Mann mit Mundschutz im Holzlager; Bild: rbb
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- Polnische Unternehmer in Zeiten von Corona

Deutschland ist der größte Abnehmer polnischer Produkte. Mit dem deutschen Lockdown sank aber die Nachfrage nach vielen Produkten made in Poland. Manche polnischen Unternehmer bangen jetzt um ihre Existenz, andere versuchen mit neuen Geschäftsideen durch die Krise zu kommen.

Swarzędz, die Stadt bei Posen wird auch als Tischler-Hauptstadt Polens bezeichnet.

Schon vor 300 Jahren lebten die Menschen hier vom Möbelhandwerk.

Bis heute gibt es Dutzende Tischlerfamilien in der Stadt. Wegen Corona sind aber viele Handwerker in ihrer Existenz bedroht.

Moebel; Bild: rbb

So wie Dariusz Szymański. Sein Familienbetrieb begeht 40-jähriges Jubiläum. Doch nach Feiern ist hier keinem zumute. Die Bestellungen sind um 70 Prozent zurückgegangen, auch die aus Deutschland, wohin immerhin ein Drittel seiner Möbel geht. Szymański verbringt jetzt Stunden damit, staatliche Hilfen zu beantragen.

Dariusz Szymański:
"Meine Anträge werden je nach Behörde anders behandelt. Mal berechnet man mir neun Mitarbeiter, dann wiederum elf. Und zwar weil Lehrlinge auf einmal als festangestellte Fachkräfte gelten. Der Unterschied? Mit elf Mitarbeitern bin ich kein Mikrounternehmer mehr und kann von Sozialversicherungsbeiträgen nicht mehr befreit werden."

Für knapp die Hälfte der Löhne kommt jetzt der Staat auf, dafür verpflichtet sich Szymański seine Mitarbeiter ein Jahr lang zu beschäftigen. Für sie kein Trost, denn die Firmenpleite ist damit nicht abgewendet.

Tischler; Bild: rbb

Piotr Furtak, Mitarbeiter:
"Klar macht man sich Gedanken, wie es weitergehen wird. Aber man muss weiterleben. Was man hier so hört, trifft es die kleinen wie die großen Betriebe. Die ganze Wirtschaft steht still. Es wird immer schlimmer."

Der Ausstellungspavillon ist normalerweise voller Kunden. Sie kommen aus Abu Dhabi, von den Kanarischen Inseln, aus Berlin. Doch seit Wochen tauchen sie nicht mehr auf. Jetzt treffen sich hier die Tischlereibesitzer. Gemeinsam lässt sich die Krise besser aushalten.

Piotr Kasprzak:
Die geschlossene Grenze ist ein Problem. Denn wir können einen LKW, aber keine Mitarbeiter nach Deutschland schicken, die die Möbel normalerweise montieren würden. Wenn sie zurück nach Polen wollen, müssen sie nämlich in eine 14-tägige Quarantäne.

Zbigniew Kucharski:
"Ich hab in Berlin einen Stammkunden, zwölf Jahre lang hat er bei mir regelmäßig bestellt. Seit dem Lockdown: kein einziger Auftrag. Ich hoffe, dass die Wirtschaft in Westeuropa endlich wieder an Fahrt aufnimmt."

Diese mobile Kletterwand war das Highlight vieler Sport-Events, Messen und Fitnessräume. Vier von fünf Geräten wurden nach Deutschland exportiert.

Und zwar von hier, einem kleinen Unternehmen in Oppeln. Die sieben Mitarbeiter kümmerten sich um die Produktion der Kletterwände, Kollegen in Frankfurt am Main um die Kundenkontakte. Doch dann kam der deutsche Lockdown.

Piotr Małecki, Geschäftsführer Everest Climbing:
"Wir hatten Bestellungen für die nächsten sechs Monate. Und dann praktisch von einem Tag auf den anderen kam eine Mail nach der anderen:
'Leider müssen wir unsere Bestellung zurücknehmen.'
'Wir wissen nicht weiter.'
'Sorry wir müssen verzichten.'"

Nach vier Jahren Aufstieg, befand sich die Firma plötzlich im freien Fall.

Piotr Małecki, Geschäftsführer Everest Climbing:
"Eine Viertelstunde lang habe ich überlegt, was wir statt der Kletterwände produzieren könnten. Dann 15 Minuten lang mit meinem deutschen Partner gesprochen, weitere 15 Minuten mit dem Lieferanten, danach eine Skizze angefertigt. Nach einer Stunde hatten wir mehr oder weniger ein neues Produkt entworfen."

Statt Kletterwände produziert die Firma jetzt Desinfektionsmittelautomaten. Einziger Haken: Die Sprühtechnik wird nur im Ursprungsland des Coronavirus hergestellt – in China, an sie ranzukommen ist schwer. Und doch läuft die Produktion auf Hochtouren.

Dariusz Rudnicki, Mitarbeiter:
"Der Chef denkt ständig über neue Produktalternativen nach, wir können dadurch besser schlafen und die Firma steht da, wo sie eben steht. Würde er das nicht tun, dann könnten wir uns heute hier nicht unterhalten."

Sich schnell mal auf ein neues Produkt umstellen – Möbelhersteller haben es da schwerer, Szymański kann nur auf eine rasche Erholung der Wirtschaft hoffen.

Mann sitzt am Schreibtisch; Bild: rbb

Dariusz Szymański:
"Das ganze Wissen, das schon unter meinem Vater hier angehäuft wurde. Die Tradition, das kann man nicht einfach so mal ablegen."

Autorin: Anna Szymonik

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