Kowalski und Schmidt: AKW’s in Polen (Quelle: rbb)
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Atomkraftwerk 450 km von Berlin entfernt - AKW’s in Polen

Westlich von Danzig, in Żarnowiec und Kopalino sollen die ersten zwei Atomkraftwerke in Polen entstehen. Wie begegnen sich Befürworter Gegner der Atomkraft rund um den potenziellen Standort Żarnowiec, 450 Kilometer von Berlin entfernt?

Dieses Wasser könnte in Zukunft den ersten polnischen Atomreaktor kühlen. Der Zarnowitzer See – 1 Stunde von Danzig entfernt. Vor 38 Jahren hat Polen angefangen, hier in Żarnowiec ein Atomkraftwerk zu errichten.  Nach der Katastrophe von Tschernobyl wurde der Bau gestoppt und nie wieder aufgenommen.

Heute sucht Polen in der Umgebung der AKW-Ruine nach einem passenden Standort für ein neues Atomkraftwerk. Zwei Orte sind im Gespräch – Choczewo und Żarnowiec.
Bis 2033 soll das AKW wahrscheinlich von den USA gebaut werden. Die polnische Regierung hat bereits eine Vereinbarung mit der amerikanischen unterschrieben.

Schon jetzt gibt es in der Gegend rund um Żarnowiec drei Infozentren, die die Einwohner von der Atomkraft überzeugen sollen, finanziert vom staatlichen Energiekonzern PGE. Dieser Film zum Beispiel erklärt, dass die Anlage nach den neuesten Sicherheitsstandards gebaut wird. Und 50 Tausend Arbeitsplätze werden versprochen.

Hier treffen wir zufällig den pensionierten Kerntechniker Andrzej Jędrzejczak.

Kowalski und Schmidt: AKWs in Polen (Quelle: rbb)

Andrzej Jędrzejczak, Kerntechniker

"Ich sehe keine Alternative, wenn wir genug Energie für die polnische Industrie garantieren wollen. Schon jetzt muss Polen Unmengen an Strom importieren, weil wir selbst zu wenig produzieren. Ohne Atomstrom setzen wir die Zukunft unserer Industrie aufs Spiel."

Andrzej Jędrzejczak ist um die Welt gereist, hat an AKW weltweit mitgebaut und polnische Politiker seit der Wende beraten. Auch das Atomkraftwerk in Żarnowiec baute er in den 80ern mit. Nach der Pensionierung ist Andrzej Jędrzejczak hierher zurückgezogen, um mitzuerleben, wie das neue Atomkraftwerk gebaut wird.

Andrzej Jędrzejczak

"Ich bin nervös, dass so viel Zeit verloren geht. Und diese Zeit darf man nicht verlieren! Auch die Suche nach Ersatzlösungen kostet viel und ist völlig sinnlos. Die Offshore-Parks sind vielleicht eine Möglichkeit. Aber das ist Nichts im Vergleich zu den 1.600 Megawatt, die ein Atomreaktor produzieren würde."

Wir fahren zu dem Dorf Słajszewo. Für Andrzej Jędrzejczak ist das der optimale Standort für das neue Atomkraftwerk.

Hier entstand die Initiative „Stopp Atom“, die immer wieder Proteste gegen das neue Atomkraftwerk organisiert. Die Gründer der Initiative leben von Landwirtschaft und Tourismus. Seit zehn Jahren spricht man hier über den Bau des AKW‘s vor ihrer Haustür. Die Unsicherheit macht ihnen zu schaffen.

Kowalski und Schmidt: AKWs in Polen (Quelle: rbb)

Aleksandra Zacharewicz, Stop Atom

"Unsere Grundstücke verlieren an Wert. Mit dem Sondergesetz über Enteignung kann uns die Regierung sowieso schnell loswerden. Wenn hier ein Atomkraftwerk gebaut wird, werden wir einfach irgendwie entschädigt. Und müssen gehen, aber wohin? Seit 10 Jahren hängen wir in der Luft. Ohne Antwort, wie es weiter geht. Die Leute wollen hier nicht investieren aus Angst, umgesiedelt zu werden."

Die Bürgermeister der Region dagegen erhoffen sich einen Wirtschaftsaufschwung. Adam Śliwicki hat selbst vor Jahren gegen den Bau des Atomkraftwerkes hier protestiert. Seine Meinung hat sich aber geändert, denn seine Gemeinde ist hoch verschuldet, sie gehört zu den ärmsten in Polen.

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Adam Śliwicki, Bürgermeister Krokowa

"So ein großes Kraftwerk würde gigantische Steuereinnahmen an uns zahlen. Für unser lokales Budget wäre das ein riesiger Sprung. Unsere Gemeinde Krokowa müsste dann sogar Einnahmen an den Staat abführen und die Gewinne mit ärmeren Gemeinden in Polen teilen."

Wer aber die unberührte Natur am Zarnowitzer See schätzt, der freut sich nicht auf Steuereinnahmen, sondern macht sich Sorgen. Andamon Sławiński ist freischaffender Filmproduzent. Nach 30 Jahren in Deutschland und der Schweiz hat er mit seiner Familie hier ein Haus gekauft. Beide potenziellen AKW-Standorte sind in seiner nächsten Umgebung.

Kowalski und Schmidt: AKWs in Polen (Quelle: rbb)

Andamon Sławiński

"Ich bin verzweifelt. Die heutige Regierung beschließt einfach was sie will, über die Köpfe der Menschen hinweg. Sie macht die Bürger mundtot durch das Geld, das sie verteilt. Das Gefühl, das hier wieder etwas entstehen könnte, belastet mich sehr."

Noch dieses Jahr will die polnische Regierung den Finanzierungsplan für das erste polnische AKW beschließen.

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Autorin Magdalena Schwabe

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