Kowalski und Schmidt: Der Krimi aus Oświęcim (Quelle: rbb)
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Darf man über diesen Ort Gruselromane schreiben? - Der Krimi aus Oświęcim

Man muss sogar, sagt der erfolgreiche Autor Krzysztof Zajas aus Oświęcim. „Oszpicyn“ heißt sein Gruselroman. Kinder nehmen darin Rache, Ratten überfallen die Stadt, ein junger Journalist ermittelt ohne Erfolg. „Oszpicyn“ ist der jüdische Name von Auschwitz.

Krzysztof Zajas

"Ich bin in Oświęcim geboren und groß geworden. Das ist einer der seltsamsten Orte auf der Welt. Wenn Du Oświęcim als Geburtsort angibst oder einfach nur erzählst, dass Du dort geboren bist, ruft das sofort seltsame Reaktionen hervor."

Kowalski und Schmidt: Oszpicyn - Der Gruselroman aus Oświęcim (Quelle: rbb)

Krzysztof Zajas

"Ich wollte ein Buch über meine Geburtsstadt schreiben. Über den Schatten, der noch immer über der Stadt Oświęcim und ihren Bewohnern hängt, der sich immer noch immer auf ihre Angelegenheiten auswirkt und ihr Leben beeinflusst."

Die Geschichte seines Buches geht zurück in die Zeit der deutschen Besatzung:
Sechs jüdische Kinder sollen vor den Nazis gerettet werden und verschwinden auf mysteriöse Weise. 50 Jahre später wird die Stadt von einer Serie merkwürdiger Todesfälle heimgesucht.

Krzysztof Zajas

"Kleine Kinder töten Erwachsene - und zwar aus dem engsten Familienkreis. Sie töten ihre Eltern oder Großeltern. Es gibt eine ganze Serie solcher Todesfälle. Und niemand weiß, warum.

Die polizeilichen Ermittlungen führen ins Leere und der Held des Buches, Wojtek Jaromin versteht, dass man, um diese Todesfälle aufzuklären, in der Vergangenheit suchen muss."

In seiner Kriminalgeschichte führt Krzystof Zajas die Leser in die polnisch-jüdische Vergangenheit von Oświęcim. Die Stadt hatte einst eine große jüdische Gemeinde mit 20 Gebetshäusern.

Während der des 2. Weltkrieges versuchten viele Juden wenigstens ihre Kinder zu retten und baten ihre polnischen Nachbarn um Hilfe. Einige haben geholfen, andere nicht.

Immer wieder wird Krzysztof Zajas von zufälligen Passanten auf der Straße wegen angesprochen.

Roman Kwiatkowski

"Ich finde dein Buch ist enorm wichtig für die Bewohner von Oświęcim. Denn das, was Du geschrieben hast, das ist die pure Wahrheit! Ich erinnere mich, dass ich als Kind genau solche Sachen gehört habe."

Oszpicyn - so lautete der jiddische Namen von Oświęcim. Vor dem Krieg waren fast die Hälfte der Einwohner Juden. Inzwischen erinnert ein Museum an diese jüdische Vergangenheit, die lange im Schatten von Auschwitz stand.

Mit seinem Buch wollte Krzysztof Zajas seiner Heimatstadt ein Stück dieses Erbes zurückgeben.

Krzysztof Zajas

"Überall auf der Welt kennt man den Namen Oświęcim, Auschwitz. Aber den jüdischen Namen der Stadt, Oszpicyn, den kennt fast niemand. Ich war von diesem Wort fasziniert und dachte: Wenn die Erinnerung an unsere Juden von Oświęcim wach bleiben soll, dann muss auch das Wort überleben."

Die Geschichte von den merkwürdigen Todesfällen in der kleinen Stadt “Oszpicin” wurde in ganz Polen gelesen. Doch besonders aufmerksam in Zajas’ Heimatstadt, erzählt die stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek.

Mariola Talewicz, Stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek Oświęcim

"Das Thema ist wirklich interessant. Meine Großmutter, meine Nachbarin oder auch Bekannte haben mir solche Geschichten erzählt: Das sind unerledigte Dinge, die noch irgendwo in den Leuten gären. Vor allem in den Einwohnern von Oświęcim, die den Krieg hier erlebt haben und sich nicht wirklich ganz damit auseinandergesetzt haben."

Mit der Vergangenheit umgehen? Wie darüber sprechen und wie darüber schreiben? Das hat Krzysztof Zajas sich lange gefragt. Mit seinem Kriminalroman hat er für sich eine Antwort gefunden. Alles, was verdrängt wird, kommt eines Tages wieder. Darum sei es wichtig, sich dem Gespräch mit der Vergangenheit zu stellen.

Krzysztof Zajas

"Sowohl die Polen wie auch die Juden lieben es, mit Geistern zu sprechen. Die Geister begleiten sie immer. Die schönste polnische Literatur erzählt schließlich von Gesprächen der Lebenden mit den Toten. Mein Buch “Oszypiycn” ist wie ein Gespräch mit Dämonen und Geistern, die immer noch in dieser Stadt sind, über diese Stadt wachen und ihre Bewohner noch immer ein wenig heimsuchen."

Raphael Jung

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Massentourismus in Auschwitz

2019 war ein Rekordjahr: 2,3 Mio. Besucher kamen in die polnische Kleinstadt Oświęcim. Wir begleiten eine Klasse der elften Jahrgangsstufe aus Lübben und schauen, was sie von dem Besuch in Auschwitz für sich mitnehmen.