Nahaufnahme von einer Frau
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- "Wir Strebermigranten"

In Deutschland leben rund zwei Millionen Aussiedler aus Polen. Sie integrieren sich so gut, dass sie keinem mehr auffallen. Emilia Smechwoski schildert das Phänomen anhand ihrer Familiengeschichte. Und die ist exemplarisch dafür, was sie meint mit ‚Strebermigranten’.

Emilia Smechowski kam1988 mit ihren Eltern aus dem kleinen Dorf Wejherowo nach West-Berlin. Rund zwei Millionen Aussiedler aus Polen leben mittlerweile in Deutschland, aber sie fallen kaum auf - genauso wie die Smechowskis. Sie nennt sie Strebermigranten.

Emilia Smechowski
"Strebermigrantin insofern, als das meine Familie und ich sehr schnell in Deutschland versucht haben uns anzupassen und zu assimilieren und sehr schnell Deutsche zu werden, die wir ja tatsächlich waren, weil wir Aussiedler waren und sehr schnell einen deutschen Pass bekommen haben. Und ja wir waren sehr strebsam - in unserem Integrationsbemühen sozusagen."

Für Emilias Eltern beginnt im Westen ein neues Leben. Aus der polnischen Emilka Smiechowska wird die deutsche Emilia Smechowski - innerhalb von ein paar Wochen.

Emilia Smechowski
"Das ist unser erstes Weihnachten noch im Flüchtlingsheim, da wo wir uns einen Plastikweihnachtsbaum gekauft haben. Das war da, wo meine Mutter den gefrorenen Apfelkuchen auf den Tisch gestellt hat, weil sie dachte, das ist ja ein Fertiggericht der ist fertig zum Essen."

Die Familie kommt schnell hier an. Die Eltern, beide Ärzte, lernen Deutsch, bekommen Arbeit im Krankenhaus. Statt Fiat Polski jetzt ein deutsche Auto. Der Vater macht Karriere. Der erste Urlaub in Skandinavien.Polen und das Leben von damals sind weit weg. Das neue Zuhause ist in West Berlin.

 Emilia Smechowski
"Also meine Eltern haben sich überhaupt nicht als Ausländer gefühlt und das eben auch nicht nach außen getragen. Meine Mutter hat dieses ganze westliche, hat sich total danach gesehnt. Mein Vater in anderen Bereichen. Meine Mutter aber auch ganz klassisch, was das Kochen angeht, und sie wollte nicht mehr Piroggi und Bigos machen."

Sich anpassen, weiter kommen sich etwas aufbauen. Das bedeutet für Emilia - keine Fehler, funktionieren, Leistung. Die Schule fällt ihr zwar leicht - trotzdem ist der Druck hoch

Emilia Smechowski
"In Physik habe ich nur eine zwei und in Sport sogar, das waren die Momente, wo ich quasi was erklären musste - meinen Eltern, warum es dann eine zwei wurde."

Mit sechzehn hat Emilia genug - sie zieht aus und studiert Gesang.

Emilia Smechowski
"Die Musik in meinem Fall ja die klassische Musik war der für mich nötige Exit für mich aus der Familie und aus diesem alten Leben unter dem ich schon gelitten habe."

Emilia ist dann doch Journalistin geworden. In dieser Flüchtlingsunterkunft in  Neukölln hat sie selbst ihre ersten Monate verbracht. Wenn sie jetzt hier auf Flüchtlinge trifft, fällt ihr immer wieder die eigene Geschichte ein.

Emilia Smechowski
"Es fühlt sich auf jeden Fall sehr komisch an mit aktuellen Flüchtlingen zu sprechen und zu wissen, man selber war auch mal einer, aber man hatte so viel bessere Chancen, so viel bessere Möglichkeiten in Deutschland anzukommen, weil wir ja wirklich bevorzugt behandelt wurden. Wir Polen sind nicht besonders integrationsbegabt, oder klug oder so, sondern wir hatten einfach andere und bessere Voraussetzungen."

Die Suche nach ihrer polnischen Identität begann langsam. Sie ist häufiger hingefahren und sie hat polnisch gelernt für ihre kleine Tochter.

Emilia Smechowski
"Ich habe schon darüber nachgedacht in welcher Sprache ich mit meinem Kind sprechen werde, das war total präsent diese Frage und ich habe mich tatsächlich gefragt, wenn ich jetzt deutsch spreche mit meinem Kind, dann ist unsere Migrationsgeschichte eigentlich zu Ende."

Im nächsten Jahr geht Emilia Smechowski für ein Jahr nach Danzig - mit ihrer Tochter. Sie möchte ihre andere Heimat kennenlernen.

Autorin Bettina Lehnert

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