Kurator Andreas Engwert in der Ausstellung "Stasi in Berlin" (Quelle: rbb/Archiv)
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- Die Ausstellung "Stasi in Berlin"

Die DDR-Staatssicherheit installierte einst in ganz Berlin ein System der Unterdrückung und Verfolgung. Welcher Mittel und Methoden sie sich dafür bediente, zeigt die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ab Ende März in einer neuen Sonderausstellung.

Berlin bei Nacht. Das einzige was leuchtet: Die Mauer. Stück für Stück baut sich ein Bild der Stadt auf - das Netz der Stasi-Überwachung, wie es der Historiker Andreas Engwert nennt.

Andreas Engwert, Kurator
"Als Besucher wird man über diese Karte laufen, wird sich orientieren, wird feststellen, hier dieses Lichtband ist der Mauerverlauf. Und um jetzt etwas herauszugreifen, sehe ich hier den Bahnhof Friedrichstraße. Und entlang der Friedrichstraße sehe ich auch einen Punkt und kann mir genau diesen Punkt auf dem Tablet anwählen und erhalte dann auf meinem Tablet hier Informationen zu dem Standort der Stasi mitten in der Stadt."

Über 4.000 von diesen Standorten der Stasi haben die Historiker erforscht. Andreas Engwert nimmt uns mit an zwei davon. Der erste liegt im Westen, in Steglitz. Denn auch dort operierte die Stasi.

Andreas Engwert, Kurator
"Ja, hier wurde 1961 Heinz Brandt entführt, ein ehemaliger SED-Funktionär, der sich in den Westen abgesetzt hatte. Und die Stasi wollte den offensichtlich zurückholen. Um diese Entführungsfälle durchzuführen, hat die Stasi natürlich Spitzel eingesetzt. Im Fall von Heinz Brandt war das eine Bar-Dame. Und er ist mit ihr in die Wohnung gegangen, das war hier in diesem Haus, und hat dann einen Whiskey bekommen, und dann hatte sie ein Betäubungsmittel da rein gemacht. Dann hat er sich, weil ihm wahrscheinlich schwummrig wurde, versucht auf den Nachhauseweg zu begeben. Und dann wurde er hier draußen von einem Greifkommando ins Auto gepackt und über die Sektorengrenze nach Ost-Berlin gebracht."

Mehr als zwei Jahre haben Engwert und seine Kollegen tausende Fotos gesichtet, zehntausende Seiten Stasi-Unterlagen durchforstet.

Andreas Engwert, Kurator
"Wir haben auch so einen Haufen Material mit dem wir spielen, Vorher-Nachher-Aufnahmen. Das kann schon ganz spannend sein, wenn man die sich anschaut und jetzt mit diesem neuen Blick auf seine eigene Stadt schaut."

Etwa auf seine eigene Nachbarschaft: die Dossestraße in Friedrichshain. Hier brachte sich vor 50 Jahren ein Mann in Schwierigkeiten: Michael Brack.

Im Sommer 68 malt er Parolen an mehrere Wände in Ostberlin.

Michael Brack, Zeitzeuge
"Das stand damals sehr viel größer an dieser Häuserwand."


Mehr Freiheiten, ein liberalerer Sozialismus. Ein Versuch, der im Sommer 1968 in Prag brutal beendet wird. Brack und ein Freund wollen dagegen protestieren. Über die Konsequenzen ihrer nächtlichen Aktion sind sie sich nicht im Klaren.

Michael Brack, Zeitzeuge
"Ich war 19 Jahre alt, war nicht explizit politisch, ich mochte die Rolling Stones, wie alle Jugendlichen damals mochte ich Sex and Drugs and Rock’n’Roll und war eigentlich nur sauer auf diesen Staat, dass der einem das nicht erlaubt hat und dass man überall gegängelt wurde."

Brack wird denunziert, von einem Bekannten. Er muss drei Monate in Haft. Danach wird er über zehn Jahre überwacht.

Michael Brack, Zeitzeuge  
"Ich hätte nie gedacht, dass ich für die so wichtig bin. Ich habe mich nicht als staatsfeindlich empfunden."

Andreas Engwert, Kurator
"Ich glaube, dass sich in der Ausstellung so ein Bild zusammensetzt. Das sind lauter kleine Puzzlestücke. Überwachung und Repression ist halt ein vielfältiges Bild. Es sind verschiedene Maßnahmen zur Anwendung gekommen. Und aus der Zusammenschau von vielen verschiedenen Einzelfällen ergibt sich, glaube ich, ganz gut so ein Bild: Wie hat das damals ganz konkret in Ost-Berlin funktioniert. Wie hat Überwachung stattgefunden."

In dieser Ausstellung wird die Geschichte von 100 Orten erzählt, an denen die Stasi in Berlin operierte. Eine faszinierende Idee.


Autorin: Carolin Haentjes

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