Von Russlanddeutschen und Deutschlandrussen
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- Von Russlanddeutschen und Deutschlandrussen

Nur Wenigen ist es bewusst, dass die Zuwanderung Deutschstämmiger aus Osteuropa auf ein Gesetz aus dem Dritten Reich zurückgeht. Die meisten „Spätaussiedler“ kamen in den 90-ern aus Kasachstan, wohin das Stalin-Regime die Russlanddeutschen während der Kriegszeit verbannt hatte. Wie haben die Russlanddeutschen sich im Laufe der Zeit in
Deutschland integriert?

Woran erkennt man einen Russlanddeutschen? An seinem Aussehen? Seiner Sprache? Oder dem Namen? Eugen Litwinow ist Russlanddeutscher. In New York hat er Photographie studiert, in Kreuzberg eine Grafik-Agentur gegründet. Dass Eugen Litwinow 'Eugen' heißt, das war nicht immer so.

Ausschnitt Mein Name ist Eugen

"Mein Name ist Eugen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Geboren wurde ich als Jewgenij Alexandrowitsch Litwinow in Kasachstan. Vor genau 20 Jahren bin ich als Kind mit meiner Familie nach Deutschland gekommen. Den Namen Jewgenij musste ich kurz darauf ablegen. Man sagte uns, es würde die Integration erleichtern. Und Eugen war damals der offizielle deutsche Ersatzname."

Eugen Litwinow
Grafik-Designer und Buchautor
"Meinen Eltern wurde vorgeschlagen für meinen Bruder und mich, also für mich war das von Jewgenij zu Eugen umbenannt zu werden, für meinen Bruder von Iwan zu Johannes. Jewgenij kann keiner im Kindergarten richtig aussprechen und Iwan, da denkt man ja sofort an Iwan den Schrecklichen, da sind ja keine Namen die Kinder zu Kindergartenzeit und Schulzeit haben sollten, natürlich haben meine Eltern dieser Einschätzung erst mal vertraut.

Ich konnte mich immer an einen Satz von meinem Vater erinnern, der gesagt hat, mit der Namensänderung habe sich auch mein Charakter verändert und das fand ich so spannend ... was meint er genau damit, wie ist es anderen überhaupt ergangen ...

Ausschnitt Mein Name ist Eugen

Eugen Litwinow interviewt 13 russlanddeutsche Männer. Auch sie sind Spätaussiedler, die in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen sind und in Eugen umbenannt wurden. Meine Eltern nennen mich "Schenja", beziehungsweise auch ... nee, Eugen nennen sie mich, glaube ich, gar nicht.

Den Namen brauch ich ja jetzt nicht sagen? - Doch. Also, mein Name ist Eugen ...

Hat der Namenswechsel die jungen Männer verändert? Aus Eugen Litwinows Begegnungen wird ein Buch.

Eugen Litwinow
"Es gibt ein Zitat aus dem Buch, also einer der Protagonisten hat das auch so schön umschrieben: ich fühle mich wie ein gemischter Salat und da würde ich 100 Prozent zustimmen, man merkt so die verschiedenen Zutaten, man kann auch die Sachen so ein bißchen voneinander trennen, aber letztendlich ist es so der Mix, man pickt sich am Ende nicht jedes Blatt einzeln raus, sondern irgendwie diese Kombination."

Heimatlieder - unverzichtbare Seelennahrung für die ältere Generation. Im Bezirk Lichtenberg treffen sich Senioren zum gemeinsamen Singen. Die meisten von ihnen sind Russlanddeutsche.

Heinrich Wiebe
"Alle denken immer ...  bei uns sitzt Russland, Sowjetunion sag ich jetzt mal, tief in der Seele. Das ist nicht so! Wir fühlen uns hier wohl!"

Wolfgang Kelle
"Ich bin kein Russlanddeutscher, ich bin Deutschlandrusse! Und jedesmal, wenn ich hier bin und höre zu, ich hab jedesmal Gänsehaut ... "

Jede Woche kommen die Senioren im Integrationshaus "Lyra" zusammen, Walter Gauks ist hier der Leiter, er kennt die Nöte vieler Russlanddeutscher.

Walter Gauks
Vorstand, Lyra e.V.
"Viele kommen her und sprechen russisch und dann fragen sich die einheimische Bevölkerung, die einheimischen Deutschen: sind das überhaupt Deutsche? Das sind alles Russen wahrscheinlich, aber, ja, das ist klar erstmal Schock – da waren wir Deutsche und hier sind wir Russen, aber ein bisschen Zeit vergeht und dann lernen uns die Leute kennen und langsam und sicher verstehen sie auch unsere Geschichte und das ist ein Prozess."

Auch Walter Gauks ist ein Einwanderer. 15jährig kommt er mit seinen Eltern und Geschwistern nach Berlin.

Walter Gauks
"Wir sind 1996 gekommen und wir Kinder konnten kein Deutsch, die Eltern haben ein bisschen gesprochen, wobei der Opa hat noch in einem schwäbischen Dialekt gequatscht."

Walter Gauks
"Wir sind wie ein kultureller Schwamm, wir haben zwar das unsere nicht vergessen und verloren, die Omis und Opis haben immer gesagt: Du, du, du musst wissen und so, wir kommen da und da her und wir sind das, wir sind dies und Konfessionen usw., aber wir haben auch gesagt: Nein, wir müssen uns integrieren in die Gesellschaft ..."

Hier, Im Studio Ellery arbeiten Künstler aus verschiedenen Nationen. Teamarbeit ist für sie Grundlage für Erfolg.

Eugen Litwinow
"Die deutsche Gesellschaft kann auch sehr viel von anderen Blickrichtungen lernen und ich glaube auch, das wäre der größte Fehler, den man machen könnte, zu sagen, ihr seid nur integriert, wenn ich überhaupt nicht mitkriege, dass ihr einen anderen Background habt."

Walter Gauks
"Wir sind in einer tollen pluralen Gesellschaft, man kann ja eigentlich eine plurale Gesellschaft nur haben, wenn man auch unterschiedlich ist."

Was ist deutsch, was ist russisch? Eugen Litwinow ... im Herzen ist er Jewgenij geblieben ..  

Autorin Martina Hiller von Gaertringen

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++  500. Sendung und Start der neuen Kooperation mit Gazeta Wyborcza ++

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