Marco Saß mit seinem Buch "Quartier Latin" (Quelle: rbb)
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- Quartier Latin

Deutsche Stars wie Nena und Nina Hagen begannen hier ihre Karrieren, auch Herbert Grönemeyer hat hier seinen Durchbruch: Das Quartier Latin war in der 80er Jahren eine Institution in der Westberliner Musikszene. Ein neues Buch blickt auf die schillernde Geschichte des Clubs.  

Was sich am Abend des 25. Februar 1978 vor dem Quartier Latin abspielte, stellte alles Bisherige in den Schatten. Auf der Bühne war die Band schon in vollem Gange, vor dem Eingang drängelten sich noch  immer tausende Menschen. Es war die Geburtsstunde eines Stars: Nina Hagen im Quartier Latin.

Marco Saß, Buchautor

"'Für Marco. Hallo, du einsamer Boy. Dir will ich sein für immer treu, denn du siehst so locker aus. Grüsse von der Nina Hagen.' Das war bei dem ersten Konzert. Treu gewesen ist sie mir, glaube ich, auch nicht."

Marco Saß war der "Boy" aus dem Quartier Latin. Er war 13 als Nina Hagen auf der Bühne des Ladens ihren Durchbruch erlebte und ihm so schön ins Autogrammbuch schrieb.

Marco Saß ist der Sohn der ehemaligen Betreiber Christa und Manne Saß und er ist im Quartier Latin quasi aufgewachsen. Damals war hier Rock'n'Roll, dazwischen machte der Schüler Marco seine Hausaufgaben und hörte den Geschichten der Stammgäste zu.

Von 1972 bis 1989 war das Quartier Latin die Keimzeile der Berliner Musikszene für deutschen Rock, Neue Deutsche Welle, Folk und Jazz. Den Soundcheck störte verlässlich Papagei Loretta. Ebenso besonders waren auch die Betreiber des Quartier. Manne Saß, der Chef mit der Schiebermütze, war ein Schiffskoch aus Hamburg, ohne Ahnung von der Musikbranche. Er stolperte 1972 über eine Annonce in einer Zeitung: ein Musikladen stand zum Verkauf. Und Seine Frau wollte zurück nach Berlin. Christa, 17 Jahre älter als Manne, verabscheute den Krach der E-Gitarren und kümmerte sich trotzdem rührend um die Musiker. Das Paar hier mit Chi Coltrane.

Marco Saß, Buchautor
"Sie hat den Laden geschmissen. Auch hier fällt mir ein, wie man heute sagt, Manfred hat das Front-Office bedient, war für die Leute da, war präsent, aber Mutter hat eigentlich auch mit eiserner Hand dafür gesorgt, dass die Kohle zusammenblieb und hat den Laden sauber gemacht."

Hier wo heute alles plüschig ist und rein, war es damals ziemlich abgeranzt und im Winter auch saukalt.

Marco Saß, Buchautor

"Jetzt steht ihr da, wo einst Nena und Nina Hagen gestanden haben, und ich sie auf Film gebannt habe."


Irgendwann animierte der Barmann Marco dazu sich eine Kamera zuzulegen, und die hat er noch heute. So wurde in den 80ern aus ihm der Fotograf und Chronist des Quartier Latin, der all die späteren Stars vor die Linse bekam.

Marco Saß, Buchautor 
"Drei oder vier Titel stand ich dann vorne, habe meine Fotos gemacht und danach brav dann entwickelt und morgens dann die Abzüge vor der Schule in die Redaktion gebracht. Das war ganz passend, weil der Tagesspiegel war gegenüber, das war jetzt nicht so weit."

Ein Jahr bevor Herbert Grönemeyer seinen Durchbruch erlebte, gab er 1982 im Quartier ein Konzert. Das Interesse hielt sich noch derart in Grenzen, dass sich nur zwei Zuschauer einfanden. Daraufhin ließ Herbert die Kneipe oben räumen und lud die 30 Leute einfach ein. Der Gig wurde legendär.

Ein neues Buch versammelt nun all die Geschichten rund ums alte Quartier Latin. Mit dem Ende von Westberlin geht auch der Musikladen an der Potse den Bach runter. Er hatte seine goldene Zeit.


Autor: Sascha Hilpert

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