Die Ostdeutschen - 30 Jahre Wiedervereinigung (Bild: rbb)
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- Die Ostdeutschen

Potsdamer Historiker haben 30 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsche nach ihren Wendeerfahrungen und Lebensgeschichten befragt. 

Ein kleines Dorf im Fläming mit 80 Einwohnern. Vor der Wende gab es in Garrey noch 240 Leute. Inzwischen passiert hier nur noch wenig. Es ist stiller geworden in diesem Dorf. Aber immerhin hat Garrey eine Pension – und dort gab es vor einigen Tagen eine sehr besondere Veranstaltung:

Historikerinnen aus Potsdam treffen sich mit Menschen aus Ostdeutschland und fragen sie nach ihren Wendeerfahrungen. Aber anstatt die Ergebnisse ihrer Forschung nur, wie sonst üblich, auf einer exklusiven wissenschaftlichen Konferenz vorzustellen, gehen sie an die Öffentlichkeit – in die Städte und Dörfer in Ostdeutschland. Wissenschaftliche Arbeit an der Basis. Das Thema ihres Projekts: Alltagsgeschichte der Wende.

Dr. Kerstin Brückweh, Historikerin, Leibniz-Zentrum Potsdam
"Wie haben Menschen den Systemwechsel erlebt und vorbereitet schon in den Achtzigern und wie haben sie ihn gestaltet in den Neunzigern und wie erinnern sie sich heute daran.

Die Annahme war ganz banal in gewisser Weise: Das Leben geht weiter.

Das Leben hört nicht ´89/’90 auf und es fängt auch nicht an. Und wie schafft man das, daraus ein Leben zu machen."

Die Forschungsgruppe um Kerstin Brückweh interessierte sich für viele Details des Lebens der Menschen damals: Schule, Wohnen, Politik und auch für das sensible Thema: Konsum. Jetzt reden sie mit den Leuten aus dem Dorf und der Umgebung über ihre Forschung. An das Ende der Mangelwirtschaft haben viele intensive Erinnerungen.

Clemens Villinger, Historiker, Leibniz-Zentrum Potsdam
"Die Hälfte der DDR-Bevölkerung war in den ersten zwei Monaten in Westdeutschland und hat sich einen Eindruck vom Angebot gemacht und auch mal was gekauft. Aber einen Kaufrausch beschreibt eigentlich keiner."

Gabi Eissenberger
"Es gab natürlich ein Konsumverhalten in der DDR auch, das ein ganz anderes war, weil das Wirtschaftssystem ein ganz anderes war. In der Planwirtschaft, die auch nicht so ganz planmäßig lief, da hat man bestimmte Verhaltensweisen entwickelt, z.B. die Einkaufstasche immer dabei zu haben, den Beutel."

Clemens Villinger, Historiker, Leibniz-Zentrum Potsdam
"Besonders überrascht hat mich eigentlich wie positiv viele Menschen die Marktwirtschaft 1990 wahrgenommen haben und wir hoch die Erwartungen daran waren, an den Konsum in der Marktwirtschaft. Also die Idee, wenn man fleißig ist und viel Leistung bringt, dass man sich dann auch viel kaufen kann nach der Wende. Und das hat sich dann für viele Menschen im Alltag nicht so bewahrheitet."

Eva Loth
"Arbeitslos, beide arbeitslos, teilweise Hartz IV ... Das waren schon harte Zeiten, wo man dann teilweise wirklich gesagt hat: Menschenskind, das wollten wir aber so auch nicht."

Siegfried Frenzel
"Ich bin ´85 nach Berlin, Ost-Berlin. Und das war bis zum Mauerfall auch unheimlich interessant, weil in Ost-Berlin Dinge möglich waren, die in der DDR sonst nicht möglich waren zu leben. Das war toll. Und dann waren natürlich die Neunziger Jahre ne irre Zeit. Berlin war einfach großartig."

Einige der Besucher aus Ost und West haben schon vorab in ausführlichen Interviews von ihren Erfahrungen aus der Wendezeit erzählt. An diesem Abend werden dazu noch Erinnerungen auf kleinen Karten notiert. Für viele ist dieses besondere Forschungsprojekt eine ganz neue Erfahrung.

Gabi Eissenberger
"Dass die Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm rausgeht und sich unter’s Volk mischt. Denn wenn sie Geschichte untersucht, ist es Geschichte von Menschen. Und man muss mit den Menschen reden, um  auch nicht in Parallelwelten zu leben."

Ihre Wissenschaft basiert auf uns. Danke, dass sie hier sind – und die Arbeit machen.

Dr. Kerstin Brückweh, Historikerin, Leibniz-Zentrum Potsdam
"Ich sehe das wirklich als Experiment. Erstmal: Keine Ahnung, kommt überhaupt wer? Und wer kommt?

Und ich finde auch, dass es als Gespräch gut funktioniert hat, dass wirklich viele Leute erzählt haben. Karten sind auch dazu gekommen. Also die verschiedenen Angebote, die wir gemacht haben.

Also ich bin jetzt ganz zufrieden."

Durch Sachsen, Thüringen und Brandenburg geht die Forschungstour. Die Eindrücke dieses wunderbaren Projekts erscheinen als Buch im Herbst – Wenn Deutschland den 30. Jahrestag seiner Einheit feiert.

Autorin: Josephine Links

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