Symbolbild: Ärztemangel
Bild: Jakub Orzechowski / Agencja Gazeta

Zahl der Todesfälle pro Tag auf Rekordniveau - Experte für Gesundheit: "Die Situation ist kritisch"

Am Donnerstag meldete das polnische Gesundheitsministerium insgesamt 27.877 neue COVID-19-Fälle und 954 Todesfälle. Es ist der höchste Wert seit Beginn der Pandemie.

Das jüngste epidemiologische Update der WHO listet Polen als eines der führenden Länder in Bezug auf die wöchentliche Todesrate auf. Die in dem Bericht verwendeten Daten, die in der Woche vom 29. März bis 4. April gesammelt wurden, zeigen, dass innerhalb von sieben Tagen über 3.000 infizierte Menschen in Polen gestorben sind und dass die Sterberate bei 8 Todesfällen pro 100.000 Einwohnern liegt. Vergleichsweise liegt dieser Wert in Italien bei 5, in Brasilien bei 10. Gleichzeitig berücksichtigten WHO-Experten eine Gruppe kleinerer Länder mit weniger als 10 Millionen Einwohnern nicht. Dort ist die Situation noch schlimmer.
 
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums ist die Zahl der positiven Covid-Tests in Polen ebenfalls relativ hoch. Von den am Mittwoch getesteten 111.300 Personen waren 25% positiv.
 
Darüber hinaus sind 78 Prozent der 44.878 Krankenhausbetten, die speziell für Covid-19-Patienten bereitgestellt werden und die eine Intensivpflege benötigen, bereits besetzt.
 
Bis Dienstag waren landesweit 3.362 Beatmungsgeräte (78 Prozent) besetzt. Die Gesamtzahl der vom Ministerium gemeldeten Geräte beträgt 4.293.
 
Experte für öffentliche Gesundheit: "Die Situation ist kritisch"
 
Wir haben Dr. Paweł Grzesiowski, einen der führenden polnischen Experten für Gesundheit und Kritiker der PiS-Partei, gebeten, den Umgang der Regierung mit der Pandemie zu kommentieren.
 
Der Leiter des Präsidentenbüros, Paweł Szrot, berichtete, dass Andrzej Duda "die Strategie der Regierung zur Bekämpfung der Pandemie als gut bewertet". Teilen Sie seinen Optimismus?
 
Dr. Paweł Grzesiowski, Experte des Obersten Medizinischen Rates für Covid-19: "Angesichts der aktuellen Entwicklungen halte ich eine Einschätzung zu diesem Zeitpunkt für verfrüht. Wir hatten gerade einen weiteren Tag, an dem es weniger als 10.000 neue Fälle gab und fast eintausend Menschen ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir haben nicht mehr genug Krankenhausbetten oder Personal. Wir brauchen Unterstützung aus Übersee und vom Militär. Die Situation ist kritisch. Wenn es beispielsweise drei Wochen dauert, bis die dritte Welle abflacht, werden wir jeden Tag 300-500 neue Patienten in Krankenhäusern haben. Ich fürchte, wir werden dramatische Szenarien erleben. Möglicherweise sind nicht genügend Betten für Patienten vorhanden. Im Moment müssen wir darüber sprechen. Wir können erst mit der Bewertung der Situation beginnen, nachdem die Welle abgeklungen ist. Dennoch denke ich, dass eine solch optimistische Sicht auf das Management der Regierung in Bezug auf die Eindämmung des Virus‘ nicht der Realität entspricht. Wir müssen die Behörden für das, was nicht getan wurde, zur Rechenschaft ziehen. Denken wir daran, dass die dritte Welle allmählich ausbrach und in Nordpolen begann. Nach allen Prognosen waren wir einen Monat zu spät dran mit dem Lockdown. Wenn sich herausstellt, dass dies der Fall ist, wenn Experten die Situation analysieren und zu dem Schluss kommen, dass die Entscheidungen über zusätzliche Einschränkungen zu spät getroffen wurden, ist dies kein Grund, auf den man stolz sein kann.
 
Sollten die derzeitigen Maßnahmen beibehalten oder verschärft werden?
 
"Zunächst benötigen wir Daten und Informationen aus Befragungen der Sanitärinspektion: Wir müssen wissen, wo sich Menschen infizieren. Wenn sich herausstellt, dass es noch einige Orte gibt, an denen das Virus ohne Einschränkungen übertragen werden kann, sollten wir dort die Maßnahmen verschärfen. Wenn Menschen sich vornehmlich zu Hause infizieren, dann helfen auch die restriktivsten Maßnahmen nicht."
 
In einem unserer vorherigen Gespräche haben Sie gesagt, dass wir in Polen niemanden haben, der die Verantwortung für die Bekämpfung der Pandemie übernehmen könnte. Sehen Sie das immer noch so?
 
"Ja, das denke ich immer noch. (…) Es gibt keine Gruppe von Personen, die sich ausschließlich dieses Themas widmet. Natürlich scheint es, dass die Sanitärinspektion, der Gesundheitsminister, ein Krisenmanagementteam, dass dies die Personen sind, die sich mit der Situation auseinandersetzen, aber dies ist nicht der Fall. Denn diese Leute haben auch andere Pflichten. Ich stelle mir vor, dass ein Pandemie-Management-Zentrum aus Menschen besteht, die 100 - oder sogar 120 Prozent ihrer Zeit und Energie nur dem Kampf gegen die Pandemie widmen. Sie würden die Situation ständig überwachen, Berichte herausgeben und Entscheidungsträgern Daten darüber liefern, was wo getan werden muss. Wir haben 380 Powiate [Anm. d. Red. Powiat bedeutet Kreis, die Bezeichnung meint konkret die Land- und Stadtkreise), jede dieser Verwaltungseinheiten sollte jemanden haben, der in der Lage ist, die lokale Situation zu bewerten: Was genau passiert dort, wie intensiv ist die Pandemie, geht die Inzidenz hoch oder runter, wie riskant ist es, die Schulen zu öffnen. Und aus all diesen regionalen Situationen könnten wir dann das Bild der gesamten Situation im ganzen Land zusammenstellen und auf dieser Basis entsprechend handeln. Leider wird das Pandemiemanagement heute von Regierungsbeamten übernommen. Meiner Meinung nach ist es unwirksam."
 
Sie sagten, dass wir in Bezug auf die staatliche Sanitärinspektion tatsächlich einen vollständigen Zusammenbruch sehen.
 
"(…) Jemand sollte die Daten aus allen lokalen Einrichtungen sammeln, zusammenfassen und anhand dieser Informationen spezifische Berichte erstellen. Ich werde etwas sagen, das fast unmöglich zu verstehen ist, aber bis heute wissen wir nicht einmal, wie viele Menschen in einzelnen Landkreisen geimpft wurden."
 
Fragment aus dem Bericht von Dorota Roman, Judyta Watoła, Danuta Pawłowska, Jakub Kibitlewski, Gazeta Wyborcza, 08. April 2021
 

Übersetzung: Julia Karwatzki

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