Kowalski und Schmidt: Der Blick der Deutschen (Quelle: rbb)
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Internetausstellung des Hauses der Wannsee-Konferenz - Der Blick der Deutschen

Sie haben brennende Dörfer, Zivilisten auf der Flucht und getötete Polen fotografiert. Als die deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel, hatten die Soldaten nicht nur Waffen sondern auch Fotoapparate mit.

Tief in den Schubladen der Deutschen liegen noch viele Alben mit Fotos vom Überfall auf Polen. Christoph Hamann hat das Album seines Schwiegervaters zur Veröffentlichung frei gegeben. Unter der Bedingung, dass dessen Name nicht genannt wird. Im Album: Brennende Dörfer, das Vorrücken der Wehrmacht, Zivilisten auf der Flucht. Gefallene Polen werden im Album wie Trophäen präsentiert, ohne Mitgefühl.

Kowalski und Schmidt - Der Blick der Deutschen (Quelle: rbb)

Christoph Hamann, Historiker

"Also der Tod der polnischen Soldaten ist einsam, er wird nicht geehrt, während der deutsche Landser hat ein Grab bekommen mit einer Erdaufschüttung auf der Zweige liegen. Das ist nochmal ganz deutlich, also die Unterschiede, die hier aufgemacht werden, zwischen diesen polnischen Toten und dem deutschen Soldaten. Es heißt dort: Ein Soldatengrab, viele sind auf dem Felde der Ehre geblieben."

Christoph Hamann hat auch die Kriegs-Tagebücher seines damals 19-jährigen Schwiegervaters gelesen.

Christoph Hamann
"Da spricht er auch mal von dreckigen Polacken und vom Gesindel, das aus den Häusern herausgeholt wird und speziell bei der jüdischen Bevölkerung sagt er dann an einer Stelle: „Ja, sie sehen genauso aus wie man es uns immer gesagt hat, einen langen Bart und einen Kaftan..."

Einige der Kommentare auf den Rückseiten der Fotos hat der Schwiegervater Jahrzehnte später unkenntlich gemacht.

Christoph Hamann
"Er hat sich ganz einfach geschämt, er hat sich geschämt im Alter über das, was er als junger Mann gedacht hat und vielleicht auch getan hat."

Für die geplante Online-Ausstellung „Stumme Zeugnisse von 1939“ hat die Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ in Zusammenarbeit mit der FU Berlin Tagebücher, Briefe und Fotoalben von privaten Leihgebern gesichtet und nach und nach eingescannt. Die Dokumente der Wehrmachtssoldaten – entstanden während des Überfalls auf Polen - geben einen tiefen Einblick in die deutsche Seele gleich zu Beginn des 2. Weltkrieges. Svea Hammerle leitet das Projekt.

Kowalski und Schmidt - Der Blick der Deutschen (Quelle: rbb)

Svea Hammerle, Projektkoordinatorin „Stumme Zeugnisse 1939“

"Die Stärke der privaten Aufnahmen ist, dass es uns Rückschlüsse ziehen lässt über die Mentalitätsgeschichte der Soldaten: wir können daran untersuchen wie die Soldaten den Krieg wahrgenommen haben, was für sie wichtig war und inwieweit die nationalsozialistische Ideologie da eine Rolle gespielt hat und zum Teil auch reproduziert wurde in der Motivwahl, in der Situation, die sie fotografiert haben."

Viele Fotos sind mit antisemitischen Bildunterschriften versehen. "Der Bataillonskommandeur gibt der Kompanie praktische Beispiele für den Einsatz von Juden zum Arbeiten."

Polnische Soldaten , die von Wehrmachtssoldaten bedroht werden. Erschießungen zu fotografieren, war verboten. Alte Männer, Frauen und Kinder, die auf dem Markplatz von Drzewica als Geiseln genommen werden.

Dieses Album stammt von Otto Hardick. Er war der Jüngste von 7 Geschwistern. Stefanie Hardicks Großonkel wurde mit 19 Jahren eingezogen und fiel kurz vor Kriegsende.

Kowalski und Schmidt - Der Blick der Deutschen (Quelle: rbb)

Stefanie Hardick, Historikerin

"Alleine so dieser Widerspruch: ich bin jetzt angezogen, als - wie man sich damals gefühlt hat,- als Eroberer der Welt, als Herrenmensch und gleichzeitig ist man noch ein halbes Kind. Und dann blättert man weiter und zerstörte Brücken und zerstörte Straßen und man hat dann plötzlich in diesem roten Buntstift diesen Satz: „Jerusalem, Jerusalem. Juden im zerstörten Radomsko“. Und ich denke so: Der hat es 1:1 aus der Propaganda genommen, knippst irgendwelche Leute ab, das ist wieder so im Vorbeifahren, so dieses: Jetzt habe ich auch ein paar Juden gesehen und ich drücke denen nachträglich noch was rein und er freut sich noch darüber. Solche Bilder und die Texte dazu, das ist... (schüttelt den Kopf)."

Viele Jahre lag das Album unbeachtet im Schrank. Stefanie Hardick ist die erste in der Familie, die sich damit auseinander setzt.

Stefanie Hardick
"Da ist es vor allem für mich schwer, wo ich kein Gesprächspartner hab, wo ich dann fragen kann: Hat er das hinterher bereut? Wie war das später noch so, aber es gab ja kein später. Er war in dieser Kriegslüsternheit und dann ist er '45 gefallen und das ist das, was von ihm bleibt, von einem jungen Menschen. Das ist irgendwie total schade."

Christoph Hamanns Schwiegervater wurde über 90 Jahre alt und hatte viel Zeit über den Krieg nachzudenken und einiges zu überdenken. Das Fotoalbum hat er über Jahre hinweg bis zu seinem Tod immer wieder neu kommentiert. So wurde aus einem geschwärzten Kommentar „Wagen voller Juden“ ein: „Zivilbevölkerung auf der Flucht“.

Christoph Hamann
"Er ist im Dritten Reich aufgewachsen und war der Propaganda ausgesetzt und ja, hat das eben für sich aufgenommen und reproduziert und im Alter war aber ganz klar, dass ihm das unangenehm war, aber es wurde nie so deutlich, dass er sich richtig dazu bekannt hat, sondern es war eher immer so „zwischen den Zeilen“, kann man sagen, ja."

Autorin Martina Hiller von Gaertringen

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