Kowalski und Schmidt: Die Konservatoren von Auschwitz (Quelle: rbb)
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Wie die Habseligkeiten der Opfer erhalten werden - Die Konservatoren von Auschwitz

Tonnen von Hinterlassenschaften der Ermordeten lagern auf dem Gelände der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau: Schuhe, Koffer, Kleidung, Briefe. Über 20 Konservatoren sorgen jeden Tag dafür, dass die Habseligkeiten der Opfer nicht zerfallen.

Über 20 Konservatoren arbeiten jeden Tag in der Werkstatt des Museums Auschwitz-Birkenau. Ihre Aufgabe ist es, die Gegenstände zu so zu erhalten, wie sie 1945 vorgefunden wurden. Margit Bormann ist eine von zwei Deutschen im Team.

Kowalski und Schmidt: Die Konservatoren von Auschwitz (Quelle: rbb)

Margit Bormann

"Also entfernen wir lose Korrosionsprodukte, d.h. Rost, von dem wir ausgehen, dass er frischer ist, also nicht aus der Zeit des Lagers stammt."

Die Gegenstände erzählen viel über ihre früheren Besitzer, wie bei dem Koffer eines aus Berlin deportierten Ehepaares.

Margit Bormann

"Wir haben hier eine Pappe. Der ganze Korpus des Koffers ist aus Pappe, mit dieser braunen Malschicht darauf, das zeigt uns, dass die beiden nicht zu den reicheren Berlinern gehörten. Man kann auch sehen, war es ein Arbeiter oder war es ein intellektueller Mensch, war das eine Dame, die sehr guten Geschmack hatte, also im Sinne viel Wert gelegt hat auf ihr Äußeres."

Margit Bormann kommt aus Schneeberg im Erzgebirge. Schon während des Studiums arbeitete sie in Auschwitz beim Konservieren von Schuhen. Die Arbeit hat sie emotional herausgefordert.

Margit Bormann

"Und ich merkte, dass ich nach einiger Zeit anfing, mich vor den Schuhen zu ekeln, dass sie mir Angst machten. Ich musste mich dann abends erstmal hinlegen zu Hause, ich konnte gar nichts mehr machen, sondern musste mich erst ausruhen. Und habe dann gemerkt, es stimmt was nicht. Ich kann mit den Dingen nicht arbeiten. Und das wäre fatal, ich möchte ja hier arbeiten."

Konservatoren bei der Arbeit im Museum Auschwitz, Polen (Quelle: rbb)

Emotionale Distanz ist eine wichtige Regel im Museum Auschwitz-Birkenau, sagt Andrzej Jastrzębiowski. Er arbeitet hier schon seit 15 Jahren. 

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Andrzej Jastrzębiowski

"Ich habe gelernt, meine Emotionen zu kontrollieren. Ich konzentriere mich darauf, dass dieses Objekt als historisches Dokument wichtig ist und deshalb muss ich ihm mein ganzes Wissen und meine ganze Aufmerksamkeit widmen, um es zu bewahren."

Ein Eisernes Kreuz oder eine Dose des Giftgases Zyklon B. Auch die Gegenstände der Täter behandeln die Konservatoren mit größter Sorgfalt. Jeder Stoff wird konserviert: Metall, Leder, Wolle, Nylon oder Papier. Das fordert die Konservatoren technisch heraus.

Andrzej Jastrzębiowski

"Während des Studiums wurde uns beigebracht, wie man Kunststücke konserviert, Sachen, die 500 oder 1.000 Jahre alt sind. Die Objekte hier sind ganz anders und wir müssen uns dem Problem stellen und neue Methoden erfinden, wie man auch sie konservieren kann."

8.000 Häftlingsbriefe gibt es im Archiv. 1.800 von ihnen hat allein Christin Rosse konserviert. Seit 5 Jahren arbeitet die Cottbuserin im Museum, in dem sie zuvor zahlreiche Praktika gemacht hat. Briefe durften nur auf Deutsch geschrieben werden, denn sie mussten zensiert werden.

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Christine Rosse

"Bei Häftlingsbriefen, wenn zum Beispiel jetzt, im Winter, es ist düster, es ist dunkel, man hat generell schon eine melancholische Grundstimmung. Wenn dann die Gedanken einfach weiter schweifen und es dann noch weiter auf die melancholische Grundstimmung drückt, dann versuche ich, einfach dagegen zu halten und die Briefe nicht mehr lesen oder zu überfliegen."

Trotz der Belastung ist Christin Rosse Stolz auf ihren Job, weil sie die Erinnerung an die Opfer bewahren kann.

Christin Rosse

"Das war einer der letzten Koffer, die ich bearbeitet habe im letzten Jahr. Ich habe unter einer zweiten Farbschicht einen Namen entdeckt. Das heißt, der Koffer wurde übermalt, das heißt, er hat den Eigentümern gewechselt, höchstwahrscheinlich im Ghetto Theresienstadt. Ich habe diesen Namen in keiner einzigen Datenbank gefunden - das heißt, es ist höchstwahrscheinlich die einzige Evidenz, dass dieser Mensch gelebt hat."

Kowalski und Schmidt: Die Konservatoren von Auschwitz (Quelle: rbb)

Tausende Brillen, Prothesen, Kochutensilien. Das Museum Auschwitz-Birkenau ist das einzige ehemalige Nazi-Vernichtungslager, wo so viel sichtbare Spuren der Vernichtung erhalten wurden.

Agnieszka Hreczuk

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