Herr Bogdan, selbstständiger Schuhmacher aus Sopot
Bogdan Tomasiński, Schuster aus Sopot und Teilnehmer des Projekts "Business-Senioren" | Bild: Agencja Gazeta / Kamil Jasinski

Studenten-Projekt "Business-Senioren" - Social Media Accounts für Ältere Unternehmer

 

 

Herr Mirosław repariert seit über 40 Jahren Uhren. Aufgrund der Pandemie gingen seine Einnahmen stark zurück, in manchen Monaten sogar bis zu 80 Prozent. Doch dann kamen ihm die Studenten zur Hilfe. Jetzt ist der Warschauer Uhrmacher, neben einer Näherin, einem Schuhmacher, Floristen und anderen Business-Senioren ein richtiger Internetstar.
 
Alles begann damit, dass sechs Management-Studenten von der Universität Warschau eine Aufgabe zum Thema "Senioren" erhielten.
 
"Wir hatten einige Ideen, aber am Ende haben wir uns für die "Business-Senioren" entschieden", sagt Julia Kuleżewska.
 
"Senioren, die Unternehmen und Handwerksbetriebe führen, nutzen das Internet selten (…). Sie wissen nicht, wie sie für sich im Internet werben können, und wir wollten ihnen helfen. In den sozialen Medien veröffentlichen wir Fotos von Senioren, die kleine Unternehmen führen und erzählen den Menschen ihre Geschichten", fügt Oliwia Szataniak hinzu.
 
Über 30.000 Abonnenten in wenigen Tagen
 
Wir sprechen mit beiden Organisatoren der Kampagne "Business-Großeltern" über Zoom. Die Studenten [Anm. d. Red.: die an der Aktion beteiligt sind] leben in unterschiedlichen Städten in Polen.
 
"Anfangs sollten wir uns auf Senioren aus den Städten beschränken, in denen wir leben, aber jetzt erhalten wir Bewerbungen aus ganz Polen. Dass die Kampagne auf so ein großes Interesse stößt, hätten wir nicht gedacht. Wir wissen mittlerweile gar nicht mehr, wie wir bei dieser hohen Nachfrage noch hinterherkommen sollen. Aber natürlich freuen wir uns", sagt Julia Kuleżewska.
 
Das Instagram-Profil der "Business-Senioren" wurde innerhalb weniger Tage 30.000-Mal abonniert.
 
Doch Oliwia Szataniak gibt zu, dass es am Anfang nicht einfach war, die Senioren davon zu überzeugen, an der Aktion teilzunehmen: "Zu Beginn waren nicht alle Senioren bereit, unsere Hilfe anzunehmen. Sie hatten Angst, dass wir sie betrügen oder Geld verlangen würden."
 
Der Umsatz der Senioren, die ein Blumengeschäft betreiben, stieg um das Vierfache
 
Um ihr Projekt realisieren zu können, sammelten die Studenten Spenden: "Ursprünglich wollten wir das gesammelte Geld dafür ausgeben, die Reichweite in den sozialen Medien zu erhöhen. Da das nicht mehr notwendig ist und es jetzt von selbst läuft, überlegen wir, einige unserer Senioren mit dem übrig gebliebenen Geld finanziell unter die Arme zu greifen."
 
Auch ohne die gesammelten Spendengelder merken die an der Aktion beteiligten Senioren, dass sich die Werbemaßnahmen in den Sozialen Medien positiv auf ihre Umsätze auswirken. "Auf Facebook schrieb mir die Tochter einer Blumenladen-Besitzerin, die zu unseren Business-Senioren gehört, dass sich ihr Umsatz viervierfacht habe. (…)", sagt Oliwia.
 
Studentin Julia besuchte die Eisdiele von Frau Walentyna aus Białystok, (…) die ebenfalls an dem Projekt teilnahm: "Frau Walentyna sagte, als die wärmeren Tage kamen, bildeten sich Schlangen vor ihrer Eisdiele."
 
Mittlerweile melden sich immer mehr Personen bei den Studenten, die das Projekt "Business-Senioren" gestartet haben und wollen Teil des Teams werden.
 
Die Studenten versichern, dass sie die Aktion weiter fortführen wollen, auch nach Ende des Uni-Projekts. Sie planen, die Kampagne in eine Stiftung umzuwandeln (…).
 
Wir besuchen den Business-Senior Mirosław, der in Warschau Uhren repariert. Er fasst seine Teilnahme an dem Projekt so zusammen: "Das Projekt der Studenten ist brillant. Es ist eine großartige Werbung, nicht nur für mich, sondern auch für andere Handwerker, da wir alle unter der Pandemie gelitten haben. Jetzt finden die Leute heraus, dass es irgendwo in der Nähe einen Uhrmacher, einen Konditor oder einen Schuhmacher gibt. Ich erhielt Anrufe von Leuten, die fragten, ob mein Geschäft geöffnet sei. Viele wussten anscheinend nicht, oder sind überrascht, dass sie nur ein paar Meter von meinem Betrieb entfernt wohnen. Und ich sage ihnen, dass ich hier seit über 40 Jahren ununterbrochen arbeite."
 
Fragment aus dem Bericht von Dominik Łowicki, Gazeta Wyborcza, 29. April 2021

 
Übersetzung: Julia Karwatzki

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