Kowalski und Schmidt: Pazifismus als Mission (Quelle: rbb)
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Kämpferin im Warschauer Aufstand - Pazifismus als Mission

„Wenn man Krieg als Abenteuer betrachtet, fürchtet man sich nicht davor – und das sollte man aber tun“, ist das Credo von Wanda Traczyk–Stawska. Sie ist eine der letzten noch lebenden Kämpferinnen des Warschauer Aufstandes von 1944.

Die Armbinde in den polnischen Nationalfarben war damals das Erkennungszeichen der Aufständischen, ihre Uniform. Wanda Traczyk -Stawska trägt sie auch heute noch, wenn sie im Dienst ist: seit über 60 Jahren erinnert sie an die Toten des Warschauer Aufstandes. Die 92-jährige hat uns zum Friedhof der Aufständischen in Warschau geführt.

Wanda Traczyk-Stawska
"Unter diesen Steinen befinden sich 20 Tonnen Menschenasche.  Das bedeutet: über 50.000 Menschen liegen hier, aus ganz Warschau."

Die  Bewohner wurden von den deutschen Soldaten aus ihren Wohnungen getrieben und direkt in den Höfen erschossen. Auf Stapeln hat man sie vor Ort verbrannt.

Erst nach dem Krieg wurde die Asche gesammelt, gewogen und das Gewicht Haus für Haus protokolliert.  Daraus wurde die Zahl der Opfer errechnet.

Auch die Asche der Kinder von Wanda Lurie ist dabei: sie waren 3, 5 und 11 Jahre alt. Eine von vielen grausamen Geschichten.

Kowalski und Schmidt - Pazifismus als Mission (Quelle: rbb)

Wanda Traczyk-Stawska
"Wanda Lurie wurde zusammen mit ihren Kindern erschossen. Die Kinder waren sofort tot, die Mutter, im 9. Monat schwanger, schwer verletzt. 2 Tage lag sie mit den Leichen ihrer Kinder auf einem Leichenstapel, bis sie merkte, dass sich das Kind ich ihrem Bauch bewegte. Erst da ist sie weggekrochen."

Ihre toten Kinder hat Wanda Lurie nie wieder gesehen. Das Denkmal steht für sie und all die anderen verwaisten Mütter. Viele Tote konnten nie identifiziert werden. Die Namen der bekannten Opfer sind auf diesen Säulen eingraviert. Knapp 80.000.  Bis heute kommen neue hinzu, allein im letzten Jahr waren es 500.

Kämpferisch-optimistische Lieder wie dieses stehen für den Beginn des Warschauer Aufstandes. Nach fünf Jahren brutaler Besatzung waren die Warschauer zu allem bereit.

Kowalski und Schmidt - Pazifismus als Mission (Quelle: rbb)

Wanda Traczyk-Stawska
"Überall hingen weiß-rote Flaggen. Die Menschen haben vor Glück geweint als sie meine weiß-rote Armbinde und den polnischen Adler auf meiner Mütze gesehen haben. Sie umarmten mich, schenkten mir Bonbons und Süßkirschen. Niemals später habe ich so viele vor Glück weinende Menschen gesehen."

Als der Krieg ausbricht ist sie 12. Sie engagiert sich bei den Pfadfindern im Untergrund, ist Schülerin an einem geheimen Gymnasium. Vom Fenster ihres Klassenzimmers aus beobachtet sie eine Massenexekution von über 100 Menschen.

Wanda Traczyk-Stawska
"Als ich aus dem Haus kam und auf der Straße Reste von menschlichen Körpern sah, das Blut, das in die Gosse gekehrt wurde, da wurde ich so wütend und so verzweifelt, dass ich mir sagte, ich will nicht mehr zur Schule gehen. Ich will bei den Kämpfern sein, ich will die Deutschen töten."

Sie wurde zu einer der wenigen Frauen, die mit der Waffe in der Hand am Warschauer Aufstand teilnahmen. Inszenierte Aufnahmen der “polnischen Wochenschau im Untergrund“ zeigen sie beim Kampf.

Wanda Traczyk-Stawska
"Als ich einmal mit Granaten warf, habe ich vom Fenster aus hinunter geschaut, ob ich richtig ziele. Da habe ich unten die grausam zerrissenen Körper der deutschen Soldaten gesehen. Zum ersten Mal im Leben habe ich in Deutschen Menschen gesehen, die schrecklich leiden. Ich habe geweint, aber weiter geworfen. Doch seitdem hasse ich den Krieg."

Vor 15 Jahren wurde den Kämpfern des Warschauer Aufstandes ein Museum gebaut: Touristenattraktion und ein Muss für jedes polnische Schulkind. Wanda Traczyk Stawska ist es zu einseitig.

Wanda Traczyk-Stawska
"Klar, es ist sehr interessant, mit sehr vielen Exponaten! Doch es wird dort über den heroischen Kampf erzählt. Und nicht vom Tod, den Preis, den wir bezahlt haben. Sie können dort ja keine Leichen ausstellen."

Die Realität sei weniger schön gewesen. Zum Beispiel die Abwasserkanäle – der geheime Transportweg der Aufständischen.

Wanda Traczyk-Stawska
"Wenn diese im Museum so aussehen würden, wie sie in Wirklichkeit waren, mit all dem Gestank, den Ratten, dem Unrat, der da lag, dann würden die Kinder nicht so gern hinein gehen, dort spielen. Krieg wird im Museum als Abenteuer erzählt, nicht als etwas, wovor man sich fürchten muss. Es sind nur die Friedhöfe, die die volle Wahrheit über den Krieg erzählen."

Dass unter der PiS-Regierung Heldentum und Sterben fürs Vaterland zum neuen Gründungsmythos erhoben wird, lässt die Veteranin nicht zur Ruhe kommen.

Wanda Traczyk-Stawska
"Auf rechten Demos benutzen sie unsere Symbol, den Anker - sie haben kein Recht dazu. Denn wir haben für die Freiheit gekämpft und sie – sie wollen andere dominieren."

Zum 75. Jahrestag des Warschauer Aufstandes wurde ein Buch über die letzten noch lebenden Aufständischen herausgegeben. Dass Krieg das Schlimmste ist, was sich Menschen zufügen können, ist auch darin ihre ganz persönliche Botschaft.

Autorin: Agnieszka Hreczuk

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