Der Historiker Mark Jones im rbb-Interview (Quelle: rbb)
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- Erst Jubel, dann Gewalt: Die Novemberrevolution 1918

Zum 100. Jahrestag der Novemberrevolution 1918 wird in Berlin an die historischen Ereignisse erinnert, die mit der Revolution begannen und zur ersten deutschen Demokratie führten - in einer Zeit voller Gewaltexzesse.  

Am Anfang herrscht Jubel und Erleichterung. Die Novemberrevolution 1918, angetrieben von dem Verlangen, das Blutbad des Ersten Weltkrieges unverzüglich zu beenden und eine deutsche Republik zu erschaffen, erreicht ihre Ziele fast über Nacht und fast gewaltlos.

Eine Revolution wird 100 - allein in Berlin erinnern über 250 Ausstellungen und Veranstaltungen daran. Wie das Museum für Fotografie, dass eine aufschlussreiche Bildgeschichte der historischen Ereignisse zeigt.

Der Jubel der ersten Novembertage mündet vier Monate später in eine Eskalation mörderischer Gewalt. Wie es dazu kam und was daraus folgte, darüber hat der irische Historiker Mark Jones intensiv geforscht.

Mark Jones, Historiker
"Gewalt ist aus meiner Sicht das Thema der deutschen Geschichte zwischen 1914 und 1945. Die Frage besteht immer noch, wie ist aus einer relativ friedlichen Gesellschaft  eine Kriegsgesellschaft geworden, wie ging soviel Gewalt von Deutschland aus, wie entstand der Nationalsozialismus. Solche Fragen kann man nicht beantworten, ohne auf die Gewaltgeschichte einzugehen
."

Von Anfang an wird die Revolution begleitet von Gerüchten und Gräuelmärchen, die eine bolschewistische Umwälzung heraufbeschwören. Das Schreckgespenst der Stunde ist eine Minderheit: Karl Liebknecht und die Kommunisten.

6. Dezember 1918. Nach einem versuchten Staatsstreich rechter Militärs ziehen Spartakistengruppen in die Mitte von Berlin. Sie werden von schwer bewaffneten Regierungssoldaten erwartet. Es kommt zu einem Blutbad. Menschen auf dem Weg von der Arbeit rennen um ihr Leben. Eine Straßenbahn gerät in die Schusslinie, ein 16-jähriges Mädchen wird tödlich getroffen. 16 Menschen sterben, 80 werden verletzt.

Mark Jones, Historiker
"Es war eine Zäsur, weil es zum ersten Mal so viele Zivilopfer durch ein Mittel kriegerischer Gewalt - von deutschen Soldaten an deutschen Zivilisten - nach dem Ersten Weltkrieg gegeben hat."

Die Feindbilder von links und rechts radikalisieren sich, aus Parolen werden Taten. Die Spirale der Gewalt findet ihren grausamen Höhepunkt als Berliner Arbeiterräte am 3. März 1919 einen Generalstreik ausrufen. Es kommt zum bewaffneten Aufstand im Ostteil der Stadt. 30.000 Soldaten des Freikorps marschieren dagegen auf. Zum ersten Mal kommen Militärflugzeuge zum Einsatz. Dieses Foto zeigt die Überreste verbrannter Menschen nach dem Abwurf einer Fliegerbombe auf die Linienstraße.

Schließlich erlässt Reichswehrminister Gustav Noske einen Schießbefehl. Willkürlich können Soldaten nun vermeintliche Gegner verhaften und liquidieren. Tausende Berliner suchen in den Leichenhallen nach vermissten Familienangehörigen. 1.200 Menschen sterben in diesen Märztagen - Männer, Frauen, Kinder.

Mark Jones, Historiker
"Es wird sehr oft betont, dass die Revolution den Frauen das Wahlrecht brachte, und wir sollten das erinnern und das ist auch wichtig. Wir sollten aber auch nicht vergessen, dass nur ein paar Wochen später die gleiche politische Konstellation den Soldaten die Erlaubnis gegeben hat, auf Frauen und Kinder zu schießen."

Die von Regierungstruppen und Freikorps begangenen Gewaltexzesse waren Teil des Gründungsaktes der Weimarer Republik. Das analysiert Mark Jones in seinem spannenden Buch "Am Anfang war die Gewalt".

Als der Sommer kommt ist die Revolution vorbei, im August tritt die neue Verfassung in Kraft. Aber die Auswüchse mörderischer Gewalt, die Deutschlands Geschichte im 20. Jahrhundert prägen werden, beginnen nicht erst 1933. Sie haben ihren Anfang bereits erlebt.


Autor: Lutz Pehnert

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