Eingangstor zu den Gerichtshöfen in Berlin-Wedding (Quelle: rbb)
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- Geschichte der Gerichtshöfe in Berlin-Wedding

Der Lichtkünstler Günter Ries war der erste, der in den 80er Jahren eine verlassene Etage in den Gerichtshöfen in Berlin-Wedding zu seinem Atelier machte. In West-Berliner Zeiten stand der Gebäudekomplex größtenteils leer, bevor Künstler aus den sechs Gewerbehöfen eines der größten Künstlerquartiere der Stadt machten.

Morgens im Wedding. Günter Ries zeigt uns die Gerichtshöfe. Schon lange beschäftigt er sich mit der Geschichte des Gebäudes.

Günther Ries, Lichtkünstler
"Man kann hier sehen, dass es deutlich eine Lücke gibt, die in den letzten Kriegstagen entstanden ist. So wie eine ältere Mieterin das erzählt hat, hat wohl ein Hitlerjunge in den letzten Tagen mit einem Flakgeschütz hier gestanden, konnte das nicht richtig bedienen und hat sich damit leider selbst in die Luft gesprengt und somit eben auch dieses Mittelstück, das nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut worden ist."

Seit über 30 Jahren arbeitet der Lichtkünstler hier in den Gerichtshöfen. Monatelang hat er sich in alte Bauakten vertieft, die er in Archiven gefunden hat.

Günther Ries, Lichtkünstler
"Es gibt im Bauamt Zeichnungen, die sind von 1852. Es gab hier vorne vom Apotheker Riedel ein Wohnhaus, und man kann hier nochmal ein bisschen deutlicher sehen, dass in dem Hof, wo wir jetzt stehen, eher so Gartenanlagen waren."

Heute gibt es in den sechs Höfen Wohnungen, Kleingewerbe und mehr als 70 Künstlerateliers. Im Hof trifft Günter Ries seinen Künstlerkollegen, den Maler Helmut Gutbrod. Günter Ries will ihm den Keller zeigen, wo er eine rätselhafte Tür entdeckt hat.

Günther Ries, Lichtkünstler
"Ja, guck mal hier war dieser Gang. Ich mache mal die Tür auf. Ich gucke mal rein. Das sollte ein Gang sein, der eventuell zu diesem Flakbunker geht."

Helmut Gutbrod, Künstler
"Zum Gesundbrunnen."
 

Der Gang ist zugemauert und wohin er führt bleibt ein Geheimnis.

Helmut Gutbrod, Künstler
"Und das ist hier die Schaltzentrale?"

Günther Ries, Lichtkünstler
"Ja. Hofbeleuchtung und eben dieser Schalter fürs Licht."


Vor ein paar Jahren hat Günter Ries eine Lichtinstallation gestaltet, eine Lichtachse durch alle Höfe. Die Bilder in den Durchgängen hat Helmut Gutbrod zusammen mit anderen Künstlern gemalt.

Günther Ries, Lichtkünstler
"Für mich ist es immer ein ganz schönes Gefühl, wenn man hier so reingeht, dann ist so eine Lebendigkeit, so ein Farbklang hier. Es hebt einfach die Stimmung, es ist nicht so düster."

Helmut Gutbrod, Künstler 
"Ich staune, wie sich das Kunstwerk in den letzten 20, 25 Jahren verändert hat, auch einige Handwerker etwas rustikal damit umgegangen sind, indem sie Partien neu ausgespachtelt haben."

Noch immer gibt es hier viele Handwerker. Christian Böhm ist auch spät am Abend noch am Arbeiten. Er hat vor Jahren eine Firma übernommen. Günther Ries besucht ihn oft. 

Günther Ries, Lichtkünstler

"Hallo Günter. Was machst Du denn Schönes hier?"

Christian Böhm, Handwerker
"Ein Spezialwerkzeug bauen für die Berliner Verkehrsbetriebe. Ein spezielles Richtwerkzeug  wird das."

Günther Ries, Lichtkünstler
"Guck mal, das sind alte Fotos aus dem Hof, das ist die KFZ-Werkstatt, das sah auch noch ein bisschen anders aus. Das muss noch so ein Ungetüm von Euch gewesen sein."

Christian Böhm, Handwerker
"Ja. Die Krane wurden dann so hier gebaut."

Christian Böhm führt den Betrieb seit 1989. Vor mehr als hundert Jahren haben ihn die Gebrüder Bolzani gegründet und ihre Flaschenzüge und Kräne weltweit verkauft.

Günther Ries, Lichtkünstler
"Wir finden das auch toll, dass es hier Handwerk gibt, weil Künstler sind ja auch irgendwo Handwerker und das es ebenso eine Mischung ist."
 
Die Gerichtshöfe am Abend. Man hilft sich, wo man nur kann. Und die Bewohner wünschen sich, dass das so bleibt.


Autorin: Margarete Kreuzer

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