Kurator Felix Hoffmann in der C/O Galerie Berlin vor Beginn der Ausstellung "Das letzte Bild" (Quelle: rbb)
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- "Das letzte Bild - Fotografie und Tod" in der C/O Berlin

Der Tod wird seit Jahrhunderten in der Fotografie thematisiert, manchmal abstrakt, manchmal intensiv und nur schwer auszuhalten. Die Galerie C/O Berlin widmet sich in ihrer neuen Ausstellung den vielschichtigen Abbildungen von Sterben und Tod.  

Dies ist der Redakteur Reitmayer. Als diese Aufnahme entstand war der Mann längst tot.  Herr Reitmayer hat sich mit Zyankali vergiftet. Man hat ihn danach hergerichtet, als sei nichts gewesen, sogar eine Zigarette bekam er zwischen die Finger. Es ist ein Totenportrait aus dem Jahr 1864. Reitmeyer und andere tote Zeitgenossen hat man damals wie lebend fotografiert.

In der C/O Galerie wird vom Kurator noch letzte Hand angelegt. "Das letzte Bild - Fotografie und Tod" lautet der Titel dieser imposanten Ausstellung. Es geht durch drei Kapitel: Sterben, Töten, Überleben. Kurator Felix Hoffmann spannt einen großen Bogen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Entree besteht aus einer Wand mit Totenmasken, die hatten ihre Blüte im 19. Jahrhundert, genau wie die Leichenfotografie: man will nah ran an den Körper, den Tod beglaubigen, festhalten, dass da jemand tot ist.

Felix Hoffmann, Kurator

"In der Ausstellung geht es die ganz Zeit um diese Frage von Bild und Körper, Abbild und Körper. Was ist der Leichnam? Was ist das erste Bild? Ist vielleicht der Gestorbene auch schon sowas wie ein Bild, weil er nicht mehr lebt?"

Das ist ein eindrucksvoller Gedanke. Auch die Fotografie lässt in Leblosigkeit erstarren, was sie zeigt. Der Tod ist in ihr angelegt. Die Arbeit "Noch mal leben" von Walter Schels erzählt vom Sterben. Der Fotograf hat Menschen im Hospiz porträtiert, in ihren letzten Lebenstagen und nach Eintritt des Todes. Das Ablichten und Betrachten Verstorbener erscheint heute fremd und irgendwie bedenklich. Im 19. Jahrhundert entsprachen Foto-Portraits der Toten dem Zeitgeist.

Felix Hoffmann, Kurator
"Wenn man sich das mal genau anguckt, diese ganzen Sarggeschichten, das ist schon wahnsinnig inszeniert, um mit dem Moment des Todes und des Sterbens umgehen zu können."

Andere Andenkenbilder sind Assemblagen von Nonnen: die Haare der Toten sind zu einem kunstvollen Ornament geflochten, fein wie Stickereien. Es sind Fetische.

Die Ausstellung ist keine reine Leichenschau, sie hat einen Facettenreichtum und erzählt auch wie Krieg und jede Form von Gewalt Tote hinterlässt. Das Attentat auf John F. Kennedy findet ebenso Raum, wie die Todesnacht von Stammheim 1977.

Arwed Messmer, eine Größe der deutschen Gegenwartskunst, ist hier gerade mit der Hängung der Zellenbibliothek von Gudrun Ensslin beschäftigt. Messmer hat sich für seine Arbeit "RAF – (No Evidence) / Kein Beweis" mit den Polizeifotos aus den Zellen von Stammheim auseinandergesetzt. Dem Magazin "Stern" wurden 1977 Fotos der Toten zugespielt.

Messmer, der sich als Bildarchäologe versteht, hat die Staatsarchive durchforstet und die Negative der Polizeifotografen gesiebt.

Arwed Messmer, Fotograf
"Das sind die expliziten Aufnahmen der Toten, die ich in dem Buch so nicht zeigen möchte. Die werden im Grunde genommen aber nicht unterschlagen, sondern auch als Negativ mit Nummer gezeigt und der Inhalt wird nach einem nüchternen Schema einfach ganz trocken beschrieben."

Arwed Messmer stellt seine Funde gegen die Bilder des kollektiven Gedächtnisses. Eine bild-archäologische Rekonstruktion. Kein Bild verschweigen, aber auch nicht alles zeigen.

Duane Michals' Fotoserie "Grandpa goes to Heaven" aus dem Jahr 1989: Der amerikanische Fotograf begreift Fotos nicht als Dokumente, sondern als etwas, in dem sich Vorstellungen und Wünsche verfangen.

"Das letzte Bild" ist eine Ausstellung über den Verlust und das Leben selbst.


Autor: Sascha Hilpert

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