Michael Kröchert, Autor des Buches "Autobahn", an einem Autobahnrastplatz (Bild: rbb)
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- Die Kultur der Autobahn

Michael Kröchert fährt absichtlich in Staus und Autobahn-Rastplätze. Der Mythos "Autobahn" lebt trotz ökologischem Umdenken weiter, sagt er in seinem gleichnamigen Buch.

Es gibt schönere Orte um den Blick schweifen zu lassen als eine Autobahn. Ein lauter, ruheloser Unort. Wer sie nutzt, will sie möglichst schnell wieder verlassen. Aber Michael Kröchert hat ein besonderes Verhältnis zu Autobahnen. Als Teenager in Hildesheim - da waren sie noch eine Verheißung.

Michael Kröchert, Schriftsteller
"Die Autobahn war für mich in meiner Jugend sehr wichtig, weil ich sehr viel getrampt bin. In Deutschland, in Europa. Es war ein großes Freiheitsgefühl für mich, zur Autobahn-Raststätte zu gehen, loszutrampen, Fremden zu begegnen."

Die Autobahn – das war mal das Heilsversprechen in Sachen Mobilität. Doch was ist aus ihr geworden?

Michael Kröchert wollte wissen wie das Leben an, auf und mit der Autobahn ist. Ein Jahr lang ist er durch Deutschland gefahren und getrampt – hat seine Begegnungen in Reportagen zusammengefasst. Als Fernfahrer zum Beispiel steht man heute per GPS unter Dauerkontrolle – von wegen schöne weite Welt.

Uwe Gottwald, Fernfahrer
"Früher war es wirklich schöner. Das ist jetzt alles termingebunden, mehr Stress. Gleich nach der Wende, wo ich angefangen habe, wo ich vorwiegend Italien gefahren war, das war wie Urlaub. Da habe ich die Frau mitgenommen, drei Wochen lang. Da konnten wir in Venedig eine Gondelfahrt machen, soviel Zeit hatten wir. Das geht heut nicht mehr, das ist klar."

Michael Kröchert, Schriftsteller
"Jeder sitzt in seiner Kabine, in seinem Auto. Die Trucker sitzen allein in ihren Trucks, das ist keine Freiheit und mit dieser Unfreiheit kommt auch Einsamkeit. Auf den Reisen, die ich unternommen habe, habe ich auch diesem Gefühl hinterhergesucht. Gibt es noch Freiheit, gibt es noch Poesie, noch Aufbruch?"

Mit Musik von Johann Sebastian Bach über die nächtliche Autobahn – das ist Michael Kröcherts Soundtrack für poetische Momente. Vor allem bei Tageslicht aber zeigt sich die irdische Marter – es ist etwas gewaltig schief gelaufen.

Michael Kröchert, Schriftsteller
"Autobahn steht eigentlich für komplett verfehlte Verkehrspolitik, ein fehlgeleitetes Lebenskonzept. Wir sind so abhängig vom Auto. Es gibt solche Massenbewegungen des Pendelns aus den Metropolen in die Umgebung der Metropolen. Und die allermeisten Pendler sind nicht glücklich damit."

Für sein Buch hat er Trucker und Tramper, Polizisten und Anrainer getroffen. Auf seinen Fahrten hat er auch Autobahnkirchen besucht, Orte für einen Moment der Stille, Einkehr to go, sozusagen. Und in der Not finden hier auch mal die Gestrandeten der großen Mobilität Zuflucht.

Hartmut Müller, Kirchenwart
"Ich kam um sechs Uhr hierher und wollte die Kirche abschließen. Da sind die auf dem Parkplatz rumgelaufen. Ich habe gefragt was los ist. 'Wir haben eine Autopanne.' Die haben mich gefragt, ob es hier irgendwo eine Gaststätte gibt. Hier gibt es nüscht. Ich habe denen Angeboten hier die vier Stunden zu verbringen."

In den sogenannten Anliegenbüchern wird es ein paar Meter neben der Autobahn auf einmal zutiefst menschlich.

Wer weiß schon, was im Wagen vor oder hinter einem los ist? Kleine menschliche Momente, wer hätte sie an der Autobahn vermutet. Überhaupt ist Michael Kröcherts Bilanz überraschend positiv.

Michael Kröchert, Schriftsteller
"Ich bin vielen Menschen begegnet, die sehr offen sind. Wo ich das Gefühl hatte, die haben nur darauf gewartet jemanden zu treffen, dem sie ihre Geschichten erzählen können."

Michael Kröchert zeigt uns die Autobahn als Lebensraum - unwirtlich und rastlos, aber voller berührender Geschichten.

Autor: Steffen Prell

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