Irina Liebmann auf der Hamburger Straße in Berlin Mitte. (Quelle: rbb)
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- Irina Liebmann über die Hamburger Straße

Die bewegte Geschichte einer ganzen Stadt erzählt über eine einzige Straße - Irina Liebmann stellt ihr Buch über die Hamburger Straße in Berlin Mitte vor. Ein poetischer Spaziergang durch das zentrum der Hauptstadt, der viele blinde Flecken offenbart.

Die Große Hamburger Straße in Mitte: eigentlich ist sie nicht viel mehr als eine kurze, schmale Gasse. 400 Meter nur, aber turbulent. Sie fasziniert die Schriftstellerin Irina Liebmann, seit sie das erste Mal hier war, in den 1980er Jahren.

Irina Liebmann, Buchautorin

"Das war immer so – es war immer lebendig. Das hat mir ja so gefallen. Es war ganz viel kaputt. Es war ganz viel vergessen, nicht genutzt. Und hier stand man, wenn man hier vorbeiging, einfach mal in einer Straße wie von früher. Hier war alles da."

 

Schon in den 1980er fotografiert Irina Liebmann die Straße. Niedrige Häuser, Spuren von den ersten Tagen der Straße um 1700:  welche Geschichten, welche Geheimnisse bergen sie? Irina Liebmann ist 1943 in Moskau geboren und kommt als Kleinkind mit ihren Eltern nach Ostberlin. Die Brüche der deutschen Geschichte, das Leben, die Nöte der Menschen in längst vergangenen Zeiten beschäftigen sie. Sie stöbert in Archiven, studiert alte Straßenpläne und befragt die Bewohner dieser Straße. So ist ihr Buch entstanden.

 

Irina Liebmann, Buchautorin

"Anhand der Notizen gehe ich in die Zeit zurück, im Geist. Aber ich bin dann auch, in der Literatur geht das ja, in der anderen Zeit. Ich habe aber im Kopf auch ein Wissen was von heute. Es ist sozusagen eine Verschiebung von Ort und Zeit und Zeit und Zeit. Und ich habe dabei verstanden. Es ist ein Buch über das Zuhause."

Eingewoben in dieses "Zuhause", das Vergangene. Luftig, assoziativ erzählt Irina Liebmann vom Arme-Leute-Viertel, den Kneipen, vom jüdischen Geflügelhändler Budzislawski, den Ledergerbern, die mit giftigen Dämpfen die Luft verpesten. Und hier stand ein jüdisches Altenheim: als die Bewohner 1942 von den Nazis nach Auschwitz deportiert wurden, so hat ihr es eine Zeitzeugin erzählt, haben sie fürchterlich geschrien. Beim Lesen ihres Buches meint man die Schreie noch einmal zu hören. 1945 dann war dieser jüdische Friedhof voller Holzkreuze: die Notgräber der Toten der letzten Kriegstage.

 

Irina Liebmann, Buchautorin

"Die Leute hier ringsum sollten die begraben. Die haben erzählt, es war im Mai, es hat gestunken wie verrückt. Hier lagen ganz viele tote Russen, tote Deutsche. Die mussten dann getrennt werden."

Nur diese Grabsteine sind noch übrig, vom ältesten jüdischen Friedhof Berlins; bei der Sanierung 2008 wurden die Notgräber beseitigt. So "leer" hat Irina Liebmann den Ort noch nicht gesehen.

Die Gebäude aus DDR-Zeiten hat Irina Liebmann immer ausgeblendet. Früher war an der Ecke zur Auguststraße eine wüste Barackenlandschaft, erinnert sie sich in ihrem Buch – das hat sie einfach nicht dokumentiert! Jetzt erst ist ihr das aufgefallen.

 

Irina Liebmann, Buchautorin

"Aus der DDR-Zeit gab es hier kein einziges Gebäude. Das einzige war die Baracke hinten, und die war für mich praktisch nicht existent. Weil das was Provisorisches war, ne? Wenn ich dann also 30, 40 Jahre später plötzlich merke, ich hab ja das, was aus unserer Zeit war, vollkommen ignoriert, da wird mir schon schlecht, ja?"

 

Eine Erklärung für diese "blinden Flecken" hat sie nicht. Nur dass Schönes, egal wie morbide, einfach anziehender ist. Das Leben in dieser Straße war früher hart und bitter, das haben ihr die Menschen dieser Straße einst erzählt. Für ihr Buch hat Irina Liebmann ihre Unterlagen und Fotos erneut studiert: kann sie nun loslassen, von dieser Straße? Hat sie ihr Geheimnis gelüftet?

 

Irina Liebmann, Buchautorin

"Ich finde es eine altmodische Dramaturgie: Am Ende ist das Rätsel gelöst! – gar nichts ist gelöst, ja! Es entsteht immer wieder ein neues Rätsel.

Darüber staunt Irina Liebmann nun im Buch. Entstanden ist ein poetischer Spaziergang durch die Geschichte der Großen Hamburger Straße. Manchmal, ja: verirrt sich die Erzählerin auch etwas im Gestrüpp, den Wirren der Zeiten.

Autorin: Petra Dorrmann