Dagmara Genda (Quelle: rbb)
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Bild: rbb

- Ausstellung "Etwas kam auf uns zu"

Ein mehr als 120 Jahre altes Mietshaus in Berlin-Charlottenburg wird ab März abgerissen, um Platz zu machen für einen Gewerbeneubau. Die letzten Mieter bestücken ihre alten Wohnungen vorher noch mit Kunst, die dann vernichtet wird.  

Stressige Tage für Dagmara Genda. Das Haus, in dem sie seit zwei Jahren wohnt, soll aberissen werden, vorher will sie es für alle zugänglich machen. Mit einer Ausstellung. Noch vor wenigen Tagen war das hier ihr Wohnzimmer. Und hier ihr Arbeitszimmer.

Dagmara Genda, Künstlerin
"Ich wollte nur wissen, wie das alles sich entwickelt und aussieht. Ja, es sieht super aus.“


Dagmara Genda ist in Kanada aufgewachsen, arbeitet als Künstlerin. Sie hat Freunde eingeladen, um die eigene Wohnung in eine Ausstellung zu verwandeln.

Dagmara Genda, Künstlerin
"Es ist wirklich ein Abschied, ein Prozess, den wir durchführen. Dadurch läuft es nicht so schnell ab. Es ist eine Trauerfeier, habe ich das genannt."

Dagmara Genda und ihr Partner, William Engelen, sind die letzten, die noch im Haus verblieben sind. Der Komponist lebt seit 19 Jahren hier. Die Wohnung ist sein zu Hause. Und nicht nur für ihn.

William Engelen, Komponist

"Das ist einer der ältesten Bewohner im Haus, diese Monstera deliciosa ist auch bestimmt seit 17 oder 18 Jahren hier. Wir nennen ihn Jochen. Der hat sich sehr wohl gefühlt hier, lebt noch immer. Der stand vorher immer da in der Ecke, und für diese Ausstellung, dachte ich, wir stellen ihn mal in den Mittelpunkt."

Den Abriss ihres Hauses können sie zwar nicht aufhalten, aber sie wollen es vorher noch mal allen zeigen. Noch einmal alles aufleben lassen.

Dagmara Genda, Künstlerin
"Man kann nicht reingucken, aber der Blick ist wirklich interessant."

Dagmara Genda versucht eine Taschenlampe am Schlüsselloch anzubringen. Sie will ein Blick auf die entkernten Wohnungen ermöglichen.

Dagmara Genda, Künstlerin
"Das Haus ist auch außergewöhnlich, 122 Jahre alt, es sieht ganz außergewöhnlich und komisch aus, zwischen all diesen anderen modernen Gebäuden, zwischen Smart und Mercedes Benz. Es gibt eine sehr bunte Geschichte hier. Vergangenheit."

Das Haus in der Englischen Straße ist auf drei Seiten eng umbaut. Seit knapp fünf Jahren eingeklemmt zwischen austauschbaren Fassaden.

Im Haus treffen weitere Künstler ein. Engelen frickelt an einer Klanginstallation. Sie soll die Besucher nach oben in die Wohnung geleiten.

Autorin
"Wenn die Wände hier Geschichten erzählen könnten, was würden sie sagen?"

William Engelen, Komponist
"Bleibt doch hier. Verlasst das Haus doch nicht."

Emily Hunt kommt aus Sydney. Sie ist Keramikkünstlerin und lebt seit wenigen Monaten in Berlin. Dass die Fliesen, die sie per Hand selbst herstellt, später wieder zerstört werden, macht für sie einen besonderen Reiz aus.

Emily Hunt, Künstlerin
"Ich sehe es als Chance, als dürfte ich so etwas wie den Sarg beisteuern. Als Künstler bekommst du selten die Gelegenheit so spirituell zu arbeiten."

Es ist ein Abschied, der zum rauschenden Fest werden soll. Denn was wäre Berlin ohne Veränderung. Und doch verstehen sie ihre Ausstellung auch als Protest.

Dagmara Genda, Künstlerin
"Das bedeutet nicht, dass Berlin so bleiben muss, wie Berlin war. Aber das wir die Entwicklung irgendwie anders steuern müssen, um Platz für Leute, Künstler, Menschen hier zu behalten."


Autorin: Stefanie Groth

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