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Bild: rbb

- Proteste an der Grenze

Aktuell dürfen nur noch Polen und ihre Angehörigen nach Polen einreisen – und müssen sich danach einer 14-tägigen Quarantäne unterziehen. Für Bewohner der deutschen Grenzregion rund um Stettin hat das drastische Folgen. 

Viele haben sich an ein Leben mit offener Grenze gewöhnt, nun mussten sich Zehntausende zwischen Arbeit und Familie entscheiden. So wie der Unternehmer Maciej Wichary, der seine mittelständische Firma in Stettin aus dem Home-Office durch die Corona-Krise führen muss, weil er nicht nach Polen darf. Je länger die Grenze für Berufspendler geschlossen bleibt, desto größer wird der Unmut bei den Betroffenen. Was bewegt polnische Pendler, die auf der deutschen Seite festsitzen und was bewirken ihre Proteste?

Menschen halten Protestschilder an der polnischen Grenze hoch; Bild: rbb

"My i wy - Sasiedzi! - Wir sind Nachbarn! Wir sind Nachbarn und wir lassen uns nicht trennen!"

Dieses Gefühl verbindet die Menschen entlang der deutsch-polnischen Grenze seit fast zwei Monaten. Wir sind bei einem der Proteste am Grenzübergang Linken-Lubieszyn, Richtung Stettin, vor gut einer Woche. Die Menschen fordern von der polnischen Regierung, die Grenze für alle Pendler zu öffnen.

Krzysztof:
"Ich bin hier, weil die Grenze geschlossen ist. Aber wir leben in der Europäischen Union, deshalb sollte sie offen sein."

Nadja Morgen:
“Mein Tochter geht in Löcknitz in einen deutsch-polnische Kindergarten und hat eine polnische Erzieherin und die vermisst sie sehr. Wir sind hier, um zu demonstrieren, dass die polnischen Kollegen endlich wieder in die Kita kommen können."

Agnieszka Witlowska:
"Diese Situation ist schrecklich. Es ist, als hätte dich jemand in einen Käfig eingesperrt hat, gegen deinen Willen. Die Arbeit ist ja nicht alles. Mit einer Hälfte des Herzens sind wir hier bei der Arbeit in Deutschland. Aber die andere Hälfte ist zu Hause in Polen geblieben."

Autos an der deutsch-polnischen Grenze; Bild: rbb

In Polen leben, in Deutschland arbeiten. Für zehntausende Pendler im Grenzgebiet war das der Alltag in einem vereinten Europa. Doch die Corona-Pandemie setzte der EU-Freizügigkeit ein jähes Ende.

Marta Szuster:
"Es war so schlimm, dass man jetzt sieht, dass die Grenze, die man jahrelang nicht gesehen hat, die gar nicht mehr wahrgenommen hat, dass die jetzt wieder da ist. Stellt euch mal vor, es wird jetzt einfach die Berliner Mauer wieder aufgestellt. Es ist für uns genau das gleiche."

Marta Szuster aus Mescherin hat die Proteste mitorganisiert. Sie ist Ansprechpartnerin, Netzwerkerin, Multiplikatorin. Viele Polen, die wegen der Grenzschließung Schwierigkeiten haben, suchen bei ihr Rat: "Jeder hat sein eigenes Schicksal hier. Manche mussten herziehen, manche mussten nach Polen ziehen. Manche Familien wurden komplett getrennt, weil jetzt der Vater nach Stettin gezogen ist. Manche Leute mussten einfach Urlaub nehmen."

In der Uckermark ist inzwischen fast jeder zehnte Einwohner ein Pole. Auch Maciej Wichary hat sich hier niedergelassen. Er führt ein mittelständisches Unternehmen mit 15 Mitarbeitern und wäre lieber in seinem Stettiner Büro als im Homeoffice. Als wir Maciej vor einer Woche besuchen, darf er noch nicht über die Grenze. "Gerade jetzt, wo die Mitarbeiter nicht immer wissen, was sie tun sollen, ist das ein echtes Problem. Die Situation hat sich total verändert. Die Leute, die normalerweise verkaufen, verkaufen plötzlich nichts mehr. Und ich muss dafür sorgen, dass sie etwas zu tun haben, sonst wird es der Firma schlecht gehen."

Während seine Frau Agata das Mittagessen vorbereitet und sich um die jüngste Tochter kümmert, führt Maciej seine Firma durch die Corona-Krise. "Wenn wir die Sicherheitsvorkehrungen beachten, Masken tragen und Abstand halten, dann, finde ich, sollte man die Sache noch einmal überdenken und die Grenze öffnen. Damit dieses Dorf wieder ein Vorort von Stettin wird und nicht mehr am Ende der Welt liegt."

Mittlerweile darf Maciej Wichary wieder pendeln. Warschau hat auf die Proteste an der Grenze reagiert. Seit dem 4. Mai dürfen viele Berufspendler hin- und herfahren, ohne in eine 14-tägige Quarantäne zu müssen. Aber bei weitem nicht alle. 

Als wir Maciej vor einer Woche besuchen, darf er noch nicht über die Grenze.

3.34

Maciej Wichary (polnisch)

“Gerade jetzt, wo die Mitarbeiter nicht immer wissen, was sie tun sollen, ist das ein echtes Problem. Die Situation hat sich total verändert. Die Leute, die normalerweise verkaufen, verkaufen plötzlich nichts mehr. Und ich muss dafür sorgen, dass sie etwas zu tun haben - sonst wird es der Firma schlecht gehen.”

3.52

Während seine Frau Agata das Mittagessen vorbereitet und sich um die jüngste Tochter kümmert, führt Maciej seine Firma durch die Corona-Krise.

4.07

Maciej Wichary (polnisch)

“Wenn wir die Sicherheitsvorkehrungen beachten, Masken tragen und Abstand halten, dann, finde ich, sollte man die Sache noch einmal überdenken und die Grenze öffnen. Damit dieses Dorf wieder ein Vorort von Stettin wird - und nicht mehr am Ende der Welt liegt.”

4.26

Mittlerweile darf Maciej Wichary wieder pendeln. Warschau hat auf die Proteste an der Grenze reagiert. Seit dem 4. Mai dürfen viele Berufspendler hin und her fahren, ohne in eine 14-tägige Quarantäne zu müssen. Aber bei weitem nicht alle.

4.44

Rafal Krzysztopik (deutsch)

“Für uns Mediziner hat sich die Lage nach der Lockerung des Gesetzes nicht geändert. Wir sind weiter von unseren Familien getrennt. Diesmal wissen wir nicht mal, für wie lange.”

4.56

Deswegen machen Marta Schuster und die anderen Pendler weiter.

5.08

Marta Szuster (deutsch)

“Die Regierung wurde wachgerüttelt, die Regierung hat nachgegeben und gesagt, ihr könnt ab Montag hin- und her pendeln. Und das ist wirklich ein ganz großer Sieg, aber noch nicht alles. Wir sind erst zufrieden, wenn auch die Mediziner mit eingebunden werden.”

5.28

Gestern haben die Mediziner wieder an der Grenze bei Stettin protestiert. Sie bereiten eine Klage gegen die polnische Regierung vor. Die beschneide ihr Recht auf Freizügigkeit, sagen sie.

Autor Raphael Jung

Kamera Raphael Jung

Schnitt Christoph Wen

 


In der Uckermark ist inzwischen fast jeder zehnte Einwohner ein Pole.

Auch Maciej Wichary hat sich hier niedergelassen.

Er führt ein mittelständisches Unternehmen mit 15 Mitarbeitern - und wäre lieber in seinem Stettiner Büro, als im Home Office.

Als wir Maciej vor einer Woche besuchen, darf er noch nicht über die Grenze.

3.34

Maciej Wichary (polnisch)

“Gerade jetzt, wo die Mitarbeiter nicht immer wissen, was sie tun sollen, ist das ein echtes Problem. Die Situation hat sich total verändert. Die Leute, die normalerweise verkaufen, verkaufen plötzlich nichts mehr. Und ich muss dafür sorgen, dass sie etwas zu tun haben - sonst wird es der Firma schlecht gehen.”

3.52

Während seine Frau Agata das Mittagessen vorbereitet und sich um die jüngste Tochter kümmert, führt Maciej seine Firma durch die Corona-Krise.

4.07

Maciej Wichary (polnisch)

“Wenn wir die Sicherheitsvorkehrungen beachten, Masken tragen und Abstand halten, dann, finde ich, sollte man die Sache noch einmal überdenken und die Grenze öffnen. Damit dieses Dorf wieder ein Vorort von Stettin wird - und nicht mehr am Ende der Welt liegt.”

4.26

Mittlerweile darf Maciej Wichary wieder pendeln. Warschau hat auf die Proteste an der Grenze reagiert. Seit dem 4. Mai dürfen viele Berufspendler hin und her fahren, ohne in eine 14-tägige Quarantäne zu müssen. Aber bei weitem nicht alle.

4.44

Rafal Krzysztopik (deutsch)

“Für uns Mediziner hat sich die Lage nach der Lockerung des Gesetzes nicht geändert. Wir sind weiter von unseren Familien getrennt. Diesmal wissen wir nicht mal, für wie lange.”

4.56

Deswegen machen Marta Schuster und die anderen Pendler weiter.

5.08

Marta Szuster (deutsch)

“Die Regierung wurde wachgerüttelt, die Regierung hat nachgegeben und gesagt, ihr könnt ab Montag hin- und her pendeln. Und das ist wirklich ein ganz großer Sieg, aber noch nicht alles. Wir sind erst zufrieden, wenn auch die Mediziner mit eingebunden werden.”

5.28

Gestern haben die Mediziner wieder an der Grenze bei Stettin protestiert. Sie bereiten eine Klage gegen die polnische Regierung vor. Die beschneide ihr Recht auf Freizügigkeit, sagen sie.

Autor Raphael Jung

Kamera Raphael Jung

Schnitt Christoph Wen

Menschen protestieren an der polnischen Grenze mit EU-Flaggen und Schildern; Bild: rbb

Rafal Krzysztopik:
"Für uns Mediziner hat sich die Lage nach der Lockerung des Gesetzes nicht geändert. Wir sind weiter von unseren Familien getrennt. Diesmal wissen wir nicht mal, für wie lange."

Deswegen machen Marta Schuster und die anderen Pendler weiter: "Die Regierung wurde wachgerüttelt, die Regierung hat nachgegeben und gesagt, ihr könnt ab Montag hin- und her pendeln. Und das ist wirklich ein ganz großer Sieg, aber noch nicht alles. Wir sind erst zufrieden, wenn auch die Mediziner miteingebunden werden."

Gestern haben die Mediziner wieder an der Grenze bei Stettin protestiert. Sie bereiten eine Klage gegen die polnische Regierung vor. Die beschneide ihr Recht auf Freizügigkeit, sagen sie.

Autor: Raphael Jung

 

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