Kowalski und Schmidt: Fridays for Future in Polen (Quelle: rbb)
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Die polnische "Klima-Jungend" - Fridays for Future in Polen

Die polnische Klima-Bewegung ordnet sich mittig bis rechts ein. Anders als in Deutschland ist links sein aufgrund der jüngeren kommunistischen Vergangenheit, uncool. Wer prägt Fridays for Future in Polen und welche Ziele verfolgt die Bewegung?

Eigentlich müsste Michał zuhause sitzen und lernen, im Mai will er sein Abitur machen. Stattdessen geht er mit seinen Mitstreiterinnen Daria und Ola in den Sejm, um an einer Ausschuss-Sitzung zum Thema Braunkohle teilzunehmen. Es sollen neue Abbaugebiete rund um das Kraftwerk Bełchatów erschlossen werden.

Michał Kiwerski

"Das eine Braunkohlevorkommen geht dort 2030-2032 zu Ende und das zweite 2036 bis 2038. Deswegen braucht man jetzt neue Abbaugebiete. Das hat natürlich einen zerstörerischen Einfluss sowohl lokal als auch global. Und es wird die Existenz von Bełchatów weiter verlängern."

Polen setzt fast ausschließlich auf fossile Brennstoffe. In Bełchatów steht das größte Braunkohlekraftwerk der Welt. Jährlich werden hier rund 45 Millionen Tonnen Braunkohle aus den umliegenden Tagebauen verfeuert – und dabei wird jede Menge Kohlendioxid freigesetzt, bis zu 40 Millionen Tonnen pro Jahr. Das ist mehr als ganz Irland jährlich ausstößt.

Michał sieht schon jetzt die dramatischen Folgen der Klimaveränderung.

Kowalski und Schmidt: Fridays for Future in Polen (Quelle: rbb)

Michał Kiwerski

"Wir haben doch schon einen Vorgeschmack bekommen: Wir haben die großen Waldbrände in Australien gesehen. Zum fünften Mal gibt es in Polen eine Dürre, es gibt immer weniger Wasser. Polen hat damit ein großes Problem, weil wir praktisch keinen Wasservorrat haben."

Das sehen in Warschau viele junge Menschen so. Im Dezember 2018 startete hier der polnische Ableger von "Fridays for future". "Młodzieżowy Strajk Klimatyczny" – "Jugend-Klimastreik"  nennen sie ihren Protest. Rund 10 Tausend Jugendliche und junge Erwachsene ziehen durch die Straßen in der polnischen Hauptstadt, um für eine andere Politik zu kämpfen.

Dafür nehmen manche auch persönliche Nachteile in Kauf. Die 16-Jährige Pola hat für den Streik sogar ihr früheres Hobby aufgegeben.

Kowalski und Schmidt: Fridays for Future in Polen (Quelle: rbb)

Pola Berg

"Ich habe die Musikschule besucht. Ich war Tänzerin. Ich habe das aber aufgegeben, um mich ganz dem Klima zu widmen. In Zukunft möchte ich entweder weiter Aktivistin sein oder Schriftstellerin werden. Ich hoffe aber, dass sich das nicht gegenseitig ausschließt."

Kowalski und Schmidt: Fridays for Future in Polen (Quelle: rbb)

Daria Naróć

"Seit unserer Kindheit haben uns unsere Eltern gesagt: Du sollst lernen, Abitur machen, dann studieren! Wir stehen jetzt vor der Wahl, ob wir überhaupt noch Abitur machen sollen, wenn wir später sowieso keine Möglichkeit mehr haben, den von uns gewünschten Beruf auszuüben. Denn unsere Zukunft kann ganz anders aussehen, als wir sie uns vorgestellt haben, wenn wir uns die Klimaveränderungen und ihre Folgen nicht bewusst machen."

Regelmäßig treffen sich die Aktivisten in einem Büro im Norden von Warschau. Hier planen sie ihre nächsten Aktionen, bereiten ihre Reden vor, drucken Plakate und vernetzen sich mit anderen "Fridays for Future"-Gruppen, weltweit.

Michał hatte die Sorge um das Klima krank gemacht, erzählt er. Er habe phasenweise unter einer regelrechten "Klima-Depression" gelitten.

Michał Kiwerski

"Ich habe sehr emotional reagiert auf das, was passieren könnte. Es ist eine Angst vor den Folgen der Klimakrise, eine Depression. Und diese Klimadepression hat mich voll erwischt und umgehauen: Ich konnte nichts machen, wollte nicht mehr sprechen."

Zurück zur Sitzung im Sejm. Über zwei Stunden debattieren die Abgeordneten, Bergarbeiter und Experten und vertagen die Sitzung am Ende. Michał und seine Mitstreiter wollen  sich beteiligen. Eine Frage darf aber keiner von ihnen stellen.

Michaeł Kiwerski

"Das Problem ist, dass man uns gar nicht zu Wort kommen lassen hat. Okay, es war schon spät und alle wurden mehr oder weniger vor die Tür gesetzt. Aber im Grunde wurde das Wort derjenigen, die es in Zukunft am meisten betrifft, ignoriert. Leider!"

Aufgeben werde er trotzdem nicht, sagt Michał.  Aber im Mai will er erstmal Abi machen und dann studieren.

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Autor Dirk Lipski

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