen zu leben damals war echt scheiße, Entschuldigung. Aber es ist wahr, es war eine Diktatur."

Eine Szene, die für sich selbst spricht: Ein älterer Mann kniet vor einem Schützenpanzer, versucht ein Gespräch – erfolglos.

Martin Wezowski
"84, 83, 82 sah es nicht so als, als gehe es in eine gute Richtung."

Der Zug der Arbeiter wird mit Tränengas und Wasserwerfern aufgelöst.

Martin Wezowski
"Kinder, bzw. wir Kinder sollten ein besseres Leben haben. Denn es war gefährlich. Es war fast ein Bürgerkrieg."

Nach offiziellen Angaben werden etwa 50 Demonstranten festgenommen.

Martin Wezowski
"Da waren Panzer auf den Straßen, daran erinnere ich mich."

An ihre Kindheit in Polen hat Kamila Laures wenig Erinnerungen. Zu klein war sie damals. Aber ihre Eltern erzählten ihr später, wie die Zustände im Heimatland aussahen.

Kamila Laures
"Meine Eltern haben eigentlich vor allem erzählt, dass sie gegangen sind, weil sie Angst hatten, dass ein Krieg ausbricht. Es war 1980, es war ein sozialistisches Land und sie mussten sich morgens um 5 Uhr mit einer Essensmarke anstellen, um Brot zu kaufen."

In der vergangenen Woche musste sie sich sechs Tage anstellen, um ihre Fleischkarten einzulösen. Fleisch kostet ab heute das Dreifache.

Kamila Laures
"Und haben sich einfach irgendwann gedacht: Das ist kein guter Platz, um ein kleines Kind groß zu ziehen."

Schlimm ergeht es den Jüngsten. Milch von schlechter Qualität wird fast um das Vierfache teurer. Auch Kinderkleidung – ohnehin kaum zu haben – steigt im Preis, wenn sie von etwas besserer Qualität ist.

Kamila Laures
"Und dann war glaube ich die offizielle Variante: Wir fahren in den Urlaub. Ich weiß nicht mehr, ob Ungarn oder Frankreich – für irgendwas hatten sie die Erlaubnis. Haben der ganzen Familie auch nichts gesagt und haben den Koffer gepackt und sind gefahren und nie wieder zurück gefahren."

Für die vierjährige Kamila Laures beginnt ein neues Leben in Deutschland. Und ihren Eltern war es wichtig, richtig in der Gesellschaft anzukommen.

Kamila Laures
"Meine Eltern haben sich sehr um Integration bemüht. Sie haben nicht wie viele andere in polnischen Communities Schutz gesucht. Sondern waren wirklich bemüht, deutsche Freundschaften zu schließen. Ich hatte damals aber auch das Gefühl, ich wollte mehr deutsch sein. Ich wollte eigentlich, dass es niemand weiß, dass ich aus Polen bin. Und jetzt ist es eher umgekehrt, jetzt erwähne ich das mehr als gerne und bin da auch, also stolz würde ich nicht sagen, was kann man schon dafür, woher man kommt, aber zumindest pflege ich diese Unterschiede jetzt viel mehr und hab das damals nicht so zu schätzen gewusst, wie ich es jetzt zu schätzen weiß."

Kamila Laures zieht es 2001 in das pulsierende Berlin. Nachdem sie auch schon in Barcelona und London Zeit verbracht hat.

Kamila Laures
"Also Berlin ist Inspiration. Ich fühle mich hier auch sehr Zuhause, klar. Weil ich es einfach toll finde, diese Multi Kulti Geschichte, dieses Glamour in Chic in einem – das finde ich einfach toll. Und Heimat also ja – je älter ich werde ist mir das eigentlich bewusst, dass es Polen für mich ist. Da wo meine Wurzeln sind, wo der Großteil meiner Familie lebt, wo ich her komme. Was mir wirklich viel wichtiger geworden ist über die Jahre – viel wichtiger als ich klein war."

Autorin Simone Brannahl

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