Kowlaski und Schmidt: Der Blick der Polen (Quelle: rbb)
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Wie ein Junge den Überfall auf sein Dorf überlebt hat - Der Blick der Polen

"Es war der Tag als ich erschossen wurde" sagt Ireneusz Cuglewski, wenn er erzählt, wie die deutsche Wehrmacht sein Dorf überfallen hat. Nur der vierzehnjährige Ireneusz hat das Massaker durch einen Zufall überlebt.

Am 3. September 1939  ist die Wehrmacht in meinen  Heimatort Romanów einmarschiert und hat acht Dorfbewohner hingerichtet. Ireneusz Cuglewski hat das Massaker als einziger überlebt. Alle in unserem Ort  kennen seine Geschichte und mir war es wichtig, sie in Deutschland – wo ich jetzt lebe - zu erzählen. Deshalb bin ich vor 10 Jahren mit einem rbb-Team nach Romanów gefahren. Als Herr Cuglewski noch gelebt hat.

Wioletta Weiss, Autorin

"Bitte erzählen Sie uns was auf dieser Brücke passiert ist."

Kowalski und Schmidt: Der Blick der Polen (Quelle: rbb)

Ireneusz Cuglewski

"Die Brücke war die Ursache für die ganze Tragödie. Polnische Soldaten hatten sie gleich in den ersten Kriegstagen gesprengt. Als dann deutsche Soldaten auf dem Weg nach Tschenstochau (Częstochowa) hier durchfuhren, stürzte das erste Auto in den ungesicherten Abgrund und krachte gegen die zertrümmerten Brückenteile. Zwei Soldaten kamen dabei um. Und weil zwei deutsche Soldaten umgekommen waren, holten ihre Kameraden am nächsten Tag wahllos Männer aus den Häusern – als Vergeltung. Und wir Acht hatten das Pech, erschossen zu werden.

Ich war hier, wo Sie jetzt stehen und der Deutsche war dort, zwei Meter von mir entfernt. Er hielt eine Pistole in der Hand. Die Kugel traf mich hier am Kinn und warf mich zu Boden. Auf den Sandweg, damals war hier alles  Sand."

Wioletta Weiss

"Wie empfinden Sie das heute?"

Ireneusz Cuglewski

"Ich habe das Gefühl, dass ich in einer Blutlache stehe. Da wo Sie jetzt stehen, war überall Blut, ein Meer voll Blut. Acht Menschen wurden hier erschossen. Die deutschen Soldaten, die uns erschossen hatten, zündeten dann die Häuser mit Flammenwerfern an. Sie gingen hier Richtung Poraj weiter. Auch unser Haus brannte. Das stand dort, wo jetzt das Haus mit dem Balkon ist."

Zusammen mit einer Schulklasse besuche ich unser Dorfmuseum für die Opfer des 2. Weltkrieges. Die Kriegsveteranen haben es nach der Wende eingerichtet. Früher kamen sie zu uns in die Schule und erzählten immer wieder, was sie erlebt haben.

Ireneusz Cuglewski

„Hier bin ich, als ich erschossen wurde. Und hier bin ich im Jahr 1946. Ich wurde 14,  im Monat Juli. Ich habe mich auf den Schulanfang vorbereitet. Als Kind verstand ich nicht, dass Krieg ist,  dass ich gleich eine Leiche werde. Ich habe das nicht verstanden.

Das war Völkermord. Ohne Zweifel. Völkermord ist dann, wenn unschuldige Menschen getötet werden. Hier gab es keinen Grund. Man darf nicht wehrlose Menschen erschießen.“

„Fragt mich!“

Kowalski und Schmidt: Der Blick der Polen (Quelle: rbb)

Mädchen I

"Es war schwer, eine Frage zu formulieren. Weil Herr Cuglewski so verletzlich ist. Es tut ihm weh,  über seine Kriegserlebnisse zu sprechen."

Mädchen II

"Ich kenne die Geschichte unseres Ortes sehr gut, weil mein Onkel mit Herr Cuglewski gestorben ist."

Kowalski und Schmidt: Der Blick der Polen (Quelle: rbb)

Junge

"Wir sollten es den Deutschen nicht immer wieder vorwerfen. Das ist für sie nervig. Denn das sind nicht die gleichen Menschen, die damals auf uns geschossen haben. Das waren ihre Vorfahren. Die Deutschen leben mit einem Stigma. Und das ist bestimmt schwer zu ertragen.  Aber man muss die Geschichte kennen, ohne den Hass zu pflegen, sonst passiert wieder das gleiche und das wollen wir nicht."

Romanów war eines von vielen Dörfern, in denen die Wehrmacht beim Überfall auf Polen unschuldige Menschen getötet hat. Die meisten Zeitzeugen leben nicht mehr. Ihre Geschichten kennt in Polen jedes Schulkind. In Deutschland dagegen sind sie nur wenigen Menschen bekannt.

Autorinnen Wioletta Weiss, Antonia Schmidt

Kowalski und Schmidt: Der Blick der Polen (Quelle: rbb)

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