Kowalski und Schmidt: Deutsche Ärzte made in Polen (Quelle: rbb)
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Wie Bund und Länder junge Ärzte im Stich lassen - Deutsche Ärzte ohne Zulassung

Obwohl Fabienne Wähler nach dem Medizinstudium in Stettin ein Arztdiplom in der Tasche hat, bekommt sie keine Zulassung in Deutschland. Eine EU-Richtlinie sprechen dagegen.

Fabienne Wähler will Augenärztin werden. Ihr Arztdiplom hat sie in der Tasche. Erworben an der Pommerschen Medizinischen Universität in Stettin. Der Abschluss wird in ganz Europa anerkannt. Nur Deutschland verweigert seit Sommer die Approbation, also die Zulassung.

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Fabienne Wähler, Ärztin ohne Approbation

"Ich bin fassungslos. Das ist was, womit ich nicht gerechnet habe. Womit auch meine Kollegen nicht gerechnet haben. Und dass das jetzt auch so lange dauert, ist für uns ein Zustand, der schwer auszuhalten ist."

Fabienne und ihre deutschen Kommilitonen haben 5 Studienjahre in Polen und ein praktisches Jahr absolviert. Also genau das, was auch in Deutschland für die Arztzulassung gefordert ist.

Polnische Ärzte müssen zusätzlich eine Prüfung in polnischem Medizinrecht- und -ethik bestehen und einjähriges Pflichtpraktikum absolvieren. Das verlangen deutsche Behörden plötzlich auch von deutschen Absolventen, die in Polen studiert haben. Und berufen sich auf eine EU-Richtlinie nach der Absolventen die Anforderungen im Studienland vollständig erfüllen müssen, damit ihr Arztdiplom im Heimatland anerkannt werden kann. Diese Anforderung  erfüllen die deutschen Studenten nicht.

Zumindest nicht aus Sicht der Brandenburger Zulassungsbehörde. Das polnische Gesundheitsministerium dagegen behauptet, das seien Zusatzanforderungen, die nur diejenigen Ärzte erfüllen müssen, die auch in Polen praktizieren wollen. Und das will keiner der 30 Deutschen, die im vergangenen Juli mit Fabienne das Studium in Stettin abgeschlossen haben.

Professor Leszek Domański ist der Dekan. Vor 20 Jahren hat er den Studiengang aufgebaut. Fabienne möchte von ihm wissen, ob die polnischen Behörden den deutschen Studenten nicht aus der bürokratischen Klemme helfen können.

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Prof. Dr. med. Leszek Domański

"Und wenn diese Direktive geändert wird, da ist eine Möglichkeit, dass die polnischen Absolventen, die polnischen Studenten auch, massenhaft nach Deutschland fahren werden."

Also aus Polen abwandern würden, weil sie in Deutschland sofort als Arzt arbeiten könnten und nicht noch ein Jahr lang in einem polnischen Krankenhaus hospitieren müssten. Fabienne ist enttäuscht, dass sie so viel Zeit verliert und momentan nur als Pflegerin jobben kann. Dabei hat alles vor 6 Jahren so hoffnungsvoll angefangen. Auch damals hat das Fernsehen über sie berichtet.

Fabienne Wähler

"Ich bin Fabienne Wähler. Ich studiere hier Humanmedizin. Ich bin 21 Jahre alt. Und nach 2 Jahren Wartezeit bin ich nach Stettin gekommen."
"Ich denke, man darf Polen nicht als B-Variante sehen, sondern man sollte es als Chance sehen, ja."

60.000 Euro hat ihre Familie für das Studium in Polen bezahlt. Einige Kommilitonen haben Studienkredite aufgenommen. Jetzt sind sie arbeitslos. Oder hospitieren in Krankenhäusern. Ohne Geld und ohne Perspektive.

Ortswechsel nach Deutschland: Klinikum Schwedt. Eine knappe Fahrstunde von Stettin entfernt. Vincent Grotkopp hat zusammen mit Fabienne studiert. Der gebürtige Hamburger möchte als Landarzt in Brandenburg arbeiten. Ohne Arztzulassung darf er Patienten nur unter Aufsicht behandeln. Sein Status ist der eines Praktikanten.

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Vincent Grotkopp, Arzt ohne Approbation

"Diese Stelle, die ich bisher als Praktikant nur beginnen konnte, ist mein Favorit. Und es auch ist die Stelle, die ich immer gerne eingehen möchte. Wenn die Politik sich aber nicht bewegt und ich keine andere Aussicht habe, dann bin ich gezwungen, ins Ausland zu gehen."

Professor Rüdiger Heicappell befürchtet, die Kooperation mit der Pommerschen Medizinischen Fakultät in Stettin auflösen zu müssen. Über 100 angehende Ärzte wären davon betroffen. Und die optimale Versorgung der Patienten wäre gefährdet.

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Prof. Dr. med. Rüdiger Heicappell, Leiter des Klinikums Schwedt

"Wir haben mit diesem Programm natürlich gehofft, einen substanziellen Beitrag zu leisten zur Beseitigung des Ärztemangels in Brandenburg. Der erste Jahrgang der Absolventen hat uns die Hoffnung gegeben, dass unser Konzept richtig war. Und wenn das jetzt nicht funktioniert, bedingt durch bürokratische Probleme - die man, die ein normaler Nichtjurist, gar nicht verstehen kann - dann macht es uns natürlich sehr betrübt."

Im Brandenburger Landtag soll am 12. Februar das Problem um die Zulassung der deutschen Ärzte aus Polen erneut auf der Tagesordnung stehen. Renommierte EU-Rechtler soll den Abgeordneten ein neues Gutachten vorlegen. Professor Axel Matzdorff kann nur hoffen, Vincent Grotkopp nicht zu verlieren.

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Prof. Axel Matzdorff, Chefarzt Klinikum Schwedt

"Es kann eigentlich keinen anderen Weg gehen als das er in Deutschland approbiert wird. Es wäre für mich völlig unverständlich, in allen europäischen Ländern geht es."

In Schweden zum Beispiel arbeiten Studienkollegen von Vincent und Fabienne schon seit einem halben Jahr als Ärzte obwohl dort dieselben EU-Richtlinien gelten, nur anders ausgelegt.

Vincent Grotkopp

"Ich fühle mich sehr hängen gelassen. Ich fühle mich sehr traurig. Und es gibt Momente, in denen ich die Hoffnung verliere, dass überhaupt noch etwas passiert."

Auch nach 8 Monaten Gesprächen zwischen Ministerien und Behörden mit Absolventen, Ärzten und Juristen ist keine Lösung in Sicht.

Autorin: Magdalena Schwabe

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