Bodo Fürneisen; Quelle: rbb/Sandor Domonkos
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Regisseur Bodo Fürneisen - Sechs Fragen, sechs Antworten

"Frau Holle" - Eine Neuverfilmung mit den heutigen filmischen Möglichkeiten ist ein großer Wunsch von mir gewesen.
Warum macht man als Erwachsener einen Märchenfilm?
Ein Film meines Regiekollegen Rainer Bär hieß einmal "Ohne Märchen wird keiner groß". Das stimmt ganz gewiss und man kann es noch erweitern: Ohne Märchen und ohne sich ein Stück kindlicher Seele zu bewahren ist auch das Erwachsensein unvollkommen und auf alle Fälle etwas ärmer.

In diesem Sinne sollte man auch im höheren Alter seinen Sinn für Märchen und Phantasie nicht verlieren, eher immer noch weiter ausprägen. Nach zwei Märchenfilmen in der Vergangenheit "Die Geschichte vom goldenen Taler" und "Die Weihnachtsgans Auguste" war es zudem ein besonderes Ereignis und eine Ehre bei einem weiteren Märchenfilm innerhalb dieser ganz besonderen ARD-Reihe dabei zu sein.

Warum gerade Frau Holle?
Wenn man Frau Holle liest, ist die Geschichte auf sehr kurzem Raum erzählt, würde also direkt übernommen gerade mal zehn Minuten Film ausfüllen. Es war Reiz und Herausforderung zugleich das Märchen für eine Stunde Film weiter zu erzählen und zudem die etwas heftig angestaubte Moral der Urfassung moderner zu gestalten, ohne die Werktreue völlig außer Acht zu lassen.

Was ist die Moral von der Geschicht'?
Sei freundlich, denk auch an andere, nicht nur an dich und begreife, dass das Lebensglück nicht in erster Linie in den materiellen Dingen zu suchen und schon gar nicht zu finden ist. Ja, das ist zugegeben eine allgemeine Botschaft. Aber in der gegenwärtigen westeuropäischen Konsumgesellschaft ist sie bedrückend aktuell.

Haben Sie eine eigene Interpretation?
Ja, schon. Bei den Grimms liest man in dem Märchen die Botschaft raus: Sei immer schön brav, mach die Hausarbeit ohne Murren und leiste keinen Widerspruch. dann wirst du hoch belohnt. Das ist altbacken und chauvinistisch, oder? Wir setzen die Werte dagegen, die ich gerade beschrieben habe.


Welche Unterschiede gibt es zwischen der Vorlage und dem Film?
Wie schon beschrieben galt es die sehr kurz erzählte, Schwarz-Weiß-Geschichte heutig zu erzählen. Mit "heutig" ist keine oberflächliche äußere Modernisierung gemeint, wie die Bearbeitung am Computer, sondern inhaltlich die veralte Aussage der Urfassung ins Heutige neu zu interpretieren. Wir wollten "historisch" bleiben, in erster Linie für kleine Kinder erzählen, bewusst nicht "cool" sein, sondern eher Emotionen und Romantik zulassen.

Für eine spannende, auch lustige Märchenstunde wurden neue Figuren erfunden, wie der um die Mutter mit immer neuen Brotvariationen werbende Bäcker, die Wirtin und nicht zuletzt auch der sprechende Rabe Gustav, der durch die Begegnung mit Marie ziemlich an Welt- und Liebessicht dazu lernt.

Zudem entwirrten wir die etwas komplizierten Familienbeziehungen. Bei uns sind die beiden Mädchen wirklich Schwestern und nicht Schwester und Stiefschwester, was sich für die Interpretation nicht wirklich als Gewinn heraus gestellt hätte.

Eine wirkliche Herausforderung ästhetischer Art war die Lösung der Frage: Wie setzen wir die "Realwelt" der Mädchen gegen die "Märchenwelt" der Frau Holle ab? Die kühne Entscheidung die gesamte "Frau Holle-Welt" im Nachhinein computertechnisch herzustellen, gab uns die Möglichkeit phantasiereiche Räume zu schaffen, die sonst nie so möglich gewesen wären und wohl bisher in Deutschland in diesem Ausmaß auch noch nicht realisiert worden sind.

Welches ist Ihr Lieblingsmärchen?
"Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff ist für damalige Verhältnisse und Möglichkeiten in den Fünfzigern bei der DEFA genial verfilmt worden. Per, der "Kohlenmunk" opfert im schwarzen Wald beim Holländer-Michel sein Herz gegen einen Stein in seiner Brust und kommt so zu unermesslichem Reichtum, aber verliert die Güte und Liebe und kämpft zum Schluss darum sein eigenes Herz wieder zu bekommen, um als Mensch ausgefüllt leben zu können. Schon aktuell, oder? Eine Neuverfilmung mit den heutigen filmischen Möglichkeiten ist ein großer Wunsch von mir.

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    Fr 24.12.2021 | 10:05 | Märchenfilm im Ersten - Frau Holle

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