André Herzberg in einem Imbiss in Berlin (Quelle: rbb)
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- André Herzberg: "Was aus uns geworden ist"

André Herzberg hat an diesem 9. November ein neues Album und einen Roman veröffentlicht. Für den ehemaligen Frontmann der Ost-Berliner Band "Pankow" ist der "Schicksalstag der Deutschen" ein Datum, dass sein Leben geprägt hat.

Wir sind mit André Herzberg in der Kastanienallee verabredet. Der legendäre Frontmann der DDR-Band "Pankow" hat sein neues Buch und seine neue CD mitgebracht. Im israelischen Imbiss "Sababa" trifft er auf Zeev, den Besitzer, der seit etwa zehn Jahren hier lebt.

André Herzberg, Musiker und Schriftsteller
"Ich habe gehört, Sie haben eine Bibliothek."

Zeev, "Sababa"-Betreiber

"Ja, wir haben hier so ein Regal in Hebräisch und Deutsch."

André Herzberg, Musiker und Schriftsteller
"Mein Buch, es geht über Juden in Ostdeutschland, in der ehemaligen DDR."

Zeev, "Sababa"-Betreiber 
"Es kommt jetzt raus?"

André Herzberg, Musiker und Schriftsteller  
"Ja, am 9. November."

Zeev, "Sababa"-Betreiber
"Achso, ja. Der 9. November ist ein starker Tag in Deutschland."

André Herzberg, Musiker und Schriftsteller  
"Für mich jedenfalls. Für Sie wahrscheinlich nicht."

Zeev, "Sababa"-Betreiber  
"Ich denke, es ist für jeden jüdischen Menschen wichtig. Wir sagen Abdolach-Nacht auf Hebräisch: Abdolach heißt Kristall."

Die Pogromnacht am 9. November 1938, für Herzbergs Mutter ist sie der Warnruf, Berlin zu verlassen. Mit 17 flieht sie ins Londoner Exil. In seinem Roman umkreist André Herzberg die Frage nach seiner jüdischen Identität in vielen persönlichen Episoden.

André Herzberg, Musiker und Schriftsteller  
"Mein ganzes Leben ist schwer geprägt von meinen Eltern und eben von meiner Mutter. Sie spielt in diesem Roman eine zentrale Rolle. Eine Frau, die auf der einen Seite eindeutig jüdisch ist, wenngleich sie auch immer damit gehadert hat. Und darum geht es in dem Roman, um Juden, die ihre eigene Identität unterdrücken."

Nach der Rückkehr aus dem Exil glaubt Herzbergs Mutter als überzeugte Kommunistin an eine glanzvolle Zukunft in Ostberlin. Doch auch in der DDR sind Juden Außenseiter.

André Herzberg, Musiker und Schriftsteller 
"Das ist in der heutigen Danziger Straße. Dort gab es den einzigen koscheren Laden. Eigentlich eine Fleischerei, wie man hier noch sieht. Da sind wir hingefahren. Und dann gab es da nicht viel, wie meistens in den Läden. Da hing dann eine blasse, koschere Wurst am Fleischerhaken."

Auch auf seiner CD, die mit dem Roman zusammen herauskommt, geht Herzberg den Emotionen nach, die die Familiengeschichte bis heute in ihm auslöst. Poetisch erzählt er in seinen Songs von seiner nie endenden Identitätssuche.

Hier in der Schönhauser Allee muss seine Mutter vor dem Krieg gelebt haben - zusammen mit der Großmutter, die von den Nazis umgebracht wurde.

André Herzberg, Musiker und Schriftsteller
"So genau weiß ich es nicht. Ich habe mich auch gescheut. Ich bin mit meiner Mutter nie wieder hergegangen. Wir sind hier nicht hergegangen. Das war für meine Mutter unmöglich."

Bei aller Melancholie, von der Roman und Musik geprägt sind, Herzberg pflegt die jüdische Tradition mit seiner Familie gern. Er hat gelernt, mit Antisemitismus gelassen umzugehen. Er kennt ihn von klein auf, aber schaut lieber auf die hoffnungsvollen Dinge.

André Herzberg, Musiker und Schriftsteller
"Also, gerade der Blick auf die Kinder ist das, was es erhellt. So was wie Schabbat oder die großen jüdischen Feste, die wir begehen und was sehr Schönes ist und was für die Kinder schon so gemacht ist. Und es gibt ganz viele Lieder."

Seine neuen Lieder spielt André Herzberg nächste Woche in einem Konzert. Genau wie Roman und CD sollte man es nicht entgehen lassen.


Autor: Norbert Kron

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