Die Direktorin des Georg-Kolbe-Museums Julia Wallner stöbert in dem neuen Nachlass der Enkelin des Künstlers. (Bild: rbb)
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- Neuer Nachlass für das Kolbe-Museum

Im Georg-Kolbe-Museum freut man sich über einen Schatz: 108 Umzugskartons mit Briefen, Tagebüchern, Fotoalben und Skizzen aus dem Nachlass von Kolbes Enkelin.

Äußerlich liegt es ganz ruhig da, das Georg Kolbe Museum. Dabei ist innen eigentlich reine, wenn auch stille, Euphorie angesagt, Museumsdirektorin Julia Wallner ist seit Kurzem im eigenen Haus auf Entdeckertour.

Julia Wallner, Direktorin Georg Kolbe Museum
"Uns gefallen die alten Künstlerkisten. Das ist ein Spatel, das ist eher malerisches als bildhauerisches Werkzeug. Kolbe war ein Multitalent. Er hat sowohl gemalt als auch gezeichnet. Das ist eine Arbeit, die er in Istanbul während des ersten Weltkrieges gemacht hat. Da war er stationiert und hat da auch gearbeitet. Das ist dieser schöne Torso. Das ist ein Tonmodell, wir haben ganz wenig Tonmodelle im Museum."

Dass auch ein paar Statuetten von Georg Kolbe aufgetaucht sind, ist für die Fachfrau sogar weniger interessant als manch anderer Fund. 108 Umzugskisten aus Kanada – der Enkelin Georg Kolbes, Maria von Tiesenhausen, sanft beharrlich abgerungen.

Julia Wallner, Direktorin Georg Kolbe Museum
"Wir haben vor sieben Jahren Kontakt aufgenommen, dann haben wir angefangen uns zu schreiben. Am Anfang war sie sehr zögerlich. Dann war mein erster, wirklich sehr seltsamer Besuch in Kanada, wo wir viel Zeit in ihrem Auto verbracht haben. Sie war eine leidenschaftliche Autofahrerin. Wir haben dann Ausflüge gemacht und haben uns sehr viel unterhalten und so war das ein schrittweises Annähern."

Der Besuch bei der alten Dame – der Nachlass ist der Lohn.

Julia Wallner, Direktorin Georg Kolbe Museum
"Bei diesen Zeichnungen ist uns sofort das Herz aufgegangen, weil das was vom Schönsten ist, was vom Werk überhaupt erhalten ist und weil wir damit nicht rechnen konnten.

Das ist eine Tänzerin, die wir auch schon von anderen Zeichnungen kennen, immer an ihrem Stirnband gut erkennbar. Das sind Zeichnungen aus den 1920er Jahren. Das ist auch eine sehr schöne Aktzeichnung von einer jungen Frau, die in einer ganz künstlerischen Pose festgehalten ist."

Sich zu orientieren kann bei dieser Masse manchmal noch einen Moment dauern. Viele Briefe sind erhalten. Künstlerkorrespondenz. Expressionistengrüße aus dem Urlaub.

Julia Wallner, Direktorin Georg Kolbe Museum
"Das ist ein Brief von Max Pechstein an Georg Kolbe, die beiden waren befreundet, kannten sich aus Brücke-Zeiten. Diese Kombination von Brief und Zeichnung ist doch zum einen etwas außerordentlich Reizvolles und zum anderen auch in der Tat ein sehr schönes, wertvolles Dokument."

Notizbücher aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs – nach einem Bombenangriff notiert Kolbe: ohne Strom. Vielleicht finden sich auch neue Erkenntnisse zu Kolbes Haltung zum Nationalsozialismus. Mit wem hatte er Kontakt? Als Künstler hat er durchaus zu tun - doch zu seinem jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim zum Beispiel versucht er so lange wie möglich die Verbindung zu halten, auch als dieser emigriert.

Julia Wallner, Direktorin Georg Kolbe Museum
"Wie weit war es für Flechtheim möglich, auch nach der Emigration noch Kontakt aufzunehmen? Bestimmte Dinge weiterhin zu besprechen? Weiter auch in Kontakt zu stehen? Wir erhoffen uns historisch ganz neue Erkenntnisse aus diesen Korrespondenzen."

Und dann ist da viel Privates: Kolbes große Liebe und Ehefrau Benjamine. Fotos von Wanderungen in der Schweiz.

Julia Wallner, Direktorin Georg Kolbe Museum
"Bisher waren die Aufnahmen oft im weißen Kittel bei der Arbeit, repräsentativ. Was wir jetzt aber sehen ist ein ganz anderer Mensch. In seiner familiären Umgebung, bei Reisen, auf eine ganz andere Art von den Dingen umgeben, die ihm wichtig waren neben der Kunst."

Auch die Enkelin Maria begegnet uns wieder – Atelierbesuch bei Opa. Die Entdeckungstour in diesem sensationellen Nachlass, sie hat gerade erst begonnen.

Autor: Steffen Prell

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