Archivbild: Der erste Berlinale-Chef Alfred Bauer (Bild: rbb)
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- Alfred Bauer im Spiegel der Zeit

Der Alfred-Bauer-Preis wird nicht vergeben, weil der erste Berlinale-Chef eine wichtige Rolle in der Nazi-Filmpolitik spielte. Warum Alfred Bauer trotzdem lange kein Skandal war, erklärt Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen.  

Die Berlinale wird 70 - ein Grund zum Feiern. Doch kurz vor dem Jubiläum gibt es Aufregung um Alfred Bauer, den ersten Direktor des Festivals. Der Mann, der die Berlinale 25 Jahre lang leitete, war ein hoher Nazi-Funktionär.

Wolfgang Jacobsen, Filmhistoriker
"Er war in der Reichsfilmintendanz ein Referent mit ganz wesentlichen Aufgaben. Wir wissen, dass Bauer Mitglied der NSDAP gewesen ist. Wir wissen, dass er in Würzburg Mitglied der SA gewesen ist."

Jetzt wird der nach ihm benannte Alfred-Bauer-Preis ausgesetzt. Die Berlinale lässt seine Biografie genauer untersuchen - obwohl vieles schon bekannt war.

Aber der Reihe nach:
1951 bekommt Berlin ein eigenes Filmfestival: Die Berlinale bringt Stars und Glamour in die Trümmerstadt.

Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen hat die Geschichte der Berlinale erforscht. Er weiß, was den Berlinern der Nachkriegszeit das Festival bedeutet.

Wolfgang Jacobsen, Filmhistoriker
"Man lebte in einer zerstörten Stadt mit Alltagssorgen, wie wir sie uns heute vielleicht gar nicht mehr vorstellen können. Und plötzlich passiert etwas, was exotisch ist, was aufregend ist, was den Alltag aufbricht. Wie die Menschen Spalier gestanden haben, eine Gier nach den Stars. Sie möchten sie am liebsten anfassen und umarmen."

Gründungsdirektor der Berlinale wird Alfred Bauer.

Alfred Bauer, Berlinale-Leiter 1951-76
"Filmfestspiele in einem neuen Berlin - unter diesem Motto stehen unsere diesjährigen Filmfestspiele."

Mit ihm an der Spitze entwickelt sich die Berlinale zu einem international renommierten Filmfest, das mit Cannes und Venedig konkurriert

Wolfgang Jacobsen, Filmhistoriker
"Er hat in einer für die Stadt politisch schwierigen Situation die Berlinale etabliert, mit all diesen Strukturen, die zu schaffen sind: Kinos, Leute, Personal anheuern. Und er hat dann in der Zeit des Festivals auch im schicken Anzug entsprechend Statur gemacht."

Doch Alfred Bauer hat schon vor der Berlinale Karriere gemacht - in der Film-Bürokratie der Nationalsozialisten.

Wolfgang Jacobsen, Filmhistoriker
"Er hat unter anderem zu Kriegsende und zu Kriegszeiten entschieden, welche Schauspieler nicht abkommandiert wurden, eine wichtige Funktion innerhalb der Filmbürokratie des Nationalsozialismus."

Lange hat das niemanden interessiert. Erst in den 70er Jahren wird in Fachkreisen ein Schreiben bekannt, in dem Alfred Bauer 1942 als "eifriger SA-Mann" bezeichnet wird.

Wolfgang Jacobsen, Filmhistoriker
"Wie konnte so jemand wie Alfred Bauer gleich nach Kriegsende eine wichtige Funktion übernehmen? Wie konnten so viele andere, die eine ähnliche Karriere wie Bauer hatten - oder gar noch eine sehr viel schlimmere - wiederum auch ihre Karrieren fortsetzen? Ganz ohne personelle Kontinuitäten war ein Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands in dieser Zeit nicht möglich."

Zwar belegen die Alliierten Bauer vorerst mit Berufsverbot. Aber nach der Entnazifizierung vertrauen sie ihm das Festival an - denn er ist ein Organisationstalent und hat gute Verbindungen.

Dass jetzt hitzig über Alfred Bauer diskutiert wird, hat Wolfgang Jacobsen überrascht. Denn die NS-Vergangenheit des ersten Berlinale-Direktors war kein Geheimnis.

Wolfgang Jacobsen, Filmhistoriker
"Viele Fakten sind bekannt gewesen. Man hielt sie offenbar für nicht berichtenswert, wenn man sie kannte. Oder man hatte kein Interesse, sie kennenzulernen."

Das hat sich heute geändert. Aktuell steht die Documenta in der Kritik, weil unter ihren Wegbereitern NSDAP-Mitglieder waren. Ein Schatten fällt auf den viel beschworenen kulturellen Neuanfang nach 1945: Wie neu war er wirklich?

Alfred Bauer, Berlinale-Leiter 1951-76
"Sie sehen: Viele Gäste aus aller Welt kommen wieder nach Berlin, in ein neues Berlin. Und wir freuen uns heute schon darauf, sie recht herzlich hier bei uns begrüßen zu können."

Autorin: Anne Kohlick

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