Studio Görlitz

- Zur Geschichte des sorbischen Hörfunks/K stawiznam serbskego rozgłosa

Seit dem 14. Oktober 1948 gibt es sorbischsprachige Sendungen im deutschen Rundfunk, erste niedersorbische Beiträge seit 1950.
Wót lěta 1948 dajo serbske wusćełanja w nimskem rozgłosu. How namakaśo wěcej wó stawiznach Serbskego rozgłosa.

Am 22. März 1953 wurde beim Staatlichen Rundfunkkomitee der DDR ein sorbisches Studio in Görlitz gegründet. Die Sendungen aus diesem Studio waren bis auf wenige Beiträge fast ausschließlich in obersorbisch.

Aus anfänglich 70 Minuten wurde die wöchentliche Sendezeit Ende 1954 auf 90 Minuten erweitert, davon waren seit 1. April 20 Minuten auf Niedersorbisch. Am 01. Januar 1957 gründete sich dann die Sorbische Redaktion bei Radio DDR, Sender Cottbus.

Seit dem 01. Januar 1992 gibt es niedersorbische/wendische Sendungen beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg - heute Rundfunk Berlin-Brandenburg - und obersorbische Hörfunksendungen aus dem Studio Bautzen des Mitteldeutschen Rundfunks.

Wót 14. oktobra 1948 dajo serbske wusćełanja w nimskem rozgłosu. Prědne dolnoserbske pśinoski su se wót lěta 1950 zgótowali a ze studija Pódstupim wusćełali. Dnja 22. měrca 1953 jo se pśi Statnem rozgłosowem komiteju DDR serbske studijo w Zgorjelcu załožyło. Wusćełanje z togo studija su byli až na mało pśinoskow skoro jano w górnoserbskej rěcy.
A ze zaprědka 70 minutow jo se tyźeński wusćełański cas na kóńcu lěta 1954 na 90 minutow rozšyrił, z nich jo było wót 1. apryla kuždu njeźelu 20 minutow w dolnoserbskej rěcy. Dnja 1. januara 1957 jo se pón załožyła Serbska redakcija pśi Radio DDR, sćelak Chóśebuz.

Wót 1. januara 1992 dajo dolnoserbske wusćełanja pśi Pódzajtšno-nimskem rozgłosu (ORB) – źinsa Rozgłos Barliń-Bramborska (rbb) – a górnoserbske radijowe wusćełanja ze studija w Budyšynje Srjejźno-nimskego rozgłosa (MDR).

Die Anfänge

Am 22.03.1953 wurde auf Beschluss des damaligen Staatlichen Komitees für Rundfunk die "Sorbische Redaktion" bei Radio DDR mit einem eigenen Studio in Görlitz eingerichtet. Leiter war der Journalist Klaus Hemmo. Die Einrichtung der Redaktion erfolgte in Realisierung des Gesetzes zur Wahrung der Rechte der sorbischen Bevölkerung (beschlossen 1948 vom Sächsischen Landtag und 1950 vom Landtag Brandenburg).

Ein Rückblick in die vorredaktionelle Zeit: Im Gegensatz zur Presse hatten sorbische Rundfunksendungen vor 1945 keine Tradition. Die ersten Sendungen in sorbischer Sprache strahlte in den Jahren 1946/47 der Prager Rundfunk aus. Die Autoren waren in der Tschechoslowakei studierende Sorben. Die sorbischen Beiträge im Prager Radioprogramm sollten zur nationalen Selbstfindung der vom Hitlerregime verfolgten und zur Ausrottung vorgesehenen Sorben beitragen. Sie erreichten jedoch nicht die breite Basis der sorbischen/wendischen Bevölkerung in der Ober- und Niederlausitz.

Seit Dezember 1948 gab es wöchentlich eine 15-minütige Sendung in obersorbischer Sprache über die Sender Leipzig bzw. Dresden. Ähnliche Sendungen wurden seit 1950 aus dem Studio Cottbus über den Sender Potsdam für die Sorben/Wenden in der Niederlausitz ausgestrahlt. Den Anlass dazu gaben die Vorbereitungen zum sorbischen Festival in Bautzen. Das von einem deutschen Redakteur erarbeitete Programm mit sorbischer und heimatlicher Thematik wurde zunächst zweisprachig ausgestrahlt.

Da es keine sorbischen Rundfunkjournalisten gab, wandte sich Herr Mahling vom Sender Potsdam an die Domowina mit der Bitte um Mithilfe. Die damalige Mitarbeiterin der Domowina Margitta Krautz (später Heinrich) übernahm die Übersetzung und Moderation der sorbischen Texte. Sie gestaltete dann auch eigenständige Beiträge mit Gesprächen und Reportagen vor allem aus dem ländlichen Bereich der zweisprachigen Niederlausitz.
Durch die territoriale Neugliederung der DDR in Bezirke war der Sender Potsdam nicht mehr für das Studio Cottbus zuständig. Damit kam es auch zur Unterbrechung des sorbischsprachigen Programms aus Cottbus.

Die Sorbische Redaktion im Studio Görlitz war für das gesamte sorbische Programm (ober- und niedersorbisch) vorgesehen. Die anfängliche Sendezeit betrug wöchentlich 70 Minuten. Da aber keiner der drei Mitarbeiter über niedersorbische Sprachkenntnisse verfügte, war die Programmsprache bis auf wenige Ausnahmen obersorbisch.
Der Beginn regelmäßiger niedersorbischer/wendischer Sendungen ist datiert mit dem 01.04.1956. Die wöchentlich 20-minütige Sendung wurde im Studio Cottbus durch die erste niedersorbische Rundfunkjournalistin Rosemarie Wierik-Schenker erarbeitet und auch aus Cottbus für die Sorbische Redaktion gesendet.

Seit 1957 hatte die Sorbische Redaktion als einheitliche Redaktion mit zwei sprachlich unterschiedlichen Programmteilen (ober- und niedersorbisch) ihren Sitz beim Sender Cottbus, einem Studio von Radio DDR. In den 80er Jahren wurde das Studio im Haus der Sorben in Bautzen weiter ausgebaut und der obersorbische Programmbereich dorthin verlegt, um dem Hörer näher zu sein. Die Redaktionsstruktur blieb aber noch bis 1991 erhalten. 1990/91 zeigten sich allerdings Irritationen, da die Sorbische Redaktion zeitweilig beim Sender Lausitz, bei Sachsenradio und Antenne Brandenburg eingegliedert war.

Daten und Informationen

Mit der Gründung der neuen Rundfunkanstalten unter dem Dach der ARD fand sich die sächsische Oberlausitz nun im Bereich des MDR wieder und die brandenburgische Niederlausitz im Sendebereich des ORB. So kam es zur Teilung der Sorbischen Redaktion in das Studio Bautzen des MDR und in die Niedersorbische Redaktion des ORB (später Sorbische Hörfunksendung des ORB/heute rbb).
Hinzugefügt sei, dass der (ORB) rbb neben der Hörfunksendung in niedersorbischer/wendischer Sprache seit April 1992 auch ein monatliches halbstündiges Fernsehmagazin ausstrahlt. Damit wurde dem Rundfunkgesetz des Landes Brandenburg entsprochen, in dem es u.a. heißt: "Der regionalen Gliederung und der kulturellen Vielfalt des Landes Brandenburg sowie der sorbischen Kultur und Sprache ist im Programm Rechnung zu tragen".

Dieser Aufgabe stellt sich auch das neue Gesetz über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Länder Berlin und Brandenburg für den rbb. Wie auch im Rundfunkrat des ORB sind die Sorben/Wenden mit einer Stimme im Rundfunkrat des rbb vertreten.

In den fünf Jahrzehnten von 1953 bis heute hat sich die Gesamtsendezeit der ober- und niedersorbischen Sendungen auf über 30 Stunden wöchentlich erweitert, davon strahlt das Studio Cottbus des rbb wöchentlich 11,5 Stunden niedersorbische/wendische Hörfunksendungen und 1 Stunde Jugendmagazin im Monat aus.

Das Studio Bautzen des MDR und die Mitarbeiter der niedersorbischen/wendischen Hörfunksendung im Studio Cottbus des rbb kooperieren miteinander im Informationsaustausch, bei technischer Hilfeleistung und vor allem im Bereich der Musikproduktion.

Beide Programme bzw. Sendungen werden länderübergreifend auf der Frequenz UKW 100,4 MHz des MDR (Strahler in Hoyerswerda) und über UKW 93,4 MHz (Sendeturm, Standort Calau) gesendet. Somit sind sie in der Ober- und Niederlausitz gleichzeitig zu empfangen.

Die Musik für die sorbischen Hörfunksendungen entsteht von Anbeginn des Programms in Eigenproduktion. Über 6500 Titel verschiedener Genres - vom Kinderlied bis zur Volksmusik, Tanz- und Unterhaltungsmusik, Chordarbietungen, Choräle, konzertante Werke bis zu Sinfonien und Oratorien - sind im Auftrag der Rundfunkanstalten auf Tonträger aufgezeichnet worden. Sie machen den größten Teil der Musik in sorbischen Radiosendungen aus.

Jährlich kommen zahlreiche Neuaufnahmen hinzu, auch mit jungen begabten Komponisten, Sängern und Musikern aus der Niederlausitz. Damit wurde wesentlich zur Erforschung des sorbischen musikalischen Erbes sowie zum Gegenwartsschaffen und seiner Verbreitung durch Tonträger und Konzerte beigetragen. Neben Konzerten z. B. mit der Dresdner Philharmonie oder dem Poznaner Knabenchor in früheren Zeiten seien die jährlichen sorbischen Nachwuchskonzerte des ORB/rbb gemeinsam mit dem Cottbuser Konservatorium genannt, der nun schon dritte Kompositionswettbewerb in Kooperation mit der Stiftung für das sorbische Volk und auch die Sonntagskonzerte mit sorbischer populärer und volkstümlicher Musik.

Niedersorbischen Rundfunkjournalisten ist es auch zu verdanken, dass altes Liedgut aus den Dörfern - zur Spinte, Festen und auch bei der Arbeit gesungen - nicht verloren ging. Diese bei ihren Recherchen aufgezeichneten Volkslieder wurden im Auftrag des Rundfunks bearbeitet und so wiederbelebt.

Die sorbischen Hörfunksendungen haben einen Informations-, Kultur- und Bildungsauftrag zu erfüllen. Darum bemühten sich die Mitarbeiter von Anbeginn (bis 1989 natürlich auch eingebunden in die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse).

Die Thematik in den Informationssendungen befasste sich vor allem mit der Entwicklung auf dem Land (z. B. Kommunales, Landwirtschaft, kulturelles Leben, Schulwesen oder ganze Dorfbilder, die neben aktuellen auch geschichtliche Inhalte hatten. Nicht zuletzt spielte in der Berichterstattung der Braunkohlentagebau in der Lausitz eine große Rolle, dem viele sorbische Dörfer zum Opfer fielen.

Besonderes Augenmerk galt sorbischen Belangen, der Domowina, den wissenschaftlichen Instituten und Einrichtungen, der Tätigkeit der sorbischen kulturellen Zentren und natürlich auch der Nationalitätenpolitik der DDR sowie des Auslandes. Den sorbischen Journalisten war es wichtig, die Hörer in das Programm einzubeziehen, was besonders durch viele Livesendungen (Verlegung des Sonntagsprogramms in ein Dorf) gut gelang.

Das Programm im neuen Jahrtausend

Wie schon gesagt, der Hörfunk war für die Sorben/Wenden in der Nachkriegszeit ein neues Medium in ihrer Sprache. Die Angst vor Diskriminierung und Verfolgung hatten sie noch nicht überwunden. Ihr Nationalbewusstsein war beschädigt, geschwächt oder besonders bei den Niedersorben/Wenden kaum noch vorhanden. Die Rundfunkjournalisten erlebten die Ängste der Menschen, in ein Mikrofon zu sprechen, denn ihre Stimme archiviert könnte ihnen ja zum Nachteil gereichen. Vertrauen aufzubauen, Nationalbewusstsein zu stärken, war und ist eine der wesentlichsten Aufgaben sorbischer Rundfunkjournalisten.

Zu informieren, zu bilden und sorbische Kultur zu fördern und zu befördern ist auch die Aufgabe der heutigen sorbischen rbb-Mitarbeiter. Den wichtigsten Stellenwert haben dabei die Erhaltung und Förderung der Sprache aber auch das Wissen um die Geschichte, Literatur, das humanistische Erbe sowie das gegenwärtige kulturelle Leben und Schaffen des sorbischen Volkes.

Die sorbischen Sendungen haben allen Altersgruppen, dem jeweiligen Bildungsstand und den unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden. Die Genrevielfalt reicht vom Bericht, Kommentar, Interview, Reportage, Porträt, der thematischen gestalteten Sendung, dem christlichen Wort zum Tag, der Gottesdienstübertragung über das Feature zum Hörspiel. Verschiedene Sendungen wie z. B. für Kinder wurden vom Bildungsministerium für den Sorbischunterricht übernommen. Mit Beiträgen und Sendungen für die Sorbisch-Kinder des WITAJ-Sprachprojekts in den Kitas sowie mit der Jugendsendung "Bubak" versucht die sorbische/wendische Sendung des rbb den jungen Hörern gerecht zu werden und die Sprach- und Kulturbildung zu fördern und zu unterstützen.

Das sorbisch-/wendischsprachige Archiv: Das erste niedersorbische Tondokument ist aus dem Jahr 1956 und enthält eine Reportage aus dem Dorf Schönhöhe. Das Wortarchiv beinhaltet Tondokumente aus allen Bereichen des sorbischen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens sowie Aussagen bedeutender Persönlichkeiten. Es ist eine einmalige Dokumentation der Geschichte und Entwicklung aus mehr als fünf Jahrzehnten. In den letzten Jahren wurden die Bandaufnahmen für die Übertragung auf moderne Tonträger vorbereitet und zum Teil auf CD umgezeichnet. Das sorbische Archiv ist ein Arbeitsarchiv für Journalisten und Wissenschaftler (mittlerweile aus aller Welt).

Sorbische/wendische Sendungen in ihrer Bedeutung und Erfahrung:

Eine Sendung in der zweiten Landessprache.

Medienpräsenz ist für Volksgruppen und Ethnien, umgeben von einer dominierenden Bevölkerungsmehrheit, so auch für die Sorben, eine Überlebensfrage.

Ein bedeutsamer psychologischer Effekt ist das Hören der eigenen Sprache im Medium Rundfunk. Dadurch erfährt die Sprache eine Aufwertung und es stellt sich im Bewusstsein des Sprachträgers ein Gleichwertigkeitsgefühl ein.

Sorbisch/Wendisch im Hörfunk dient der Identitätswahrung und Sprachentwicklung. Es ist ein bedeutendes Kommunikationsmittel zum Spracherhalt.

In den sorbischen/wendischen Sendungen werden Themen und Bereiche angesprochen und behandelt, die in deutschen Programmen nicht zur Sprache kamen und kommen.

Über Jahrhunderte wurde den Sorben/Wenden Geschichtslosigkeit vorgeworfen, darum war und ist es notwendig, dem Hörer die Geschichte des eigenen Volkes nahe zu bringen.

Sorbische Künstler in ihrer Vielfalt und unterschiedlichen Qualitäten fanden und finden im Rundfunk ein Forum, wo sie sich der sorbischen/wendischen Öffentlichkeit mitteilen können.

Das Zugehörigkeits- und Zusammengehörigkeitsgefühl wird gestärkt und gefestigt.

Wer die sorbische/wendische Radiosendung einschaltet, wählt sie bewusst!

Der Rundfunk erreicht auch Menschen, welche die sorbische/wendische Sprache nur passiv beherrschen und er wirkt sprachaktivierend.

Der/die sorbische Journalist/in ist mindestens zweisprachig und hat sprachbildend zu wirken.

Sorbische Hörfunksendung ist nicht nur eine Sendung in einer anderen Sprache, sondern auch eine Sendung einer anderen Kultur.

Die Mentalität der Rezipienten, will man sie erreichen, ist zu beachten.

Weitere Infos

Sorbische Redaktion 1964 in Cottbus (Quelle: rbb)

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