Die filmische Arbeit "Mesubin" im Jüdischen Museum bringt Jüdinnen und Juden in Deutschland zu einem vielstimmigen, manchmal dissonanten Chor zusammen. (Bild: rbb)
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- Yael Reuveny "Mesubin"

Yael Reuveny filmische Arbeit "Mesubin" für das Jüdische Museum bringt Jüdinnen und Juden in Deutschland zu einem vielstimmigen, manchmal dissonanten Chor zusammen.

Yael Reuveny hat uns nach Hause eingeladen. Vor 15 Jahren ist sie von Israel nach Berlin gezogen: ein Sprung in die Freiheit.

Yael Reuveny, Regisseurin
(engl) "Das ist mein Palast. Ich wohne hier seit fünf Jahren – es ist meine siebente, achte oder zehnte Wohnung in Berlin."

Für die Eltern ist es ein Schock, als Yael Berlin ihr Zuhause nennt. Die Tochter im Land der Holocaust-Täter... Das war nur schwer zu ertragen.

Yael Reuveny, Regisseurin
(engl) "Sich in Berlin zu verlieben, heißt irgendwo zwischen David Bowie und Hitler zu schweben. Als ich nach Berlin kam, dachte ich: Okay die Stadt ist ein bisschen wie ich - Einerseits jung und hip, so wie ich vor 15 Jahren, andererseits wird sie von der Vergangenheit heimgesucht. Wer genau schaut, sieht und spürt es überall
."

Die Vergangenheit ihrer eigenen Familie macht Yael Reuveny gleich zum Thema ihres ersten Dokumentarfilms. Sie hat in Jerusalem Regie studiert und will die tragische Geschichte von ihrer Großmutter und deren Bruder erzählen. Sie haben als einzige aus der Familie den Holocaust überlebt. Sie zog nach Israel, er ging 1945 in das brandenburgische Dorf Schlieben, ausgerechnet dorthin, wo er als Häftling im Konzentrationslager war. Sie haben sich nie wiedergesehen. Warum nur? Eine Antwort hat Yael nicht gefunden.

Yael Reuveny, Regisseurin
(engl) "Durch den Film konnte ich mit der Geschichte abschließen, Frieden finden."

In ihrem neuen Film nimmt Yael Reuveny nun die eigene Generation in den Blick: Ihre Mitschüler aus der 1. Klasse. Sie ist 1980 in Petach Tikwa geboren, das "Bielefeld" Israels, sagt sie. Sie wollte ganz durchschnittliche Israelis porträtieren. Sie zeigt den Film im Schnelldurchlauf. Petach Tikwa – das heißt "Tor der Hoffnung".

Yael Reuveny, Regisseurin
(engl) "Das sind 32 jüdische Kinder, alle in Israel geboren. Hebräisch ist ihre Muttersprache, ihre einzige. Und sie haben alle diese neuen Namen. Wir sind ein Produkt von etwas – einer Ideologie."

Aufgewachsen ist sie mit dem Auftrag, Teil einer neuen Gesellschaft zu sein – nicht als Individuum, eher wie eine Biene im Bienenhaus, sagt Yael Reuveny. Wie sehr sie noch an Israel hängt, hat sie erst durch die Corona-Krise auf ihrem "Corona-Balkon" gemerkt – dem Mauerstreifen in Mitte.

Yael Reuveny, Regisseurin
(engl) "Mir ist bewusst geworden, wie sehr mein Leben von dieser grenzenlos offenen Billigflug-Realität abhängt. Jetzt plötzlich kann ich nicht mehr nach Israel, selbst wenn ich wollte oder es einen Notfall gäbe. Ein sehr seltsames Gefühl."

Heute ist Yael Reuveny noch im Jüdischen Museum verabredet. Mit ihrem Kollegen, mit dem sie diese Videoinstallation gemacht hat: Die Frage: Jüdisches Leben in Deutschland – was ist das? Die Erkenntnis: alles sehr kompliziert.

Kein Klischee stimmt: Ein orthodoxer Junge mit besonderem Berufswunsch – er will Ninja werden.

Yael Reuveny, Regisseurin
(engl) "Mir ist jetzt klar, wie viel Glück ich hatte, dass ich ganz selbstverständlich jüdisch aufgewachsen bin, als Teil einer nationalen Identität."

Das einzige, was Yael Reuveny gefunden hat, was all diese Menschen wirklich gemeinsam haben, ist dieses Lied, das an Pessach mit der Familie gesungen wird:

Yael Reuveny, Regisseruin
(engl) "Es ist wirklich lustig, weil sie sich wirklich so anhören wie meine Familie an Pessach klingt: Sie haben nie denselben Rhythmus und mein Opa singt immer voraus."

Diesem Chor, der so vielstimmig ist, und in dem sie sich selbst so gut wiederfinden kann, hat Yael Reuveny hier eine eindrucksvolle Bühne gebaut.

Autorin: Petra Dorrmann

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