Kiezspaziergang Karlshorst (Bild: rbb)
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- Kiezspaziergang durch Karlshorst

1945 wurde Karlshorst zum Sitz der sowjetischen Armee, später durften nur stramm systemtreue DDRler die Villen beziehen. 

Eine Verabredung zum Kiezspaziergang, das klingt so gemütlich. Aber wenn man mit Sebastian Gerhardt in Karlshorst unterwegs ist, dann geht es nicht um Berliner Drehorgelromantik. Stattdessen ließe sich hier eine Kulturgeschichte des Zauns erzählen. Heute sind sie integraler Bestandteil der schmucken Karlshorster Eigenheime. Früher gehörte das Abgrenzen zum hiesigen Militärstandort dazu.

Sebastian Gerhardt, Bildungsreferent
"Anfang Mai 1945 werden die Deutschen komplett aufgefordert sich aus Karlshorst wegzubewegen. Das ganze hier wird sowjetisches Militärstädtchen. Das hier ist sehr viel später gebaut worden, in den 1960er Jahren. Auch Deutsche ziehen wieder in das Stadtviertel hinein. Das ist ein hin und her, das ist nicht klar geregelt. Aber das hier ist eine echte sowjetische Kasernenmauer, dahinter war Kaserne und hier war für Deutsche normalerweise Schluss."

Was hinter diesen Mauern los war? Lange durfte niemand dorthin. 1990, als erstmals westdeutsche Presse Zugang erhält zeigt sich: naja, was man beim Militär halt so macht. Und heute? Die Mauer muss weg.

Ali Esh, Kfz-Händler
"Es wird hier gebaut. Die Mauer wird abgerissen. Das wird alles komplett abgerissen. Und Karlshorst ist richtig teuer geworden."

Ein paar Meter weiter wartet einer der letzten Karlshorster Abenteuerspielplätze. Garagen der DDR-Grenztruppen.

Sebastian Gerhardt, Bildungsreferent
"Das wird alles abgerissen. Hier kommt ein Neubauprojekt hin. Aber an den 'Rauchen verboten'-Schildern kann man erkennen, dass es hier mal eine intensive technische Nutzung gegeben hat."

Auch im Jahre 31 nach dem Mauerfall findet sich immer noch was. Wobei das hier eigentlich kein Ort für Grammatikunterricht war. 

Da würde sich meine Russischlehrerin aber freuen. Arbeiten, tragen, sprechen und lesen. Dawai, dawai, rabota, DDR. Offenbar wollte keiner mehr Russisch lernen. Deshalb ist es hier geblieben.

Kasernen kucken – das, sagt Sebastian Gerhardt, hat man eigentlich eher in den Neunzigern gemacht. So geht’s vorbei an Ein-Familien.

Häuschen im Stil unserer Tage zum Bunker gucken. Typ M500 für 500 Personen - in der Nazizeit stand er auf Wehrmachtsgelände.

Sebastian Gerhardt, Bildungsreferent
"Dieser Teil, dieser Bunker, war auch zugänglich für normale Karlshorster, Zivilisten während des Krieges, die konnten dann während Luftangriffen durchaus hierherkommen. Und waren damit in einer günstigen Lage, die allermeisten Berliner hatten keinen Platz in einem echten Bunker."

Nach dem Krieg steht der Bunker auf sowjetischem Kasernengelände und inzwischen ist er, typisch Neu-Karlshorst – von Häuschen umgeben. Gebäude der einstigen Wehrmachtspionierschule – auch dort hat man es sich gemütlich gemacht. Hier war einmal die KGB-Zentrale in der DDR und am 17. Juni 1953, als der SED die Kontrolle über die Volksgenossen entgleitet, wird Walter Ulbricht hier von russischen Offizieren, sagen wir mal, zur Seite genommen.

Sie haben die Führung der SED, das Politbüro, hier nach Karlshorst geschafft, damit sie die Genossen beschützen können und gleichzeitig unter Kontrolle haben. Beides. Und die werden dann hier nach Karlshorst verschafft. Und haben auch erst einmal nicht viel zu sagen.

Karlshorst – das Land der Eigenheime auf einstigem Kasernengelände. Um noch einmal auf die Mauer vom Anfang zurückzukommen...

Sebastian Gerhardt, Bildungsreferent
"…dass Militärgeschichte wegkommt, da bin ich jetzt nicht so todtraurig. Also, wer einmal beim Militär war, der wünscht sich sowas eher nicht wieder."

Autor: Steffen Prell

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