Irene Moessinger vor dem Tempodrom (Quelle: rbb)
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- Irene Moessinger: "Berlin liegt am Meer"

"Krankenschwester eröffnet mit Erbschaft einen Zirkus" titelten in den 80er Jahren die Berliner Zeitungen. Gemeint war Irene Moessinger, die das legendäre Tempodrom in Berlin gründete - ein kreativer Ort für Off-Kultur.  

Irene Moessinger ist eine Frau, der man gerne folgt. Hier in Märkisch-Oderland arbeitet sie heute als erfolgreiche Reittherapeutin. Pferde waren schon immer Teil ihres Lebens.

Irene Moessinger, Gründerin des Tempodrom
"Also, die wäre ein tolles Zirkuspferd geworden."

Über den Zirkus in ihrem Leben wurde schon viel gesagt. 1980 wagte sie etwas Ungeheuerliches. Sie steckt ihr Privatvermögen in ein Zelt: das Tempodrom. Damals im Niemandsland am Potsdamer Platz. Weltstars und Off-Kultur bestimmen Irene Moessingers Leben.

Irene Moessinger, Gründerin des Tempodrom 
"Das ist wirklich noch Tempodrom vom alten Zelt. Und dann war es schon drauf und dran weggeschmissen zu werden. Und dann habe ich gesagt: 'Nein, dass kommt hier hoch.' Da war ja auch der Wohnwagen, da hat es auch durchgeregnet. Das hatte also einen Sinn."

Was reitet eine Frau, ein solches Abenteuer einzugehen? Welcher Geist lenkt sie und wie konnte sie es überhaupt schaffen? Fragen, die Irene Moessinger in ihrer spannenden Biografie selbst beantwortet.  Eine Reise durch ihr unkonventionelles Leben, deren Kindheit geprägt ist von starken Frauen. Links ihre Mutter, Magarete Gräfin zu Lynar.

Irene Moessinger, Gründerin des Tempodrom
"Meine Mutter war das Gegenbild einer Spießerin. Sie hat uns eine Form von Freiheit mitgegeben und auch meine Großmutter, wo ich heute noch draus schöpfe."

In den 50er Jahren trennt sich die Mutter von ihrem untreuen Ehemann und geht mit den Töchtern nach Spanien. Eine Kindheit am Strand, eine Gemeinschaft von Freidenkern und Künstlern. Bis der Vater darauf besteht, dass die Mädchen auf ein deutsches Gymnasium kommen.

Irene Moessinger, Gründerin des Tempodrom
"Das war eine lange Suche und das war ja so hart, dass sie sich in Deutschland noch einmal eine Heimat aufbaut, auch für ihre Kinder."

Auf einen freien Blick kommt es an, lernt Irene von ihrer Mutter. Darauf im Leben die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Als junge Frau zieht es Moessinger dorthin, wo sie Gleichgesinnte trifft. In Berlin gehört sie zu den Besetzerinnen des ersten Hauses, das Kreuzberger Rauchhaus.

Irene Moessinger, Gründerin des Tempodrom

"Ich war immer Teil von etwas, das größer war als ich, wo Konsens dazugehört. Und ich finde dieses Ausprobieren und Experimentieren, wie man Dinge umsetzt, wie ist man kreativ, wie geht man miteinander um, wie ist die Kommunikation - das ist für mich wichtig, ganz wichtig."

"Das ist schon Rauchhaus. Das ist bei der TU. Das ist Rio Reiser über mir, und ich sitze direkt da drunter und er singt."

Irene wird Krankenschwester. Dann kommt plötzlich das Erbe ihres Vaters, überraschend hoch: 800.000 DM.

Irene Moessinger, Gründerin des Tempodrom
"Das war ein totaler Schock, weil wir haben ja nicht bei meinem Vater gelebt und wir wussten nicht, dass da so viel Geld ist. Heute könntest Du Dir grade mal eine 3-Zimmer Wohnung davon kaufen. Und ich habe das auch erst gar nicht angerührt."

Nach sieben Jahren erfüllt Irene sich einen Traum. Schillernde Zirkusdirektorin, hier mit Schwein. Das Tempodrom - mehr als ein Zirkus, eine Gemeinschaft von Freunden.

Irene Moessinger, Gründerin des Tempodrom  
"Es war ja auch ein ganz bizarrer Ort eigentlich. Eine Wüste mitten in der Stadt und plötzlich dieses Zelt da in der Mitte. Wenn es trocken war, war es wie in der Sahara, weil so viel Sand aufkam, und wenn es geregnet hat, war sofort wie eine große Pfütze überall und dann hatten wir diesen Elefant - und wenn ich das hier seh: Teenage Jesus, kommt ja auch im Buch vor, das war mit eines der ersten Mauer-Graffitis, die es gab."

2001 zieht das Tempodrom in ein Gebäude aus Stein und Glas. Die Gemeinschaft und die Freiheit ziehen nicht mit. 2005 steigt sie aus.

Irene Moessinger, Gründerin des Tempodrom
"Es ist Wehmut dabei, es ist natürlich auch ein großer Verlust gewesen und Trauer. Und gleichzeitig ist es ja so, dass es mir gar nicht genommen werden kann, was ich bisher gemacht habe. Aber ich wünsche allen viel Glück und ich komme auch gern wieder her."


Ihre Autobiografie "Berlin liegt am Meer" ist nicht nur eindringlich erzählt. Sie wirft einen sehr persönlichen Blick auf ein verloren gegangenes Stück Berlin.


Autorin: Charlotte Pollex

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