Das Wohnzimmer (Bild: rbb)
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- Die Kulturgeschichte des Wohnzimmers

Das Wohnzimmer ist eine neue Erfindung, die etwas aus der Mode gekommen war. Jetzt bekommt es neue Aufmerksamkeit - zwangsweise, sagt Kunsthistorikerin Irene Nierhaus. (Das Video zum Beitrag darf aus rechtlichen Gründen nicht im Internet gezeigt werden.)

Wir sitzen fest - im Wohnzimmer. Was für ein schönes warmes Wort: Wohnzimmer. Das war doch der Raum, in dem wir es uns bequem machen, wenn es draußen ungemütlich ist. Jahrelang haben wir sie vernachlässigt, diese Oase der Ruhe, des entspannten Zurücklehnens. Jetzt also für alle: Hausarrest, im Wohnzimmer – na schauen wir mal.

Irene Nierhaus, Kunsthistorikerin
"Es ist für uns alle eine total neue Erfahrung. Wir leben doch nicht alle 24 Stunden lang zusammen. Sondern die Leute arbeiten, die Kinder gehen in die Schule. Jetzt sind wir alle in einem Raum, und da hat jeder seine Eigenschaften, die er mitbringt. Da kann es natürlich schön krachen."

 

Wir haben das Wohnzimmer verlottern lassen, degradiert zum Raum für alle, das hat Ikea erkannt. Jeder macht hier inzwischen, was er will. Das kann nicht gut gehen. Überkandidelte Veränderungsfantasien tun ihr Übriges, sie haben das Wohnzimmer erstarren lassen. Sehnsüchtig muss man auf die Gemütlichkeit zurückblicken, bei all dem Verrat, dem Schindluder, der heute in der "Guten Stube" von einst getrieben wurde.

Irene Nierhaus, Kunsthistorikerin
"Wenn Sie jetzt sagen Wohnzimmer, ploppt in den meisten Köpfen auf: Sitzgarnitur oder Sofa, Polsterstühle, niedriger Tisch, irgendein Schrank. Das gibt es eigentlich erst seit den sechziger Jahren in der Form. Davor war das sozial sehr differenziert, die Großbürger, der Adel haben so was wie Salons gehabt, aber das Proletariat hatte in dem Sinn keine Wohnzimmer. Es gab die "Kalte Pracht'."

Nur zu besonderen Anlässen, zwei, drei Mal im Jahr wurde die "Kalte Pracht" geheizt, daher der Name. Eigentlich stand sie leer. Gewohnt hat hier keiner. Die "Kalte Pracht" wurde zur "Guten Stube", hier konnte man sich mit Freunden vom Kindergeschrei erholen.

Vom Biedermeier zur Gründerzeit: Die Wucht der Möbel sollte dem Besucher Sicherheit und Stärke vermitteln. Damals, als man noch Besuch empfing, in den guten alten Zeiten.

Irene Nierhaus, Kunsthistorikerin
"Im Grunde ist das Wohnzimmer der öffentlichste Ort der Wohnung. Weil das der Ort ist, wo die Gäste hineingedacht sind. Da ist auch der Blick der Gäste gedacht. Das ist auch ein Ort, wo man die Bezüge zu Freunden und zur Familie auch sichtbar macht."

Matrjoschka, Sammeltasse oder Türkensäbel muss man jetzt innerfamiliär bestaunen. Die Schrankwand, wo der ganze Krempel verstaubt, gibt es erst seit dem Wideraufbau nach ‘45. Hellerau beschert dem Wohnzimmer gediegene Eleganz, die Bauhausvarianten konnten sich nicht durchsetzen - man wollte es doch gemütlich, jetzt, wo die ganze Familie im Wohnzimmer wohnte.

Irene Nierhaus, Kunsthistorikerin
"Die Identität einer Person entspricht der Identität eines Wohnens. Wenn ein Wohnen so und so eingerichtet ist würde es die Bewohner widerspiegeln. Wobei man gleichzeitig dazu sagen muss: das klingt nach unheimlicher Individualisierung. Das ist es ja nicht."

Stünde das Wohnzimmer im Freien, hätten wir heute kein Problem, und ganz ohne Wände und Tapeten könnte jedermann gut feststellen, dass sich Einrichtungen eigentlich gleichen.

Lediglich Geschmack und Geldbeutel bestimmen die Feinheiten. Heute, zurückgeworfen auf die häusliche Stube mit Kind und Kegel, kann es zu empfindlichen Störungen kommen. Das ist nicht lustig. Irene Nierhaus warnt gerade jetzt vor zunehmender häuslicher Gewalt.

Die größte Veränderung des Wohnzimmers brachte übrigens das "Lagerfeuer der Moderne", das Fernsehen. Der Raum wurde um das neue Möbel herum konzipiert. Und das Lagerfeuer ist der Brennpunkt. Gerade heute.

Irene Nierhaus, Kunsthistorikerin
"Ich glaube, das Wohnzimmer ist immer der Ort der Medien gewesen, was immer diese Medien waren. Also zum Beispiel die Zeitschriften, die Illustrierten, die 'Gartenlaube', die Familienzeitschrift des 19. Jahrhunderts. Und es wurde vorgelesen und dann hat das sicher im Wohnzimmer stattgefunden."

"Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen," wusste schon der französische Philosoph Blaise Pascal. Zu seiner Zeit gab es noch keine Wohnzimmer, wie wir sie kennen und nicht die Möglichkeiten, uns sinnvoll die Zeit zu vertreiben. Also: Urlaubsfotos sortieren, Bude putzen, Steuererklärung machen und danach: Abwarten und Tee trinken.

Irene Nierhaus, Kunsthistorikerin
"Stellen sie sich vor, wir hätten jetzt einen anderen Virus, in dem wir nur maximal eine Stunde am Tag in einer Wohnung verbringen dürften, sonst sollten wir alle in der Öffentlichkeit sein. Das könnte man sich ja mal imaginieren, was das ist.“

Autor: Hans-Michael Marten

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