Zwei Passantinnen mit Kopftuch überqueren eine Kreuzung in Berlin-Wedding (Quelle: rbb)
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- Künstler und ihr Kiez

"Der Wedding kommt" heißt es schon seit Jahren. Aber für die einen ist er weiterhin der Problemkiez mit viel Kriminalität, für die anderen total angesagt. Denn hier passiert viel in Sachen Kunst und Kultur. Wie beurteilen die Bewohner den Wandel in ihrem Kiez?

Was einem im Wedding auffällt, sind vor allem Shisha-Bars, Spielhallen und Spät-Kioske. Und die Kunstateliers, von denen wissen nur wenige.

Passantin
"Nein, habe ich noch nicht gehört."


Und in der Änderungsschneiderei um die Ecke?

Schneiderin
"Ich kenne nicht so gut."


Mittags im Wedding, ein ganz normaler Tag.

Schneiderin
"Manchmal wenn ich arbeite, sagen meine Kunden: sehr gut. Und sagt sie oder er immer: Oh, sind Sie eine Künstlerin!“


Ende der 80er Jahre sind die ersten Künstler in die Gerichtshöfen eingezogen. Damals standen hier viele Räume leer.

Passantin

"Ich kenne die noch als Fabrik. Da waren Büros und eine Tischlerei. Und jetzt habe ich das mitgekriegt, dass hier überall Künstler sind. Aber ich muss erstmal gucken, was da ist. Es ist schade, dass man es nicht weiß. Man geht hier so vorbei. Da hinten muss ja auch noch so einiges sein.“

Der Wedding verändert sich nach und nach und manch Eingesessener entdeckt den Stadtteil neu. 

Autor

"Wussten Sie, dass hier ganz viele Künstler sind?"

Passantin
"Ja, Künstler sollen hier sein, das stimmt. Hier kommt ja ganz viel raus."

Autor
"Was kommt raus?"

Passantin
"Na, Menschen."

Autor
"Wo man schon sieht, dass die Künstler sind? Woran erkennt man so was?"

Passantin
"Ich weiß nicht, wie sie angezogen sind und so."


Den Kiosk an der Ecke gibt es seit drei Jahrzehnten. Seit zwei Jahren ein neuer Besitzer. Bei ihm treffen sich alle.

Kioskbesitzer
"Ich wohne seit 20 Jahren in der Gerichtsstraße.

Kioskkunde
"Wir sind ja fast wie eine Familie hier. Jeder kennt sich, jeder sieht sich."

Kioskbesitzer
"Wie ich zur Zeit merke, kommt sehr viel junges Publikum hierher in den Kiez. Das hat auf jeden Fall sehr viel mit Kunst zu tun. Da sind sehr viele Räume, die Kunstveranstaltungen machen. Das merken wir erst recht am Wochenende, wenn so viele Leute da drüben stehen. Dann erzählen sie auch, was da abläuft und wie es in den Läden zugeht."

Die neue Kundschaft ist gut fürs Geschäft, auch wenn sie manchmal in dieser Gegend verunsichert ist.

Kioskbesitzer  
"Ich höre immer, der Wedding ist so gefährlich. Da brauchen Sie sich gar keine Sorgen zu machen, die Zeiten haben sich geändert. Es gibt natürlich Kriminelle, aber nicht mehr so viele wie früher."

Vor allem kommen auch die Studenten. Dank des neuen Wohnheims. Die Neubauten und steigende Mietpreise - sie sind es, die den Alteingesessenen Sorgen bereiten.

Passantin

"Wir sind hier geboren."

Passant
"Früher war hier das Stadtbad. Da sind wir als Kinder von der Schule aus schwimmengegangen. Das ist jetzt auch alles Wohnungen geworden."

Passantin
"Nein, das ist doch das Studentenwohnheim, hier dieses Stadtbad. Die Immobilienmakler kaufen alles auf. Wir beide sind davon betroffen. Wir haben unser Leben lang gearbeitet und wir kriegen eine Kleckerrente. Uns haben die so gekürzt. Wir waren im öffentlichen Dienst. Ich kann Ihnen sagen, hier."

Gegen die Künstler haben die Menschen hier nichts - im Gegenteil.

Passant
"Der Wedding ist, glaube ich, eine der Hochburgen für Untergrundkunst und ich glaube ein wunderbarer Ort für alle, die kunstschaffend sein wollen."


Autor: Norbert Kron

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