Die Bühne im Stummfilmkino Delphi (Quelle: rbb)
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- Die Geschichte des Stummfilmkinos Delphi

Fast wäre es in Vergessenheit geraten, hätten nicht zwei junge Künstler in einer Sylvesternacht das Gebäude entdeckt: Brina Stinehelfer und Nikolaus Schneider haben das ehemalige Stummfilmkino Delphi vor dem Verfall gerettet. Jetzt gibt es hier wieder eine Bühne, die jüngst in der Serie Babylon Berlin prominent in Szene gesetzt wurde.

Was für ein Ort. Jeden Tag, wenn Brina Stinehelfer ihr Delphi betritt, ist sie aufs Neue inspiriert.

Brina Stinehelfer, Theater im "Delphi"
"Die Atmosphäre ist so besonders schön. Es ist nicht nur die Ästhetik, hier ist auch wirklich eine spürbare Energie und die vergangene Zeit."

Brina Stinehelfer kommt aus New York. Als sie zusammen mit dem Dresdner Musiker Nikolaus Schneider das heruntergekommene Kino entdeckte, wollte sie hier sofort etwas machen. Auch wegen der Bühne mit dem leuchtenden Bogen.

Brina Stinehelfer, Theater im "Delphi"
"Es war eigentlich für die Akustik gebaut. Es trägt den Ton vom Orchestergraben bis ganz oben zur letzten Sitzreihe. Es ist wirklich sehr beeindruckend. Hier waren 870 Sitzplätze, was heute schwierig ist sich vorzustellen, wie sie damals eingequetscht waren, so easyjetmäßig. Aber was wir von den Nachbarn gehört haben war, dass es damals günstiger war ins Kino zu gehen als Zuhause zu heizen."

Seit sechs Jahren sind die Theaterfrau und der Musiker nun ein Paar. Die Renovierung ist geschafft. Das meiste haben sie selbst gemacht und dabei ihr Herzblut gegeben.

Nikolaus Schneider, Theater im "Delphi"
"Wenn heute Leute in das Theater reinkommen und fragen, wann fangt ihr denn an mit der Sanierung, dann sagen wir: wir sind eigentlich fertig."

Brina Stinehelfer, Theater im "Delphi"
"Wir haben nur die Haustechnik gemacht. Die Patina bleibt."


Brina Stinehelfer führt uns hinab bis in die verborgenen Abgründe des Hauses.

Brina Stinehelfer, Theater im "Delphi"
"So, hier sind wir jetzt im Orchestergraben. Ein bisschen zugebaut für die Veranstaltung morgen. Wir haben hier tatsächlich einen Geist im Haus. Er hat sich gezeigt, als wir zum ersten Mal hier reingekommen sind, denn davor war es sehr lange zu. Dann hatten wir eine Fledermaus, die einmal über den Zuschauerraum gekreist ist - nur einmal. Wir haben sie nie wieder gesehen, bis letztes Jahr zur Wiedereröffnung nach der Renovierung, da ist diese Fledermaus wieder gekommen. Sie hat eine Runde gedreht und ist wieder verschwunden."

Und dann macht uns die Theaterfrau noch mit einem alten Kenner des Hauses bekannt.

Brina Stinehelfer, Theater im "Delphi"
"Ich kann euch gern unseren Nachbarn Arno Kiehl vorstellen. Den können wir jetzt treffen..."


Arno Kiehl, Anwohner
"Also, ich bin 1934 geboren und seit 1939 kenne ich dieses Kino, weil ich hier selbst im Kino mit meiner Mutter gewesen bin."


Den Platz vor dem Delphi nannte man früher "die Spitze". Der neue Name für ihn ungewohnt, aber geschichtsträchtig.

Arno Kiehl, Anwohner
"Wir stehen auf dem Caligari-Platz. Caligari, dieser Stummfilm wurde gedreht in Weissensee, zwar nicht hier an Ort und Stelle, wo wir sind, sondern in den Stummfilmateliers, wo auch eine ganze Menge Stummfilmgrößen waren, wie Marlene Dietrich und dergleichen."

Arno Kiehl wohnt gleich um die Ecke.

Arno Kiehl, Anwohner
"Mir war dieses Filmtheater immer anheimelnd. Prachtvolle Ornamente, wunderbare warme Farbtöne an den Wänden. Und das typische Ginggonggang..."


Nur bis 1956, erzählt er, bleibt das Filmtheater geöffnet. Dann wird es als Lagerhalle und Briefmarkengeschäft zweckentfremdet und verfällt. Und heute? Was sagt er zur maroden Patina von damals?

Arno Kiehl, Anwohner
"Die junge Generation mag ja solche Grufti-Situationen lieben, so dunkel, düster und mystisch. Ich fühle mich da drin nicht wohl, muss ich echt sagen. Aber es ist schon gut, dass der Nikolaus mit seiner Frau aus dem Vorhandenen noch etwas macht, was nach Kultur riecht."

Wer die beiden in ihrem Delphi erlebt, wird angesteckt von ihrer Leidenschaft.


Autor: Norbert Kron

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