Holger Klotzbach sieht im Tipi am Kanzleramt in der Corona-Zwangspause nach dem Rechten. (Bild: rbb)
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- Ein Tag im Tipi im Kanzleramt

Holger Klotzbach erfand vor 25 Jahren die "Bar jeder Vernunft", später das "Tipi am Kanzleramt". Zwei Privatbühnen, die normalerweise mit Kleinkunstprogrammen verzaubern.  

Einmal die Woche kommt Holger Klotzbach zum Tipi am Kanzleramt, um nach dem Rechten zu sehen. Vor 17 Jahren hat er dieses private Theater gegründet.

Das Theater bekommt keine Subventionen, finanziert sich selbst und muss jetzt geschlossen bleiben – mindestens bis Ende Juli.   

Holger Klotzbach, Gründer
"Wir warten eigentlich täglich auf Entscheidungen vom Senat, weil unsere Eigenmittel Ende Juni aufgebraucht sein werden. Ab da brauchen wir Unterstützung, um zu überleben. So einfach ist das.
"

Holger Klotzbach hat diese Bühne aus dem Nichts aufgebaut und sieht jetzt sein Lebenswerk in Gefahr. Der Senat hat zwar ein Hilfspaket geschnürt, doch welches Theater wann wie viel Geld bekommt, ist ungewiss. Ein Kredit kommt für ihn nicht in Frage. Er würde die Pleite nicht verhindern, nur aufschieben.   

Holger Klotzbach, Gründer
"Die Stimmung ist natürlich von Wehmut geprägt, weil auch das Schicksal sämtlicher Mitarbeiter mir ziemlich nah geht. Gerade die Leute, die im Service, also in der Gastronomie arbeiten, sind durchs Kurzarbeitergeld wirklich unter das Existenzminimum gebracht. Solange der Vorrat vom Betrieb aus reicht, geben wir Zuschüsse, damit die überhaupt ihre Miete bezahlen können."

Ein paar seiner Mitarbeiter kommen doch noch, kümmern sich um das Wenige, das noch zu tun ist. Die Kasse ist weiterhin besetzt. Wer vorbei kommt, wird beraten, Tickets können umgetauscht werden, es gibt Gutscheine.

Für die künstlerische Leiterin ist die Arbeit momentan besonders mühsam. Franziska Keßler versucht das Programm zu planen, abgesagte Shows zu verschieben. Ständig muss sie das Programm anpassen, an das, was von der Politik entschieden wird.

Franziska Keßler, künstlerische Leiterin
"Man plant ja nicht von heute auf in drei Monaten. Sondern man plant ein, anderthalb Jahre im Voraus. Das heißt die Zeit, in der wir es verschieben wollen würden, ist im Prinzip schon mit anderen Künstlern belegt. Es ist einfach ein Stochern im Nebel. Man weiß nicht, kann man Plan B, C oder D als sinnvoll empfinden und man versucht sie alle irgendwie trotzdem in der Tasche zu haben."

Holger Klotzbach fängt an, daran zu zweifeln, dass es in seinem Tipi wieder so voll wird wie vor Corona. Er hofft, dass es zumindest Anfang nächsten Jahres sicher weitergeht.

Holger Klotzbach, Gründer
"Die Töpfe werden bald leer sein. Man muss sehen, dass sie nicht endlos sind, wie sie es versprochen haben, der Altmaier vollmundig: 'Ja is' genug Geld da, is' kein Problem.' Das wird irgendwann ein Ende haben
."

Holger Klotzbach hat in seinem Leben zahlreiche Projekte verwirklicht, viel gewagt, auch mal Pleiten erlebt. Eigentlich ist er ein Optimist. Aber die jetzige Situation bringt auch ihn an seine Grenzen.

Holger Klotzbach, Gründer
"Ich hab die ganze letzte Nacht nicht geschlafen, weil ich gerechnet habe und mir Sachen durch den Kopf gegangen sind, ob wir auch Alternativen entwickeln könnten. Was aber hier sehr schwer ist. Wir können keine Open-Air-Konzerte machen, dann würde die Kanzlerin unmutig da oben. Die hört uns auch so ab und zu, wenn wir laute Sachen haben. Aber das wäre dann zu viel. Und wir können keine Außengastronomie machen. Das geht nicht. Da sind unserer Kreativität einfach räumliche Grenzen gesetzt."

In der Zwischenzeit hofft Holger Klotzbach, dass sich die Politik entscheidet und er weiß, ob und wenn ja wieviel Hilfe er bekommt.

Autorin: Lilli Klinger

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