Hannah Arendt (Bild: Deutsches Historisches Museum)
Deutsches Historisches Museum
Bild: Deutsches Historisches Museum

Interview mit Monika Boll und Raphael Gross - Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert

Unter diesem Namen zeigt eine Ausstellung, wie relevant die Themen der Philosophin immernoch sind: Totalitarismus, Antisemitismus, Zionismus, Feminismus und und und.

Die Denkerin war eine Raucherin – das eine ging einfach nicht ohne das Andere.

Ob Antisemitismus, Nationalsozialismus, Flucht oder die 68er – Hannah Arendt hatte immer ein Urteil parat. Geradezu genüsslich eigensinnig – Sie scherte sich wenig um Konventionen oder Ideologien. "Denken ohne Geländer" – nannte sie das.

Monika Boll, Kuratorin
"Hannah Arendt folgt keiner Denkschule, sie folgt in ihren Urteilen keinem Programm, keiner Partei, keiner Tradition. Das heißt, es ist unheimlich schwer das einzuordnen. War sie eine Linke, war sie eine Konservative, war sie eine Liberale, man findet all diese Elemente in ihren Urteilen."

Raphael Gross, Präsident DHM
"Sie ist in dem Sinne streitbar, dass sie als Teil ihres Denkens immer den Mut fordert zu urteilen. Insofern hat sie etwas Programmatisches für unsere Zeit, für die Arbeit unseres Hauses des deutschen Historischen Museums. Wir sind immer wieder in einer Situation, die ganz neue Herausforderungen bedeutet und wir wissen nicht, wie es weitergeht."

Tatsächlich wusste sie das in ihrem Leben häufig auch nicht. Als Jüdin floh sie 1933 vor den Nazis – erst nach Frankreich dann in die USA. Eingebürgert wurde sie nach 14 Jahren Staatenlosigkeit. Sie war ein Flüchtling. Ihre Heimat waren ihre Freunde.

Monika Boll, Kuratorin
"Hier sieht man eine Minox Kamera, die auch bekannt ist als Spionagekamera. Hannah Arendt hat die sich 1961 selber gekauft und ist ab dem Moment zur Hobbyfotografin geworden. Das alles sind liebevolle Porträts von Freunden und Verwandten und sie hat zum Beispiel auch ihren Freund Karls Jaspers fotografiert und ihren ehemaligen Geliebten Martin Heidegger. Freundschaften bedeuteten für sie, ein Netz, was sie gespannt hatte über ihre Erfahrungen von Exil und Verfolgung."

Ganz zentral in der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, weil auch im Denken von Hannah Arendt ist: Auschwitz. Das Modell hat der polnische Bildhauer Stobierski entworfen.

Im einzigen Fernsehinterview erzählt Arendt, wie sie zum ersten Mal von dem Vernichtungslager erfahren hat:

Hannah Arendt
"Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Weil man irgendwie die Vorstellung gehabt hat, alles andere hätte irgendwie noch einmal gut gemacht werden können wie in der Politik immer alles irgendwie einmal wieder gut gemacht werden können muss. Dies nicht.

Dies hätte nie geschehen dürfen, wie ich immer sage."

Daraufhin schreibt sie ihr erstes großes Werk: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Sie prägt diesen Begriff.

Die wohl größte Kontroverse löst sie aus mit ihrem Buch: "Eichmann in Jerusalem – die Banalität des Bösen", als Journalistin verfolgt sie den Prozess gegen den SS-Mann, der die Deportationen und die Vernichtung der Juden organisierte.

Als überzeugungslosen Technokraten beschreibt sie ihn – dafür wird sie auch von Freunden kritisiert. Sie dagegen sagt: "Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen."

Das Pelzcap ist übrigens ein Geschenk – Hannah Arendts Großnichte hat es wie andere Gegenstände dem Museum überlassen. Die Denkerin trug alles öffentlich – auch wenn sie in einer Männerdomäne wirkte – so hatte sie immer ihren eigenen femininen Stil:

Raphael Gross, Präsident DHM
"Das berühmte Jackett der Kanzlerin Merkel ist ein privater Gegenstand. Irgendwann ist er aber vielleicht auch museal interessant, weil er eine bestimmte Form der Repräsentation von Politik und Macht zeigt. Sie zieht es wahrscheinlich nicht zufällig an, sondern überlegt sich das. Arendt ist vielleicht das große Vorbild."

Und noch etwas anderes gelingt mit dieser Ausstellung: Die jüdische Denkerin Hannah Arendt ist zurück in Berlin.

Autorin: Nathalie Daiber

weitere Themen der Sendung

Historiker Jürgen Luh (links) und Kunsthistorikerin Carolin Alff (rechts) betrachten eine Statue im Schloss Oranienburg. (Bild: rbb)
rbb

Auf den Spuren von Friedrich Wilhelm

Das Schlossmuseum im Schloss Oranienburg gibt zum Jubiläumsjahr einen neuen Zugang zu Friedrich Wilhelm und seinem Verhältnis zu seiner ersten Frau Luise Henriette von Oranien. 

Ein Orangenbaum im Schlosspark Oranienburg trägt Früchte. (Bild: rbb)
rbb

Der Schlosspark Oranienburg

Westlich des Schlosses ließ Luise Henriette von Oranien einen Lustgarten anlegen. Hier wurden die ersten Kartoffeln in der Mark Brandenburg gepflanzt.

Eine Gartendekoration im Garten des Ateliers Oranienwerk in Oranienburg dreht sich im Wind. (Bild: rbb)
rbb

Das Oranienwerk

Das Oranienwerk ist ein 100 Jahre alter Backsteinbau, ein "Lost Place". Kreative, Künstler und Handwerker nutzen ihn heute als Ateliers und Werkstätten.

Sängerin Mieze Katz und Schlagzeuger Gunnar Spies von der Band Mia an einer Graffiti-Wand im Mauerpark, Berlin (Bild: rbb)
rbb

Mias neues Album "Limbo"

Mia lieferte den beschwingten Soundtrack zum verliebten Tanz in den Nuller und Zehner Jahren. Sängerin Mieze Katz erzählt in Berlin vom neuen Album "Limbo".