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- Wut bei den Pendlern

Wo und wovon sollen wir leben? Genau diese Frage müssen sich derzeit auch viele Pendler stellen, die in Polen beheimatet sind, jedoch in Deutschland arbeiten.

 Viele sind zu Hause geblieben, weil sie nicht von ihren Familien getrennt sein wollen. Dazu gehören Ärzte, Krankenschwestern und Lehrer – und nicht zuletzt auch Schülerinnen und Schüler deutsch-polnischer Schulen. Sie sind wütend und rufen zu Blockaden der Grenze auf. Wovon leben sie und welche Lösungen erwarten sie?

Menschen mit Luftballons und Fahnen protestieren an der polnischen Grenze; Bild: rbb

Grenzübergang Pomellen in der Nähe von Stettin. Seit Polen seine Grenze zu Deutschland weitgehend geschlossen hat, werden alle Einreisenden kontrolliert, auch auf erhöhte Temperatur. Wer ins Land will, muss 14 Tage in Quarantäne. Davon betroffen waren lange auch zehntausende Pendler, die in Polen leben und in Deutschland arbeiten.

So wie Sylwia Gancarczyk. Die Stettinerin macht in Pasewalk eine Ausbildung zur Krankenschwester. Im Juni soll sie ihr letztes Examen ablegen: "Es fällt mir schwer, mich hinzusetzen und aufs Lernen zu konzentrieren. Stattdessen frage ich mich die ganze Zeit, ob ich überhaupt zur Prüfung fahren kann. Ich rufe verschiedene Politiker an, schreibe ihnen Mails und schildere meine Situation."

Auch die Deutsch-Lehrerin Hanna Hnat überquert seit mehreren Jahren täglich die Grenze. Sie arbeitet an einer Grundschule in Gartz. Wenn die Schule beginnt, möchte sie auch wieder unterrichten - und hat deshalb für die Öffnung der Grenze demonstriert: "Es hat mich sehr berührt, als ich während einer Protestveranstaltung meine Schüler auf der anderen Seite der Grenze gesehen habe. Sie haben mir zugewunken. Einer hielt ein Schild hoch, auf dem stand: 'Lasst meine Lehrerin rein!' Und ich hatte eins, auf dem stand: 'Lasst mich zu meinen Schülern!' Aber als ich diesen kleinen Jungen mit seinem Schild sah, da war es bei mir vorbei."

Für sie wie für die meisten Einwohner Westpolens war die Grenze nur ein Strich auf der Landkarte. Vor der Pandemie überquerten sie rund 170.000 Menschen täglich.

Hanna Hnat:
"Auf einmal zeigte sich, dass es wieder so etwas wie eine Grenze gibt. Ich habe mich gefühlt, als wäre unsere kleine Welt hier in zwei Hälften gerissen worden. Die Grenze hat für uns nie existiert, es gab sie einfach nicht."

Polnische Zeitungen schreiben seit Wochen über die Probleme der Pendler: Von Menschen, die plötzlich ihr Einkommen verlieren, und von Familien, die von einem Tag auf den anderen getrennt wurden.

Bogna Czałczyńska ist Aktivistin und engagiert sie sich seit Jahren für Frauenrechte. Sie hat die Proteste gegen die Grenzschließung auf polnischer Seite mitorganisiert und ist in zahlreichen deutsch-polnischen Initiativen aktiv. Doch nun liegen alle grenzüberschreitenden Projekte auf Eis: "Das Haus meiner Freunde ist nur ein paar hundert Meter entfernt von hier. Dort sind wir immer zum Yoga und zu zahlreichen Treffen hingefahren. Ein paar hundert Meter weiter leben ebenfalls Freunde, in einem Zentrum für deutsch-polnische Zusammenarbeit, wo wir gemeinsam viele Projekte geplant haben. Dort sind fantastische Dinge entstanden, aber jetzt können wir nicht hin."

Noch sind die meisten Grenzübergänge geschlossen, noch steht der Grenzverkehr still. Doch seit dem 4. Mai dürfen viele Pendler die Grenze wieder überqueren, ohne in Quarantäne zu müssen. Allerdings gilt das nicht für Ärzte und Krankenschwestern. Viele polnischen Ärzte, die in Deutschland arbeiten, haben ihre Familien seit Wochen nicht gesehen.

Auch Krankenschwester Sylwia Gancarczyk war seit März nicht mehr in Pasewalk: "Mein Arbeitgeber ist derzeit sehr verständnisvoll. Er hat mir für den vergangenen Monat mein volles Gehalt bezahlt. Aber ich weiß natürlich nicht, wie lange die Situation noch andauert und wie lange er das mitmacht."

Bogna Czałczyńska: "'Hoch mit der Schranke, hier leben und arbeiten wir!' Diese Losung haben wir auf deutscher und auf polnischer Seite gerufen, in beiden Sprachen. Und wir werden weitermachen, solange bis diese Worte Wirkung zeigen und die Schranke wirklich aufgeht."

Sylwia Gancarczyk: "Wenn wir die Dinge in dieser Situation nicht selbst in die Hand nehmen und wenigstens mit unseren Protesten zeigen, wie unzufrieden wir sind, dann wird sich auch nichts verändern."

Hanna Hnat: "Ich habe Angst, dass es so bleibt. Ich habe wirklich Angst davor."

Autoren: Adam Zadworny und Raphael Jung

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