Ex-Polizist Harold Selowski und Autorin Nathalie Boegel in der Polizeihistorischen Sammlung (Quelle: rbb)
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- "Berlin - Hauptstadt des Verbrechens"

Für ihr Buch "Berlin - Hauptstadt des Verbrechens" hat Autorin Nathalie Boegel die spannendsten echten Kriminalfälle aus dem Berlin der 20er Jahre recherchiert. Für "rbb Kultur Das_Magazin" kehrt sie an die Orte der Taten zurück und berichtet von Mördern und Bankräubern.  

Die Rote Burg in den 20ern. Hier wurden sie aufgeklärt, die Fälle der Weimarer Republik. Leichen, Mord - die Verbrechen der Goldenen 20er sind zur Leidenschaft geworden für Autorin Nathalie Boegel. Sie kommt aus Hamburg mit dem Zug, wie so oft in den letzten eineinhalb Jahren - auf Spurensuche.

Nathalie Boegel, Autorin
"Berlin war ja damals in der Weimarer Republik die spannendste Stadt der Welt, kulturell, was Filme angeht, was die Mode angeht, und Berlin lag aber leider auch weit vorne was die Verbrechen angeht."

Diese Kriminalfälle beschreibt sie in ihrem Buch und auch die Besonderheit dieser Zwischenkriegsjahre. Wie die Inflation dazu führt, dass Geld nichts wert ist, dazu Arbeitslosigkeit, traumatisierte Kriegsrückkehrer, verarmte Familien.

Und  auf der anderen Seite das sündige Abenteuer, Revuen, die Erleichterung Vieler, den Krieg überstanden zu haben. Eine intensive Zeit, die Nathalie Boegel neugierig macht.

Sie will die Originalschauplätze sehen. Wir begleiten sie auf der Suche nach einem Tatort in Schöneberg, wo 1932 eine alte Dame ermordet wurde. Und tatsächlich das Wohnhaus von damals steht noch.

Ein brutaler Raubmord: das Ersparte der Familie lag in dieser Schublade. Bei der Ermittlung rückt Charlotte Kleber in den Fokus; Bardame im legendären "Kakadu" und Ex-Freundin des Sohnes.

Nathalie Boegel, Autorin
"Die Mutter Auguste Könicke, das spätere Mordopfer, war aber nie begeistert von dieser Beziehung, sie hat gesagt, das ist eine liederliche Person, und der Sohn hat später bei der Zeugenvernehmung angegeben, dass das wohl auch der Grund für die Trennung von dieser Freundin gewesen sei, das ständige Genörgel der Mutter ihn auch dazu bewogen hatte sich von dieser Charlotte, genannt Lotte, zu trennen."

Charlotte Kleber hat dem späteren Mörder verraten, dass es bei der Familie etwas zu holen gab. Er war schwer verschuldet. Bei der Aufklärung half dann die neu eingeführte Spurensicherung, einschließlich Gebiss der Toten. Die Berliner Polizei ist damals hoch modern, dank ihm: Kommissar Ernst Gennat. Er erfand das Ermittlungsauto, führte akribische Fallbeschreibungen und systematische Aktenführung ein. Die hohe Aufklärungsrate beim Mord macht ihn weltberühmt.

Nathalie Boegel kehrt zurück in die Polizeihistorische Sammlung. Wiedersehen mit Harold Selowski. Der ehemalige Polizist hat ihr erzählt, was Ernst Gennat so erfolgreich machte.

Harold Selowski, Polizeihistoriker
"Ein ungeheuer gutes Gedächtnis und er war psychologisch auch begabt, denn wenn er jetzt Beschuldigte vernahm oder Straftäter vernahm, dann – ach Jungsche, er war so gemütlich, nun sag doch mal, dann hat er immer seine Zigarre geraucht, was war denn da gewesen und so... Also, er lullte die Leute etwas ein, wirkte teilweise sogar etwas schläfrig."

Nathalie Boegel hat sich oft festgelesen in den alten Akten, erzählt sie uns. Zum Beispiel beim Fall dieser beiden legendären Tresorknacker.

Nathalie Boegel, Autorin
"Faszinierend bei den Sass-Brüdern ist ja, aus welcher elenden Kindheit und Jugend - das waren ja insgesamt fünf Brüder - sie gekommen sind. Und dass sie bestimmt davon geträumt haben, ach wäre es nicht toll, wenn es uns irgendwann einmal richtig gut geht."

Ihr größter Coup gelang dank des U-Bahn-Baus am Wittenbergplatz: Einbruch in diese Bank.

Nathalie Boegel, Autorin
"Es gab also einen wahnsinnigen Baulärm. Und diesen Lärm haben die Gebrüder Sass ausgenutzt, weil sie ja ihrerseits auch einen Tunnel gegraben haben. Die haben sich aus dem einen Gebäude rausgebuddelt, unter dem Gehweg durch, zum nächsten Gebäude, das war die Bank. Und dass muss ungefähr fünf Meter da in diese Richtung gewesen sein. Auch ungefähr in der Tiefe."

Für Nathalie Boegel hat sich die Erkundungstour gelohnt.

Nathalie Boegel, Autorin
"Das finde ich schon sehr spannend, ich habe ja die ganzen Polizeizeichnungen gesehen, und das wird dadurch so lebendig, wenn man das dann wirklich sieht und die Gebäude tatsächlich noch da stehen."

Die Verbrechen der Hauptstadt - unterhaltsam eingebettet in eine bewegte Zeit.


Autorin: Katja Deiß

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